Bundesliga-Überraschung SC Freiburg Streicheleinheiten

Christian Streich liegt mit dem SC Freiburg überraschend auf Platz drei der Bundesliga. Und er ist weiterhin ein Segen für den Verein - weil er eine wesentliche Eigenschaft besitzt.

Trainer mit enger Bindung zu den Spielern: Christian Streich (links) umarmt Torschützen Lucas Höler
Patrick Seeger / DPA

Trainer mit enger Bindung zu den Spielern: Christian Streich (links) umarmt Torschützen Lucas Höler

Von Tobias Escher


Christian Streich arbeitet mittlerweile so lange in der Bundesliga, dass er fast alles schon einmal erlebt hat. Selbst den SC Freiburg im Europapokal.

In der Saison 2012/2013 führte Streich seinen Klub auf Rang fünf, in der folgenden Spielzeit trat Streich mit Freiburg in der Europa League an.

Sechs Jahre später arbeitet der ewige Streich noch immer in Freiburg - und sein Team steht wieder einmal auf einem Europapokal-Platz. Nach sechs Spieltagen ist der SC Tabellen-Dritter. Er liegt damit vor den finanziell weitaus weicher gebetteten Klubs aus Schalke, Leverkusen und selbst vor Vizemeister Dortmund, dem kommenden Gegner der Freiburger (Samstag, 15.30 Uhr, live im SPIEGEL-Ticker, TV: Sky). Freiburg ist die große Überraschung dieser noch jungen Bundesligasaison.

Streich mag der dienstälteste Trainer der Liga sein, altbacken ist seine Arbeit nicht. In Freiburg beweist er diese Saison wieder, dass er ein Trainer auf der Höhe der Zeit ist. Er profitiert aber auch von einem eingespielten Kader, Schlüsselspielern in Topform - und der gütigen Mithilfe der DFL. Doch vom erneuten Europapokal dürfte nicht einmal Streich selbst träumen.

Streich, das Taktikfüchsle

Streich gelingt etwas Wesentliches: Er entwickelt sich stets weiter, vor allem im taktischen Bereich. Als er den SC Freiburg im Jahr 2013 in die Europa League führte, war er noch ein strenger Verfechter der 4-4-2-Formation. Woche für Woche schickte er dieselbe Elf auf das Feld. Eingespielte Abläufe waren die Stärke seines Teams.

Streich geht mit der Zeit
Christian Kaspar-Bartke / Getty Images

Streich geht mit der Zeit

Mittlerweile ist aus dem Badener ein echtes Taktikfüchsle geworden. Freiburg wechselt spielerisch zwischen Dreier-, Vierer- und Fünferkette. Vor dem Spiel bereitet sich Streich akribisch auf den Gegner vor, während der Partie passt er die Formation laufend an.

Streichs Anweisungen helfen seinem Team vor allem im Pressing. Um möglichst viele Eins-gegen-Eins-Situationen auf dem Feld herzustellen, spiegelt er häufig die Formation des Gegners. Manches Mal schafft Streich auch bewusst eine Überzahl auf dem Flügel. Dort treten seine Freiburger dann besonders aggressiv auf.

Wie entscheidend die taktische Vorarbeit auf den Gegner für Streich ist, unterstrich er am 33. Spieltag der vergangenen Saison. Damals verlor Freiburg 0:3 gegen Absteiger Hannover 96. Streich führte die fehlende Videoanalyse als Grund an: "Wir haben mal kein Video gemacht, nicht alles wieder auf den Punkt auf den Gegner zugeschnitten, weil wir die Jungs nicht permanent nerven wollen. Doch wenn wir es nur ein kleines bisschen verändern, kommt das raus."

Der Kapitän als Schlüsselspieler

In dieser Saison hat Streich die Videositzungen offensichtlich nicht ausfallen lassen. Sein Team zeigte sich bisher bestens vorbereitet. Aktuell bevorzugt Streich eine 3-4-3-Variante. Freiburg beschäftigt keine klassischen Außenstürmer, dafür haben sie in Linksverteidiger Christian Günter und Jonathan Schmid zwei dynamische Außenverteidiger. Deren offensive Präsenz ist ein Pluspunkt des Freiburger Teams.

Vor allem Günter befindet sich zurzeit auf der Höhe seines Schaffens. Freiburgs Kapitän war als Dauerläufer auf dem linken Flügel schon immer ein unterschätzter Eckpfeiler des Teams. Seit einiger Zeit zieht er vermehrt diagonal vom linken Flügel ins Zentrum, wirbelt damit gegnerische Defensivreihen durcheinander und gelangt häufiger in den Strafraum. In den vergangenen drei Partien bereitete er drei Treffer vor und erzielte einen selbst.

Diese Diagonalläufe sind indes nicht gänzlich neu - wie so vieles im Freiburger Spiel. Faktisch unterscheidet sich Freiburgs System in dieser Saison nur marginal von der Spielweise der vergangenen Saison, die sie auf Position 13 abschlossen. Rechtsverteidiger Schmid ist der einzige neu verpflichtete Profi, der zum Stammspieler aufstieg. Wie Königstransfer Vinzenzo Grifo hat aber auch er bereits eine Freiburger Vergangenheit. Die Mannschaft kennt sich, den Trainer und die verschiedenen Taktiken. Das ist ein Vorteil, beantwortet die Frage aber nur unzureichend, warum Freiburg ausgerechnet jetzt auf dem dritten Rang der Tabelle steht.

Der Spielplan als Freiburger Helferlein

Der gewichtigste Faktor des Freiburger Höhenflugs ist nämlich der Spielplan. Die DFL hat den Breisgauern ein leichtes Auftaktprogramm zugeteilt. Sie siegten gegen Hoffenheim (aktuell Tabellen-Zwölfter), Fortuna Düsseldorf (14.), Mainz (16.) und Paderborn (18.), holten ein Unentschieden gegen Augsburg (13.) und verloren gegen Köln (17.).

Entsprechend zurückhaltend bewerten die Freiburger Verantwortlichen die Ergebnisse. Sie wissen: Wenn es gegen die Topteams der Liga geht, kann aus der Positiv- schnell eine Negativserie werden.

Dass sie in Freiburg nicht allzu laut vom Europapokal träumen, dürfte nicht nur einem gesunden Realismus geschuldet sein. Allen ist noch präsent, was auf die letzte Europapokal-Teilnahme folgte. In der Saison 2013/14 schied Freiburg in der Gruppenphase der Europa League aus, einige Monate später wurde der SC 14. der Bundesliga, ein Jahr später stieg er ab.

Streich hat also auch schon erlebt, wie Euphorie ganz schnell kippen kann.

Anmerkung der Redaktion: Der SC Freiburg stieg nicht in der Saison 2013/2014 ab, sondern in der Saison 2014/2015.



insgesamt 20 Beiträge
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peeka(neu) 05.10.2019
1. System Freiburg
Als Aussenstehender kann ich die Erfolgsfaktoren des SCF natürlich nur vermuten. Aber es scheint eben dort ein sehr harmonisches System im Verein zu geben, in dem jede Person für die andere arbeitet und zwischen den Handelnden eine große Vertrauensbasis existiert. So muss dann CS genauso wenig um seinen Arbeitsplatz fürchten wie sein Vor-vor-vorgänger Volker Finke
Sendungsverfolger 05.10.2019
2. Glaskugel
Aha. Und wie sollten die Spielplaner der DFL wissen, dass die Mannschaften, gegen die der SCF am Anfang der Saison spielt, am 6. Spieltag am Ende stehen (wobei Hoffenheim, Düsseldorf und Mainz in der letzten Saison vor Freiburg standen)? Glaskugel??? Korrelativ logisch ist, dass diese Mannschaften im unteren Tabellendrittel stehen, WEIL sie gegen Freiburg Punkte gelassen haben, denn diese 3 Punkte fehlen ihnen jetzt ganz einfach. Ansonsten stimmt der Artikel natürlich, aber logisches Denken ist manchen Sportredakteuren und Couchfußballern einfach fremd. Und ja, Christian Streich wird auch in der nächsten Saison Trainer beim SCF sein, selbst wenn der dann in der 2. Liga spielt, was immer noch möglich ist (vorausgesetzt er will das und er erleidet keinen Infarkt am Spielfeldrand). Und das weiß Streich, weiß der SCF und wissen die Fans. Genau das macht Freiburg aus, und deshalb funktioniert das "System" auch nur in Freiburg .
nofake 05.10.2019
3. Guter Artikel, vielen Dank an SPON
Es gehören immer viel Faktoren zu einem guten Lauf, so auch Glück und Zufall. Dass dieser phantastische Tabellenplatz aktuell in Freiburg fehleingeschätzt wird, ist ausgeschlossen. Gute Einkäufe, viel Nachwuchsarbeit, viel harte Arbeit und Motivation, Teamgeist und ein "harmonisches" Umfeld sind auf der Haben-Seite. Somit: viel Erfolg gegen die wohlhabenden Dortmunder heute Nachmittag und wieder drei Punkte!!! Und weiterhin alles Gute für das Taktik-Füchsle :-). Nächstes Jahr bitte wieder 1. Bundesliga im neuen Stadion.
c700 05.10.2019
4. Toller Artikel
Der SC Freiburg ist für mich die beste Mannschaft der Liga, schon allein deshalb, weil sie sich mit relativ bescheidenen finanziellen Mitteln, aber einem tollen Trainer in der Bundesliga halten können. Die sog. Spitzenclubs mit ihren 100ten und mehr Millionen langweilen mich.
Korken 05.10.2019
5. Jedes Jahr neu nach dem Ausverkauf
Es ist immer wieder fantastisch zu sehen, was der SC Freiburg jedes Jahr neu aufbaut, nachdem die guten Spieler von den Großen langweilig weggekauft werden - wobei ich als Ausnahme Nils Petersen sehr loben muss, der ob Leistungsträger einfach wusste, was man an Freiburg hat und blieb! Ein ganz starkes Team, ich hoffe, sie werden noch lange in der 1. BL bleiben, gerade wenn es kommende Saison ins neue Stadion gehen soll. Viel Erfolg heute gegen Dortmund.
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