SC Freiburg Leider erfolgreich

Dem Bundesliga-Underdog SC Freiburg winkt die Qualifikation für die Europa League, doch die Freude über den überraschenden Erfolg ist getrübt: Die besten Profis verlassen den Club. Für die kommende Saison droht eine paradoxe Situation. Der SC könnte im Europacup spielen - und gegen den Abstieg.

DPA

Hamburg - Wer zu Beginn dieser Bundesliga-Saison vorausgesagt hatte, der SC Freiburg werde sich am Ende für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren, der hatte damit eine ziemlich exklusive Meinung. Auf dem mäßigen zwölften Platz hatte der SC die vorherige Spielzeit abgeschlossen, keine der acht Neuverpflichtungen kam aus der Bundesliga. Christian Günter, Mounir Bouziane und Erich Sautner stießen aus dem eigenen Nachwuchs nach oben, Hendrick Zuck wechselte aus Kaiserslautern, Max Kruse vom FC St. Pauli zu den Freiburgern. Was sollte man damit schon reißen?

Jetzt, zwei Spieltage vor Saisonschluss, könnte dem SC Freiburg genau das gelingen: die Qualifikation für die Europa League. Nach dem Sieg gegen Augsburg am vergangenen Wochenende liegt das Team von Trainer Christian Streich mit 48 Punkten auf dem sechsten Platz, drei Punkte vor dem HSV und vier vor Mönchengladbach. Am Samstag (15.30 Uhr Sky, Liveticker SPIEGEL ONLINE) tritt der SC bei Absteiger Greuther Fürth an, im letzten Spiel geht es gegen Schalke. Europa ist ganz nah.

Doch von ausgelassener Freude ist in Freiburg nicht viel zu spüren. Die Sorgen vor der kommenden Saison sind groß. Sollte sich der kleine Club für den europäischen Wettbewerb qualifizieren, würden sie noch wachsen. "Christian Streich würde es nach außen nie sagen, aber er ist sich der großen Problematik sehr wohl bewusst: Man kann sich nicht auf das internationale Geschäft konzentrieren und zugleich im schlechtesten Fall gegen den Abstieg spielen müssen", sagt Lutz Hangartner SPIEGEL ONLINE.

Streich war von Wechselgerüchten "angefressen"

Hangartner, Präsident des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer, hat den SC Freiburg in den achtziger Jahren trainiert, er hat Streich erst als Spieler, dann als Trainer gefördert. Die beiden haben ein enges Verhältnis - und in der Geschichte des Vereins schon mehrfach mitansehen müssen, wie Erfolg zum Verhängnis wurde. Dass Hangartner zu diesem Zeitpunkt das Wort "Abstieg" bemüht, ist deshalb kein Understatement, sondern Resultat einer simplen Gleichung: ohne Spieler keine Leistung.

Denn einmal mehr verlassen den SC Freiburg zum Ende der Saison seine wichtigsten Akteure. Kruse wechselt nach Gladbach, Daniel Caligiuri zum VfL Wolfsburg, Jan Rosenthal und Johannes Flum spielen demnächst in Frankfurt. Die Verbreiterung des Kaders auf Basis der aktuellen Mannschaft ist nicht möglich, dabei müsste der Verein genau das tun, um in der Europa League bestehen zu können. Streich hatte deshalb bereits Mitte März gepoltert: "Unsere Spieler werden angeboten wie auf dem Viehmarkt." Damals waren erste Gerüchte über die Wechsel von Kruse und Caligiuri im Umlauf.

Der Trainer sei in dieser Phase "richtig angefressen" gewesen, sagt Hangartner. "Er hatte gehofft, mit seiner Mannschaft noch ein bisschen weitermachen zu können. Doch mittlerweile hat er sich der Realität gestellt. Er muss wieder bei null anfangen und neue, unbekannte Spieler suchen." Auch wenn es jedes Mal schmerzlich sei: "Es ist nichts Neues, sondern das ewige Los des SC Freiburg, sein Damoklesschwert", sagt Hangartner. Sobald der Verein unerwarteten Erfolg habe, würden seine Spieler für andere Clubs interessant. Und Freiburg habe keine Chance, diese zu halten.

"Profifußballer wollen so viel Geld wie möglich verdienen, so lange sie gesund sind", sagt der Fußballlehrer. Auch wenn man Kruse gern gehalten hätte, sei es unmöglich gewesen, ihm ein höheres Gehalt zu zahlen. Das hätte nicht ins Gesamtkonzept des Vereins gepasst. "Das wichtigste beim SC ist das Kollektiv, dieses Wir-Gefühl. Dazu gehört eine einheitliche Gehaltsstruktur. Man kann nicht einfach einem Spieler zu verstehen geben, er sei der Star, und dem anderen, er sei dessen Wasserträger", sagt Hangartner.

Neues Stadion soll attraktiv für Sponsoren werden

Es ist diese Einstellung, die die Atmosphäre beim SC Freiburg zu etwas Besonderem macht und von Zeit zu Zeit zu außergewöhnlichem Erfolg führt. Sie sorgt aber auch dafür, dass der regelmäßige Leistungsabfall Programm ist. Nach dem Erreichen der dritten Runde des Uefa-Pokals 2001, dem bis dahin größten Erfolg des SC, wechselte ein gewisser Sebastian Kehl nach Dortmund. Am Ende der folgenden Saison stieg der Club ab.

"Ich fühle mich super in Freiburg, ich hatte hier ein schönes Jahr", sagt Max Kruse SPIEGEL ONLINE. "Ich wurde von Anfang an gut aufgenommen und habe vom Trainer, von den Spielern und vom gesamten Umfeld viel Vertrauen entgegengebracht bekommen. Doch jetzt möchte ich mich weiterentwickeln." Weiterentwickeln: Das geht nach Ansicht vieler Spieler und ihrer Berater in der beschaulichen Stadt nicht. "Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind nicht gegeben", sagt Kruse. "Aber Freiburg hat die Fähigkeit, immer wieder neue Spieler hervorzubringen. Mit mir hat im vergangenen Jahr auch nicht unbedingt jemand gerechnet."

Für eine halbe Million Euro war Kruse von St. Pauli gekommen, für 2,5 Millionen wurde er an Gladbach abgegeben. "Freiburg hätte auch deutlich mehr an ihm verdienen können, hätte der Verein nicht eine so relativ geringe Ablösesumme in den Vertrag geschrieben", sagt Hangartner. Es heißt, der SC Freiburg und Sportdirektor Dirk Dufner hätten sich auch wegen derartiger Vertragsklauseln getrennt, Dufner habe den Ausverkauf der Mannschaft befördert, sie unter Wert verkauft.

Doch auch nach seinem Weggang wird sich in naher Zukunft wohl nichts an der Situation des Clubs ändern. "Freiburg ist einfach keine Fußballstadt, was die Unterstützung aus der Wirtschaft angeht", sagt Hangartner. Rund 4800 Mitglieder hat der SC, weder durch Zuschauereinnahmen noch mit Hilfe von Sponsoren können große Summen verdient werden. Das geplante neue Stadion soll zumindest auch VIP-Logen haben.

Doch bis das steht und abbezahlt ist, muss sich der SC Freiburg weiter auf das konzentrieren, was er kann: gute Spieler dort finden, wo keiner (mehr) nach ihnen sucht. Angeblich, sagt Lutz Hangartner, sei für die kommende Saison der Name Mike Hanke gefallen. In Gladbach will den 29-Jährigen niemand mehr haben, so wie Kruse einst in Bremen nicht mehr gebraucht wurde. Kruse wird heute als Kandidat für die Nationalmannschaft gehandelt.

insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
Niederbayer 08.05.2013
1. Nicht schuldig
Der FCB war es ja diesmal nicht, der einem Ligakonkurrenten die Spieler wegkauft. Schade um das schöne Feindbild...
CitizenTM 08.05.2013
2. Nicht paradox
Der SCF kennt das doch schon. Hatte dieselbe Situation in den 90er Jahren. UEFA Cup und Abstiegskampf. Erfolg kann für kleine Vereine ein Fluch sein.
jaidru 08.05.2013
3. Schlimmer Bericht!
"Auf dem mäßigen zwölften Platz hatte der SC die vorherige Spielzeit abgeschlossen." Wo leben Sie eigentlich, Frau Peschke? Ein 12. Platz in der Bundesliga ist für den SCF in jeder Saison ein absolutes Top-Ergebnis! Schauen Sie sich doch nur mal die Gelder an, die die Bundesligisten für ihre jeweiligen Kader zur Verfügung haben. Und dann ausgerechnet so ein Kommentar zur letzten Saison! Wissen Sie überhaupt, auf welchem Platz der SCF in der Winterpause 2011/12 gestanden hat? Wieviele Punkte er Rückstand hatte auf den späteren Absteiger Köln? Warten Sie mal ab, bis die beiden Spiele gespielt sind. Dann werden Sie sehen, wie "ausgelassen" die "Freude in Freiburg" sein kann, und zwar ganz unabhängig davon, ob der SCF den Europapokalplatz erreicht oder nicht. Bitte sparen Sie sich künftig Beiträge über Themen, von denen Sie offensichtlich keine Ahnung haben! Danke.
Herzbubi 08.05.2013
4. die Provinz
zeigt es den anderen: Wunderbar
bärliner-it 08.05.2013
5. Spannend...
Den Artikel hätte man auch schon vor 4-8 Wochen schreiben können. Das ist doch wirklich kalter Kaffee, es sei denn man interessiert sich wenig bis gar nicht für die BuLi...
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