Videobeweis bei Wolfsburg gegen Schalke Richtige Fehlentscheidungen

Aus Gelb mach Rot und umgekehrt. Schalkes Auftaktniederlage gegen Wolfsburg zeigt, dass der Videoassistent auch dann für Hektik und Diskussionen sorgt, wenn er zu Recht eingreift.
Schiedsrichter Patrick Ittrich (2.v.r.), Matija Nastasic (r.)

Schiedsrichter Patrick Ittrich (2.v.r.), Matija Nastasic (r.)

Foto: Peter Steffen/ dpa

Das Geständnis des Tages kam sehr überraschend. Rund eine Stunde, nachdem der VfL Wolfsburg zum Auftakt in die neue Bundesligasaison Vizemeister Schalke 2:1 besiegt hatte, stellte sich Schiedsrichter Patrick Ittrich den kritischen Fragen der Journalisten. "Es war ein am Ende emotionales und deshalb für mich sehr schweres Spiel", räumte Ittrich ein. Damit nicht genug: "Schweineschwer" sei seine undankbare Aufgabe sogar gewesen. In zwei kniffligen Situationen hatte der Unparteiische nach Ansicht der Fernsehbilder seine zunächst falschen Entscheidungen korrigiert.

Das große Durcheinander begann nach einer guten Stunde. Schalkes Verteidiger Matija Nastasic hatte nach einem Tritt gegen den Wolfsburger Stürmer Wout Weghorst zunächst die Gelbe Karte gesehen (65.). Nach einem Hinweis des Videoassistenten schaute sich Ittrich die Szene an, bewertete sie neu und änderte seine Entscheidung: Er nahm die Verwarnung gegen Nastasic zurück und zeigte ihm stattdessen die Rote Karte.

Kurze Zeit später wollte Ittrich auch Weghorst wegen eines angeblichen Kopfstoßes gegen Guido Burgstaller vom Platz stellen. Der Wolfsburger stand schon traurig am Spielfeldrand, als der Schiedsrichter erneut zum Monitor schritt. Weghorst war zwar unglücklich mit seinem Gegenspieler kollidiert, Absicht konnte man ihm dabei aber nicht unterstellen. Deswegen revidierte Ittrich erneut seine Entscheidung und zeigte die Gelbe statt der Roten Karte.

"Völlig den Faden verloren"

Auch wenn die Eingriffe des Videoassistenten in beiden Fällen angebracht waren, nahmen sie entscheidenden Einfluss auf den weiteren Spielverlauf, überlagerten eine ansonsten schöne Partie und sorgten für unnötige Hektik. Konzentriert man sich nur auf die sportlichen Szenen, hatten die 26.621 Zuschauer in Wolfsburg viel Gutes gesehen - wie den Kopfball von John Anthony Brooks zur Wolfsburger Führung (33. Minute) oder Daniel Ginczeks Siegtreffer in der Nachspielzeit.

Dass Ginczek, der im Sommer aus Stuttgart nach Wolfsburg gekommen war, für den kurzzeitig vom Platz gestellten Weghorst eingewechselt wurde, gehört zu den Pointen des Durcheinanders. "Der Schiedsrichter hat am Ende völlig den Faden verloren. Aber die entscheidenden Fehler hat der Mann in Köln gemacht", sagte Schalkes Sportvorstand Christian Heidel.

Mit dieser Meinung stand er allerdings allein da. Die anderen Schalker suchten den Grund für den verpatzten Saisonstart nicht bei den strittigen Entscheidungen, sondern äußerten sich durchaus reflektiert. Mit verbalem Nachtreten hatte das nichts zu tun.

"Das ist nicht gut"

Burgstaller zum Beispiel hielt sich nicht an konkreten Szenen auf, sondern wies auf grundsätzliche Probleme des Videobeweises hin. "Das Spiel wird unterbrochen. Die Spieler sind aufgebracht, und der Schiedsrichter wird nervös. Das ist nicht gut", sagte der Schalker Stürmer und fasste damit zusammen, was Heidel in der Summe als "großes Tohuwabohu" bezeichnete. Obwohl sie eine gute halbe Stunde in Unterzahl bestreiten mussten, waren die Schalker dank eines von Nabil Bentaleb verwandelten Elfmeters kurz vor Schluss zum Ausgleich gekommen (85.) - um dann doch noch furios zu scheitern.

Die Hektik in der Schlussphase war kaum zu überbieten. Dass sich Schalke trotz Unterzahl nicht mit einem Punkt begnügen wollte, sondern sogar noch versuchte, den Siegtreffer zu erzielen, kann als Zeichen für die gehobenen Ansprüche des Vereins gewertet werden. "Ich kann meiner Mannschaft eigentlich keinen Vorwurf machen. Die Art und Weise, wie wir zurückgekommen sind, war gut", meinte Cheftrainer Domenico Tedesco.

Tedesco wird gern vorgeworfen, dass Schalke unter seiner Regie zwar erfolgreich spielt, aber zu brav auftritt und Risiken meidet. Im Duell mit den mutigen Wolfsburgern war das nicht der Fall. Der eingewechselte Breel Embolo vergab kurz vor Schluss sogar die große Chance zum Siegtreffer. Im Gegenzug machte Ginczek seinen Job besser und erzielte im ersten Bundesligaspiel für den VfL gleich einen eminent wichtigen Treffer. "So ein Sieg schweißt zusammen. Man hat die Steine von den Herzen fallen hören", sagte der stolze Torschütze. Die langen Debatten rund um das Thema Videoassistent waren ihm wie allen anderen Wolfsburgern ziemlich egal.

VfL Wolfsburg - FC Schalke 04 2:1 (1:0)
1:0 Brooks (33.)
1:1 Bentaleb (85., Foulelfmeter)
2:1 Ginczek (90.+4)
Wolfsburg: Casteels - William, Knoche, Brooks, Roussillon - Camacho - Guilavogui (46. Gerhardt), Arnold - Steffen, Brekalo (86. Mehmedi) - Weghorst (75. Ginczek)
Schalke: Fährmann - Sané, Naldo, Nastasic - Caligiuri, McKennie, Baba - Serdar (83. Bentaleb), Harit (58. Embolo) - Uth, Burgstaller (73. Teuchert)
Zuschauer: 26.621
Schiedsrichter: Patrick Ittrich
Gelbe Karten: William, Brooks, Guilavogui, Weghorst, Gerhardt / Sané, McKennie, Burgstaller
Rote Karte: Nastasic (65.)