Revierderby Was ein Schalker Abstieg für die Bundesliga bedeuten könnte

Schalke steht vor dem Revierderby gegen Dortmund mit dem Rücken zur Wand, der Abstieg droht. Für die Bundesliga wäre das langfristig fatal. Denn kaum ein Klub lässt sich so gut vermarkten wie S04.
Schalker Fans: Wird man sie künftig nicht mehr in der Bundesliga sehen?

Schalker Fans: Wird man sie künftig nicht mehr in der Bundesliga sehen?

Foto:

Tim Rehbein / RHR-FOTO / Pool / imago images

Hans-Joachim Watzke lebt in ausgeprägter Abneigung zum FC Schalke 04. Zur Klubidentität von Borussia Dortmund gehört die Rivalität mit dem Reviernachbarn, und der Geschäftsführer des BVB hat das durchaus verinnerlicht. Vor dem Derby am Abend (18.30 Uhr/Liveticker SPIEGEL.de, TV: Sky) aber sagte Watzke der Funke Mediengruppe: »Eine Bundesliga ohne den Hamburger SV ist schlimm genug, eine Bundesliga ohne Schalke wäre genauso wenig wünschenswert.«

Zumindest nach der Partie wird Watzke beginnen, dem Rivalen die Daumen zu drücken.

Denn es könnte sonst das vorerst letzte Derby zwischen Schalke und dem BVB in der Bundesliga gewesen sein. S04 liegt mit neun Punkten auf dem letzten Tabellenplatz und hat bereits neun Zähler Rückstand auf den Relegationsplatz. Der Abstieg wird immer wahrscheinlicher. Alexander Jobst, Schalker Vorstand, nannte dieses Szenario am Donnerstag bei einem digitalen Treffen mit Vereinsmitgliedern »absolut realistisch«.

Für den Klub wäre das eine Katastrophe. Ihn drücken ohnehin schon 200 Millionen Euro Schulden. Aber was würde das eigentlich für die Bundesliga bedeuten?

Bonjour tristesse: Das Schalker Maskottchen im Stadion ohne Fans

Bonjour tristesse: Das Schalker Maskottchen im Stadion ohne Fans

Foto: Roger Petzsche / Picture Point / Pool / Kirchner-Media / imgo images

»Für die Attraktivität der Liga wäre Schalkes Abstieg ein Drama«, sagte Watzke dem »Kicker«. Und es gibt Zahlen, die für diese These sprechen.

In einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts Allensbach kam heraus, dass sich gut 24 Millionen von 71 Millionen Deutschen ab 14 Jahren für den FC Schalke 04 interessieren, 7,44 Millionen sogar »ganz besonders«. Nur der FC Bayern und Borussia Dortmund kamen auf höhere Werte. Das Allensbacher Institut hat auch Werte für die zweite Liga erhoben. Dabei sticht ins Auge, dass die Zahlen beim Hamburger SV nur etwas kleiner sind als die beim FC Schalke 04.

Schaut man auf die Mitgliederzahlen, dann ist Schalke ein Bundesliga-Riese: 155.000 Mitglieder hat der Klub, nur der FC Bayern ist größer (293.000) .

Man könnte nun meinen, die sportlich desolate Lage der Schalker führe dazu, dass sich das Publikum abwendet. Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein, wie der Branchendienst Meedia.de auf SPIEGEL-Anfrage mitteilt: »In der laufenden Saison sieht es bisher so aus, als würden die Zuschauerzahlen der Schalker Spiele bei Sky über denen der vergangenen Saisons liegen. Das Interesse an dem Klub ist – womöglich wegen der dramatisch spannenden Situation – sogar gestiegen«, so Meedia.de.

Starke TV-Quoten für ein schwaches Team

Schalke emotionalisiert die Leute, wegen Schalke schalten sie ihren Fernseher ein, auch wenn das Team oft verliert. Laut Angaben des übertragenden Senders Sky schauten beim Derby gegen Dortmund in der Hinrunde – ebenfalls zur Anstoßzeit Samstag um 18.30 Uhr – etwa 1,3 Millionen Menschen zu. Am vergangenen Samstag – auch ein 18.30-Uhr-Spiel – waren es bei der Schalker Partie gegen den 1. FC Union Berlin fast 900.000 Zuschauer. Starke Quoten für ein schwaches Team.

Und diese Quoten haben einen Wert.

Die Lebensader der Bundesliga- und Zweitligaklubs sind die Fernseheinnahmen. Das Geld also, das sie von den Sendern dafür bekommen, dass diese ihre Partien exklusiv oder in Zweitverwertung übertragen können. Die TV-Gelder – aktuell 1,2 Milliarden Euro pro Saison – machen die größte Einnahmequelle der Vereine aus. Ist die Liga voll von Klubs, die ein hohes Interesse bei den Zuschauern wecken, sind die Vermarktungsrechte wertvoller. Vermarkter dieser Rechte ist die Deutsche Fußball Liga (DFL), der Interessenverbund für alle 36 Erst- und Zweitligisten.

Andreas Rettig erlebte als Geschäftsführer der DFL zwei Spielzeiten, in denen dem HSV der Abstieg drohte. Im Mai 2015, ein paar Monate nachdem Rettig ausgeschieden war, retteten sich die Hamburger zum zweiten Mal hintereinander in der Relegation. »Es gab Vertreter der DFL, die sich aus rein ökonomischen Gründen darüber gefreut haben, dass der HSV dringeblieben ist. Das ist unter deren Gesichtspunkten auch nachzuvollziehen«, sagte Rettig dem SPIEGEL.

Die DFL vermarktet die Bundesliga über volle Stadien, begeisterte Fans und ihre Choreografien sowie die Tradition der Klubs und die sportliche Leistung. Außer mit hochwertigem Fußball kann Schalke immer noch mit allem dienen. Stiege Schalke ab, bliebe der Klub zwar auch als Zweitligist im Vermarktungsportfolio der DFL, aber die TV-Sender sind hauptsächlich interessiert an der Bundesliga. Für sie werden die großen Summen bezahlt.

Foto: Jürgen Fromme / firo Sportphoto / pool / / Kirchner-Media / imago images

Noch einmal ein Blick auf die Einschaltquoten, die ein Indiz für die Vermarktungswerte der Klubs sein können: Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen, dass die Bundesliga-Quoten bei Sky stabil blieben, obwohl der HSV und 1. FC Köln abstiegen, dafür der 1. FC Nürnberg und Fortuna Düsseldorf aufstiegen. Die Quoten der zweiten Liga sind hingegen gestiegen. Nürnberg und Düsseldorf sind Traditionsvereine mit einer großen Anhängerschaft. Aber was passiert, wenn Schalke nun absteigen sollte, dafür Kiel oder Fürth hochginge? Beide stehen aktuell auf Rang drei und vier in der zweiten Liga, beide sind eher kleine Klubs mit kleiner Anhängerschaft. Spiele mit ihnen sind vermarktungstechnisch weniger wert.

Unmittelbar passieren würde nichts. Die DFL vergibt die TV-Rechte alle vier Jahre – zuletzt im Dezember 2020 für den Zeitraum von Sommer 2021 bis Sommer 2025. Aufgrund der Pandemie sind die Medienerlöse leicht rückläufig gewesen. Statt 1,2 Milliarden Euro gibt es künftig nur noch 1,1 Milliarden Euro pro Saison.

Doch langfristig würden im beschriebenen Fall Probleme für die DFL drohen. Heribert Bruchhagen, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt, der aber auch für den HSV, Schalke und die DFL gearbeitet hat, glaubt: Ein oder zwei Jahre ohne Schalke, das lasse sich noch irgendwie verkraften. Aber: »Auf Dauer sind Vereine wie Schalke und der HSV unverzichtbar für die Bundesliga«, so Bruchhagen. »Zum Glück« seien die Medienrechte schon für die nächste Periode verkauft. Aufgrund der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie musste die DFL schon einen Abschlag hinnehmen, »mit der Aussicht auf eine Bundesliga ohne Schalke hätte es noch mehr werden können.«

Ein Schalker Abstieg hätte bei den TV-Erlösen nicht unmittelbar Folgen für die DFL, aber er könnte sich langfristig negativ auswirken. Dann, wenn Schalke nicht schnell wieder aufsteigt. Denn die nächste TV-Rechtevergabe folgt. Die Liga wäre attraktiver, wenn Schalke dann dabei wäre. Hans-Joachim Watzke wird die Daumen drücken.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.