Marcus Krämer

Debatte über Bundesliga-Schiedsrichter Einfach in Ruhe lassen

Marcus Krämer
Ein Kommentar von Marcus Krämer
Aggression gegenüber Schiedsrichtern ist im Fußball inzwischen Normalität. Der DFB will die Profis umerziehen, was bei den Akteuren nicht gut ankommt. Dabei geht es nur um Respekt.
Doch, der Schiedsrichter hat recht: Niklas Moisander von Bremen will am 18. Spieltag Gelb-Rot nicht akzeptieren (Archivfoto)

Doch, der Schiedsrichter hat recht: Niklas Moisander von Bremen will am 18. Spieltag Gelb-Rot nicht akzeptieren (Archivfoto)

Foto:

Bernd Thissen/ dpa

Der am meisten benutzte Begriff des vergangenen Bundesliga-Wochenendes war vermutlich: Fingerspitzengefühl. Dabei geht es vom Wortsinn her um Feingefühl im Umgang mit Menschen und Dingen. Im Fußball wird diese Eigenschaft vor allem vom Schiedsrichter eingefordert. In der Diskussion um konsequenteres Vorgehen der Unparteiischen gegen Meckern, Gestikulieren und Unsportlichkeiten sollte aber etwas anderes im Vordergrund stehen: Respekt den Schiedsrichtern gegenüber.

Auslöser für die Debatten der vergangenen Tage war der Platzverweis für Mönchengladbachs Alassane Pléa im Spiel bei RB Leipzig. Der Stürmer der Borussia sah sich nach einem nicht gegebenen Foul ungerecht behandelt, gestikulierte in Richtung Schiedsrichter Tobias Stieler und hörte auch nicht auf, als er bereits die Gelbe Karte gesehen hatte. Die Konsequenz war eine zweite Gelbe Karte, gleichbedeutend mit Gelb-Rot. Kritiker wie Sky-Experte Lothar Matthäus ("Wenn du jedes Abwinken mit Gelb bestrafst, spielst du am Ende Drei-gegen-Drei") forderten besagtes Fingerspitzengefühl ein, Stieler hätte doch einfach ein Auge zudrücken und es bei der ersten Verwarnung belassen können.

Hätte er nicht.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat seine Schiedsrichter in der Winterpause angewiesen, zielstrebiger gegen Auswüchse vorzugehen, die im Fußball in den vergangenen Jahren Überhand genommen haben: respektlose Gebärden, aggressive Konfrontationen und wildes Gestikulieren. Alles zum Schutz der Schiedsrichter, und das ist richtig so. Ziel der neuen Direktive ist es auch, wieder eine größere Vorbildfunktion für den Amateurfußball zu erreichen, wo in den vergangenen Monaten vermehrt gewalttätige Auseinandersetzungen öffentlich wurden.

Rugby ist ein Vorbild für den Fußball

Wer am Wochenende nicht nur Fußball gesehen hat, sondern auch beim Six-Nations-Turnier im Rugby vorbeigeschaut hat, bekam Anschauungsunterricht, wie der Umgang mit Schiedsrichtern in anderen Sportarten abläuft:

Im Spiel zwischen Frankreich und England (Endstand 24:17) bauten die Franzosen mit einem Versuch ihre Führung auf 15:0 aus, der Spielzug wurde allerdings vom Video-Assistenten überprüft. Streitpunkt war ein mögliches Vorwärtsspiel der Franzosen, was im Rugby verboten ist. Schiedsrichter Nigel Owens konnte während der Diskussion mit dem VAR in Ruhe aus seiner Flasche trinken, blieb dann bei seiner Entscheidung, was in Anbetracht der TV-Bilder durchaus strittig war. Trotzdem ließ das benachteiligte Team Owens komplett in Ruhe, es gab im Anschluss nur eine kurze Erklärung für Englands Spieler Owen Farrell.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Im Fußball ist eine solche Szene nahezu undenkbar. Es ist wöchentliche Realität, die Schiedsrichter bei fast jeder Entscheidung beeinflussen zu wollen, manchmal mehr, manchmal weniger aggressiv. Die Unsportlichkeiten sind mittlerweile so normal, dass die Protagonisten nicht mal den Fehler im System erkennen.

Bremens Trainer Florian Kohfeldt sprach nach Gelb-Rot für seinen Spieler Niklas Moisander am 18. Spieltag - der Finne hatte Schiedsrichter Felix Brych bestürmt - von Regelmachern, "die vom Fußball aber mal gar keine Ahnung" hätten. Und Gladbachs Manager Max Eberl sagte nach dem Platzverweis für Pléa: "Ich erwarte schon, dass wir bei allem Vorbild, das wir sein müssen, uns auch ein bisschen regen dürfen und keine Zinnsoldaten werden, die nur auf dem Platz funktionieren." Das Argument der Gegner lautet: Emotionen müssen zum Fußball dazugehören.

Warum das ein Widerspruch sein soll, ist völlig unklar. Die Erziehungsmaßnahme des DFB ist alternativlos. Natürlich muss der Fußball ein emotionaler Sport bleiben - für Spieler, Trainer und Fans. Die Schiedsrichter müssen aber - auch wenn ihnen Fehler unterlaufen - in Ruhe ihre Arbeit verrichten können.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.