Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich "Als Spieler war ich schlimm"

Üblicherweise schreiben prominente Schiedsrichter erst nach Karriereende ein Buch. Bundesliga-Referee Patrick Ittrich dagegen jetzt schon. Der 41-Jährige, eigentlich Polizist, über Gemeinsamkeiten zwischen seinen Jobs und den Umgang mit Fehlern.
Ein Interview von Alex Feuerherdt
Patrick Ittrich

Patrick Ittrich

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Joachim Sielski / imago images/Joachim Sielski

SPIEGEL: Der Untertitel Ihres Buches lautet: "Warum ich es liebe, Schiedsrichter zu sein". Was macht diese Tätigkeit für Sie so reizvoll? 

Ittrich: Mir bereitet es unheimlich viel Freude, mit Menschen zu kommunizieren, sie zu leiten und Verantwortung zu übernehmen. Ich will außerdem dazu beitragen, dass ein Spiel gut wird, da bin ich immer Fußballer geblieben. Für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit bringt die Schiedsrichterei übrigens auch sehr viel. Darüber hinaus hat man als Schiedsrichter den Drang, jedes Spiel möglichst fehlerfrei über die Bühne zu bringen. Das Gerechtigkeitsempfinden spielt sicherlich auch eine Rolle. Als Spieler war ich schlimm, habe oft gegenüber dem Schiedsrichter gemeckert und gedacht: Das könnte ich besser. Also habe ich mich entschlossen, es selbst zu versuchen.

Zur Person

Patrick Ittrich, 41, ist seit 2003 als DFB-Schiedsrichter aktiv, seit 2015 pfeift er in der 1. Bundesliga, in der 2. Liga wurde er seit 2009 eingesetzt Der Hamburger ist im Hauptberuf Polizeibeamter.

SPIEGEL: Wie würde der Schiedsrichter Patrick Ittrich mit dem renitenten Spieler Patrick Ittrich heute umgehen? 

Ittrich: Mir ist als Unparteiischer die Kommunikation so wichtig, wie sie es schon als Spieler war. Deshalb versuche ich, die Dinge möglichst auf dem kommunikativen Weg zu regeln. Wenn ich einen unzufriedenen Spieler mit Worten auf meine Seite ziehen kann, ohne die Regeln zu beugen, dann tue ich das. Den Typus, der ich als Spieler war, findet man auch in der Bundesliga. Und ich kann ihn gut verstehen. Gleichzeitig muss ich ihm als Schiedsrichter mit den geeigneten Mitteln klare Grenzen setzen - aber das habe ich umgekehrt auch als Spieler akzeptiert. 

SPIEGEL: "Es gibt wahrscheinlich kaum einen Job, der so gut zu einem Schiedsrichter passt wie der des Polizisten", schreiben Sie. Worin bestehen die Parallelen? Und worin die Unterschiede? 

Ittrich: Der Ermessensspielraum, den der Schiedsrichter hat, ist größer. Als Polizist hat man es oft mit Ordnungswidrigkeiten und Straftaten zu tun, die man nicht ungeahndet lassen kann. Trotzdem kann ich auch in diesem Beruf vieles mit Kommunikation, Erfahrung und der richtigen Ansprache lösen. Als Polizeibeamter muss ich häufig schlichten, deeskalieren, ausgleichend wirken – und das ist als Schiedsrichter ähnlich. Allerdings muss ich als Polizist nicht binnen Sekundenbruchteilen im Vollsprint eine Entscheidung treffen und auch nicht zehn Kilometer laufen, bevor ich jemanden festnehme. (lacht) 

Ittrich zeigt Dortmunds Emre Mor die Rote Karte

Ittrich zeigt Dortmunds Emre Mor die Rote Karte

Foto: PATRIK STOLLARZ/ AFP

SPIEGEL: Ist eine Gemeinsamkeit nicht auch die Macht, die man als Polizist wie als Schiedsrichter hat?  

Ittrich: Das Wort "Macht" hat so einen negativen Touch. Häufig wird Polizisten wie Schiedsrichtern vorgeworfen, dass sie die Tätigkeit nur ausüben, damit sie auch mal was zu sagen haben. Das ist mir zu einfach gedacht, und auf mich trifft das auch nicht zu. In beiden Ämtern bin ich Entscheider und stehe immer vor der Aufgabe, schnell und richtig zu handeln. Dabei darf und will ich meine Macht aber niemals ausnutzen. Sie ist mir übertragen worden, und ich muss sorgfältig und gewissenhaft mit ihr umgehen. Die Verhältnismäßigkeit und die Nachvollziehbarkeit von Maßnahmen sind am wichtigsten, in beiden Tätigkeiten. 

SPIEGEL: Viel Raum in Ihrem Buch nehmen Ausführungen zum Ermessensspielraum des Schiedsrichters ein. Andere würden von "Fingerspitzengefühl" sprechen, aber diesen Begriff lehnen Sie ab. 

Ittrich: Fingerspitzengefühl wird immer dann gefordert, wenn es vermeintlich fehlt, bei Gelb-Roten Karten beispielsweise. Oft ist der Ruf nach Fingerspitzengefühl aber nichts anderes als die Aufforderung, sich über Regeln hinwegzusetzen. Der Ermessensspielraum dagegen ist etwas, das die Regeln selbst hergeben, das mit ihnen also in Einklang steht. Etwa bei der Zweikampfbeurteilung, der Bewertung von Handspielen oder den persönlichen Strafen. Es gibt viele 50/50-Situationen, bei denen nicht nur eine Entscheidung möglich ist. Aber wenn ein Sachverhalt eindeutig ist, muss ich konsequent sein, auch wenn das einer Mannschaft oder der Öffentlichkeit nicht schmeckt. 

SPIEGEL: Ist der große Ermessensspielraum im Regelwerk nicht auch ein Problem? Viele bemängeln, den Schiedsrichtern fehle insgesamt eine klare Linie. Nach welchen Kriterien pfeift denn der eine eher großzügig und der andere kleinlich? 

Ittrich: Das hängt davon ab, wie der Schiedsrichter sich eine gute Spielleitung vorstellt. Bei einer großzügigen Leitung gehen vor allem jüngere Unparteiische das Risiko ein, dass ihnen die Spielkontrolle entgleitet. Mit mehr Erfahrung ist diese Gefahr geringer, auch weil die Akzeptanz größer wird. Amtiert man kleinlicher, wird einem das oft negativ ausgelegt, nach dem Motto: Der hat das Spiel zerpfiffen. Der Ermessensspielraum ist ein sehr hohes Gut. Aber manchmal kann und darf man einfach nicht zu großzügig sein, gerade in einer emotionalen Atmosphäre oder einer Partie mit vielen versteckten Fouls. Oft hat man als Schiedsrichter einfach nicht die Wahl. 

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SPIEGEL: Inwieweit beeinflussen die Fernsehbilder mit ihren zahlreichen Kameraperspektiven und den Superzeitlupen die öffentliche Wahrnehmung von Entscheidungen der Schiedsrichter?  

Ittrich: Die Fernsehbilder zeigen unsere Fehler, aber sie können einen Sachverhalt auch verzerren. Das gilt vor allem für die Zeitlupen, die manche Vorgänge, etwa bei Hand- und Foulspielen, viel bewusster und gewollter erscheinen lassen, als sie es eigentlich sind. Sie geben auch die Dynamik einer Aktion oft nicht adäquat wieder. Auf dem Feld habe ich häufig ein gutes Gespür für den Zusammenhang zwischen Impuls und Wirkung bei Zweikämpfen oder für die Frage, ob ein Kontakt ursächlich für den Sturz eines Spielers war. Manches sieht und spürt man auf dem Rasen einfach besser, als es eine Kamera abbilden kann. Die Fernsehbilder scheinen objektiv zu sein, aber sie können oft gar nicht zeigen, ob ein Spieler wirklich fallen musste oder was er vorhatte. Das kann ich auf dem Platz aus der Nähe vielfach besser einschätzen, aber das ist Fernsehzuschauern nicht immer bewusst. 

SPIEGEL: Nach drei Jahren Erfahrung mit dem Video-Assistenten: Wenn dieser sich einschaltet und es schließlich zu einer Änderung der Entscheidung kommt, erhöht das die Akzeptanz bei den Mannschaften, weil ein Fehler korrigiert worden ist? Oder verringert es sie, weil ja ein Fehler eingestanden werden muss? 

Ittrich: Wenn ich den Video-Assistenten nur alle paar Spiele in Anspruch nehmen muss, erhöht das die Akzeptanz im Falle einer Korrektur. Wenn ich in einem Spiel aber dreimal raus an den Monitor gehe, sieht es anders aus. Es kommt außerdem auf den Anlass für ein Review an. Bei einer Situation, die ich gar nicht sehen konnte und die auch sonst niemand wahrgenommen hat, ist es unproblematisch. Haben den Fehler aber schon viele bemerkt, bevor ich darauf aufmerksam gemacht werde, kann das schon an meiner Autorität kratzen. Grundsätzlich würde ich sagen, dass der VAR der Akzeptanz des Schiedsrichters nicht schadet. Er filtert die spielentscheidenden Fehler heraus, und das hilft mir als Referee. 

Im Gespräch mit Stuttgarts Mario Gomez

Im Gespräch mit Stuttgarts Mario Gomez

Foto: Uwe Anspach/dpa

SPIEGEL: Wie geht man als Schiedsrichter mit Kritik um, wie verarbeitet man sie, gerade nach Spielen, bei denen alle über einen herfallen?

Ittrich: Wenn man als Schiedsrichter weiterkommen will, muss man Kritik grundsätzlich als etwas ansehen, das einem hilft, besser zu werden und sich weiterzuentwickeln. Davon zu unterscheiden ist allerdings eine Kritik, die nur schaden will. Die lasse ich nicht an mich heran. Das eine vom anderen zu unterscheiden, ist allerdings nicht immer einfach und ein Lernprozess. Wichtig ist vor allem die fachliche Kritik des Beobachters und des Coaches. 

SPIEGEL: Sie schreiben: "Ich würde mich niemals öffentlich für einen Fehler entschuldigen. Ich habe nie verstanden, warum diese Erwartungshaltung bei Teilen der Fans und Medien existiert." Ist es nicht verständlich, dass Fans wenigstens hören wollen, dass einem Schiedsrichter ein spielentscheidender Fehler leid tut? 

Ittrich: Ich mache ja nicht mit Absicht einen Fehler, das ist der entscheidende Punkt. Außerdem geht es um Fußball und nicht um weitaus wichtigere Dinge im Leben. Wenn ich beispielsweise mit meinem Auto jemanden anfahre und ihn dadurch verletze, hat das eine andere Qualität und gravierendere Folgen. Natürlich bitte ich dafür dann um Entschuldigung. Aber wenn ich in einem Fußballspiel innerhalb einer Zehntelsekunde nach bestem Wissen und Gewissen eine Entscheidung treffe, die falsch ist, warum gibt es dann die Erwartung, dass ich dafür zu Kreuze krieche? Ich erkläre gerne, warum ich so und nicht anders entschieden habe, aber damit muss es dann auch gut sein. 

SPIEGEL: Seit der Rückrunde der vergangenen Saison sollen die Schiedsrichter unsportliches Verhalten strenger ahnden. Das fanden viele gut, aber es gab auch Aufregung, etwa über die Gelb-Rote Karte gegen Alassane Pléa. Sie selbst schreiben: "Die Spieler reißen sich nun mehr zusammen. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig. Wir reden hier über einen Kulturwandel." Ist das wirklich so? 

Ittrich: Grundsätzlich sehe ich klare Anzeichen, dass sich etwas geändert hat. Die Spieler haben verstanden, dass wir Schiedsrichter unsportliches Verhalten nun konsequenter ahnden, sich zunehmend darauf eingestellt und es akzeptiert. Im besten Fall wird sich das automatisieren. Corona hat allerdings die Rahmenbedingungen anders werden lassen. Als wieder gespielt wurde, war erst mal jeder mit sich selbst beschäftigt. Die Spieler haben uns deshalb an den ersten beiden Spieltagen weitgehend in Ruhe gelassen. Dann hatten sich alle Beteiligten an die veränderten Gegebenheiten gewöhnt, und es wurde auf dem Platz etwas lauter. Wir müssen nun abwägen: Ziehen wir das jetzt trotz der speziellen Situation einfach durch? Oder lassen wir etwas mehr Spielraum? Das ist ein schmaler Grat. 

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