Bundesliga-Schlusslichter Hölle im Tabellenkeller

Selten war der Abstiegskampf in der Bundesliga so grausam wie in dieser Saison: Fünf Mannschaften laufen dem Feld mit großem Abstand hinterher. Die Frustrationen sind gewaltig - nur diejenigen werden sich retten, die jetzt Nerven bewahren und die richtigen Schlüsse ziehen.

Von Christoph Biermann


Um eine Ahnung von der Stimmung im Keller der Bundesliga zu bekommt, reicht schon ein Blick auf die Meldungen der letzten Tage. Beim sonst so familiären VfL Bochum gab es ungewöhnlichen Familienkrach, als sich Stürmer Vahid Hashemian öffentlich über mangelnde Unterstützung seines Trainers beschwerte und Marcel Koller ihn daraufhin prompt suspendierte.

Bochums Trainer Koller (r.), Stürmer Hashemian: Suspendierung vor dem Köln-Spiel
DPA

Bochums Trainer Koller (r.), Stürmer Hashemian: Suspendierung vor dem Köln-Spiel

In Cottbus, wo man das als Letztes erwartet hätte, nahm doch wirklich ein Mentalcoach die Arbeit auf. In Mönchengladbach laufen die Bemühungen um Verstärkungen auf Hochtouren, gleich vier neue Leute sollen her. Nur in Bielefeld und Karlsruhe war es etwas ruhiger, die Teams hatten am Wochenende gepunktet.

Frische Kräfte und gute Nerven sind in diesem Jahr besonders gefragt, wenn man in der Bundesliga bleiben will. Denn selten war der Abstiegskampf eine so grausame Angelegenheit, wie sich statistisch nachweisen lässt. Borussia Mönchengladbach, der VfL Bochum, der Karlsruher SC, Arminia Bielefeld und Energie Cottbus bringen es auf zusammen nur 60 Punkte und haben gerade einmal 65 Tore geschossen.

Wer meint, dass ein Punkteschnitt von zwölf Zählern und ein Toreschnitt von 13 zu diesem Zeitpunkt der Saison am Tabellenende üblich sind, der irrt. So wenige Erfolgserlebnisse für die letzten Fünf zu diesem Zeitpunkt der Saison gab es seit Einführung der Drei-Punkte-Regel vor zwölf Jahren nur einmal. Das war vor sieben Jahren und vor allem dem desolaten FC St. Pauli geschuldet, der nur sieben Punkte gesammelt hatte. Die Zahl der Tore ist sogar ein absoluter Minusrekord.

Darin drückt sich das stetig wachsende wirtschaftliche Ungleichgewicht in der Bundesliga aus, denn abgesehen von Borussia Mönchengladbach stehen die anderen vier Clubs völlig erwartungsgemäß unten, weil sie die mit dem niedrigsten Etat sind. Für diese vergleichweise armen Mannschaften wird es immer schwieriger, gegen die Wohlhabenden aus den oberen Regionen der Tabelle zu punkten. Sechs ihrer bislang 13 Saisonsiege feierten die unteren Fünf in den Spielen untereinander.

Das Leben im Tabellenkeller ist also noch schwerer, weil man nicht nur unten steht, sondern so selten Erfolge feiern kann, dass der Glaube ans eigene Können schwer fällt. Bochum wartet nun schon seit zwölf Spielen auf einen Sieg, und Karlsruhe beendete am letzten Wochenende eine Serie von neun Spielen, in denen die Mannschaft nur einen Punkt holte. Gladbach verlor sechs der ersten sieben Spiele, und Cottbus verlor sechs von acht Spielen im eigenen Stadion.

Eine solche Häufung von Frustrationen sorgt für zusätzliche Belastungen bei den Spielern, Trainern, Vereinsvorständen und Fans. Zugleich gibt es aber noch lange keinen Grund aufzugeben, denn selbst der Tabellenletzte aus Mönchengladbach ist nur einen Sieg von einem Platz entfernt, der auch im nächsten Jahr die Bundesliga sichern würde. Weil die Lage also schrecklich, aber nicht hoffnungslos ist, haben bis auf Borussia Mönchengladbach alle Abstiegskandidaten an ihren Trainern festgehalten, obwohl die Fans in Bochum teilweise gegen Marcel Koller und die der Arminia gegen Michael Frontzeck aufbegehrten.

Doch gerade die beiden westfälischen Routiniers im Abstiegskampf wissen, dass es einer Politik der ruhigen Hand bedarf. Nur zu ruhig darf sie auch nicht sein, es muss etwas passieren. In den nächsten Wochen wird das vor allem die Suche nach neuen Spielern sein. Cottbus braucht dringend einen Kreativen im Spiel, denn kein Team spielt so wenige Chancen heraus. Der VfL Bochum hat davon eigentlich genug, verwertet sie aber nicht. Gladbachs Defensive ist wackelig, Bielefelds Sturm schwach, und Karlsruhe sucht noch immer Ersatz für den vor Saisonbeginn nach Dortmund gewechselten Tamas Hajnal.

Doch sie werden tun können, was sie wollen, nur bei zwei der letzten fünf Clubs werden sich die Hoffnungen erfüllen, weil sich der Kreis der Abstiegskandidaten kaum noch erweitern wird. Diese beiden werden sich in fünf Monaten dafür loben lassen, an den richtigen Stellschrauben gedreht zu haben. Die beiden Absteiger haben alles falsch gemacht, und einer wird in der Hölle die ultimative Zuspitzung erleben. Am 28. und 31. Mai 2009 stehen die Relegationsspiele des Drittletzten der Bundesliga gegen den Dritten der Zweiten Liga an.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.