Nachhaltiges Wirtschaften im Profifußball So müsste sich die Bundesliga reformieren (aber das wird vielen nicht gefallen)

Die Krise zeigt, dass die Bundesliga finanziell stabiler werden muss. Dafür braucht es radikale Reformen. Ein Sportökonom über die Abschaffung des Abstiegs, Verteilung von TV-Geldern und sinnlose Gehaltsobergrenzen.
Ein Interview von Jörn Meyn
Das Bremer Weserstadion am Montagabend: Wenn die Zuschauer bis Jahresende fehlen, würde das die 18 Bundesligaklubs 450 Millionen Euro kosten

Das Bremer Weserstadion am Montagabend: Wenn die Zuschauer bis Jahresende fehlen, würde das die 18 Bundesligaklubs 450 Millionen Euro kosten

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SPIEGEL: Stellen Sie sich vor, Sie wären verantwortlich für einen Bundesligaklub und hätten gerade erlebt, wie die Coronakrise Ihrem Verein wirtschaftlich zusetzt. Was würden Sie machen?

Breuer: Ich würde erst einmal eine Kerze in der Kirche aufstellen und hoffen, dass diese Saison jetzt auch zu Ende gespielt wird. Davon hängt vieles ab. Gleichzeitig muss ich dafür sorgen, dass der Verein zahlungsfähig bleibt. Strukturelle Änderungen, die notwendig wären, könnte ich aber nicht allein veranlassen. Dies erfordert Mehrheiten im Klub oder in der Liga.

SPIEGEL: Sind die Klubs denn durch die Saisonfortsetzung wirtschaftlich gerettet?

Breuer: Nein. Sie können die Einnahmendelle zwar überstehen, aber gerettet sind sie nicht. Denn es würde massive Probleme geben, wenn es bis Jahresende ohne Zuschauer weitergehen müsste. Zuschauereinnahmen werden wegfallen, dazu kommen Netzwerkeffekte bei Sponsorengeldern und Merchandising-Einnahmen. Wir, also unsere Arbeitsgruppe, haben das durchgerechnet und kommen auf Einnahmeverluste von 450 Millionen Euro für die 18 Bundesligaklubs bis Jahresende. Das stecken nicht viele Klubs einfach so weg. Wir erleben mit den Geisterspielen also gerade eine lebenserhaltende Maßnahme, aber es ist noch keine Genesung des Patienten. 

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Prof. Dr. Christoph Breuer, 49 Jahre alt, ist Sportökonom an der Deutschen Sporthochschule Köln. Breuer forscht unter anderem zu strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen von Klubs und Ligen sowie zu ihren Auswirkungen auf den Wettbewerb. Von ihm erschienen ist unter anderem das "Handbuch Sportmanagement".

SPIEGEL: Ist die Bundesliga denn ein kranker Patient?

Breuer: Eigentlich war die Bundesliga bezüglich der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit immer die Vorzeigeliga im europäischen Fußball. Aber wir haben jetzt in der Krise gesehen, was passiert, wenn das Umsatzwachstum mit deutlichen Steigerungsraten mal ausbleibt. Dann gerät ein Drittel der 36 Erst- und Zweitligaklubs in akute Finanznot. Das System kann Schwankungen auf der Einnahmenseite nicht hinreichend abpuffern. Man hat das fortwährende Wachstum für ein Naturgesetz des Fußballs gehalten, und das hat viele strukturelle Risiken übertüncht.

SPIEGEL: Welche strukturellen Risiken sind das?

Breuer: Wir unterscheiden hier zwischen dem Strukturrisiko der Liga, dem der Klubs und externen Risiken. Lassen Sie uns mit der Liga beginnen. Die Bundesliga hat sich selbst einem enormen Wettbewerb ausgesetzt, der wirtschaftliche Nachhaltigkeit erschwert.

SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Breuer: Das große Problem der Bundesliga ist, dass es Absteiger gibt. Klubs müssen viel Geld in ihre Kader stecken, um den Klassenerhalt zu schaffen, und am Ende steigen trotzdem mindestens zwei ab. In der Forschung nennen wir das Rattenrennen oder Überinvestition, was es so in anderen Bereichen der Wirtschaft nicht gibt. Gleiches gilt für den Kampf um die Champions-League-Plätze. Auch hier gibt es einige, die viel Geld in die Hand nehmen müssen, um eine Chance zu haben, die aber das Rattenrennen verlieren. Das geht dann zulasten der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit. In anderen kommerziell erfolgreichen Ligen wie im US-Sport gibt es dieses Wettbewerbsrisiko nicht. Da steigt niemand ab. Und so werden weniger Anreize für eine Überinvestition gegeben.

SPIEGEL: Was hat es mit dem Strukturrisiko Klub auf sich?

Breuer: Hier geht es besonders um die Frage: Welche Rechtsform hat ein Klub? Und wie steht es um das Verhältnis Eigenkapital zu Fremdkapital? Der e.V., den wir bei Schalke 04, Mainz und Freiburg in der Bundesliga noch haben, ist strukturell benachteiligt. Ein eingetragener Verein kann keine Gesellschaftsanteile verkaufen, um sich eine bessere wirtschaftliche Situation zu verschaffen. Wenn ich Geld brauche, kann ich mich als Verein nur stärker verschulden und weitere Kredite erfragen. Wenn ich jedoch eine Kapitalgesellschaft bin, kann ich mit Rücksicht auf die 50+1-Regelung Anteile verkaufen. Hertha BSC hat das jüngst mit 49,9 Prozent der Kommanditgesellschaft auf Aktien getan. Damit stehen die Berliner jetzt solide da und können die Krise wesentlich kommoder betrachten. Für eine wirtschaftliche Nachhaltigkeit der Liga brauchen wir Waffengleichheit bei der Rechtsform.

SPIEGEL: Als dritten Punkt haben Sie externe Risiken angesprochen. Was meinen Sie damit?

Breuer: Damit gemeint ist, wie stark der Wettbewerb mit anderen Fußball-Topligen Druck auf die Bundesliga zur Investition ausübt. Lassen Sie uns ein populäres Beispiel wählen: Nehmen wir an, die Bundesliga würde eine Gehaltsobergrenze einführen. Dann würden die besten Spieler in eine andere Liga abwandern. Dass es diesen enormen Wettbewerb um die besten Spieler unter den Ligen gibt, kann dazu führen, dass Klubs weniger nachhaltig wirtschaften, um mithalten zu können. Deshalb ist es auch nicht zielführend, wenn jetzt von einigen die Gehaltsobergrenze als der Schlüssel für Reformen des Fußballs nach der Krise ausgemacht wird.

SPIEGEL: Wie müsste sich der Fußball stattdessen reformieren?

Breuer: Er kann das nur in einem Verbund der europäischen Topligen Deutschland, England, Frankreich, Italien und Spanien angehen. Damit würde man zumindest den Kernmarkt mit einer einheitlichen Governance bespielen. Hier sehe ich aber die Gefahr, dass etwa die Premier League keinen Grund hätte, sich auf eine Einheitlichkeit einzulassen. Aufgrund der Entwicklung der Medieneinnahmen in den letzten Jahren hat sich England deutlich besser entwickelt als Deutschland. Warum sollte die Premier League jetzt Regeln wie eine Gehaltsobergrenze akzeptieren, die die anderen Ligen wieder gleicher machen würden? Die Kommerzialisierungsspirale von steigenden Spielertransfersummen und Gehältern hat den finanziell besser ausgestatteten englischen Klubs einen Vorteil verschafft. Warum sollen sie diesen jetzt aus der Hand geben, indem sie diese Spirale stoppen? Und eine Gehaltsobergrenze ohne England einzuführen, würde die Bundesliga zu einer Art zweitklassige europäische Liga schrumpfen lassen.

SPIEGEL: Aber welche Möglichkeiten gäbe es denn sonst für die Bundesliga?

Breuer: Man müsste die Rattenrennen, die zu einer Überinvestition der Klubs führen, reduzieren - vor allem das gegen den Abstieg. Die beste Finanzsicherheit würde eine geschlossene Liga ohne Auf- und Abstieg bieten. Auch wenn das vielen vielleicht nicht gefällt und das eigentlich nach der klassischen deutschen Vorstellung auch unvorstellbar ist. International aber ist das ja durchaus gang und gäbe. Man sollte das diskutieren - zumindest die Abdämpfung der finanziellen Auswirkungen eines Abstieges. 

SPIEGEL: Würde das über eine andersartige Verteilung der TV-Gelder funktionieren?

Breuer: Ja, man könnte etwa die großen Unterschiede zwischen der Ersten und der Zweiten Bundesliga etwas beheben, um den Sturz abzufedern. Es gibt im Übrigen auch Ligen, die nicht nur die TV-Gelder, sondern auch Merchandising- und Sponsoringeinnahmen zentral verteilen.

SPIEGEL: Oder man verteilt das TV-Geld komplett gleich unter den 36 Erst- und Zweitligisten. Würde das die Finanzsicherheit der Liga erhöhen?

Breuer: An dieser Frage wird deutlich, dass der doppelte Wettbewerb, der nationale und der europäische zugleich, zu Zielkonflikten führen, wie man eine Liga und die Klubs finanziell optimal ausstattet. Alles das, was im nationalen Wettbewerb zu mehr wirtschaftlicher Nachhaltigkeit führen würde, hätte gleichzeitig zur Folge, dass die deutschen Teams die Rattenrennen im europäischen Wettbewerb nicht bestehen können. Bekommt der FC Bayern wesentlich weniger TV-Geld, damit andere Klubs mehr erhalten, ist der Verein für den Wettbewerb mit englischen Klubs in der Champions League stark benachteiligt. Da liegt ein zentraler Zielkonflikt der Bundesliga. Sie muss in zwei Wettbewerbsebenen denken, und das gibt es so zum Beispiel nicht in den US-Ligen. Die Klubs dort denken nur in ihrem eigenen Wettbewerb und können so viel besser für wirtschaftliche Nachhaltigkeit sorgen.

SPIEGEL: DFL-Chef Christian Seifert will ab Herbst eine Taskforce "Zukunft Profifußball" einsetzen, die über Reformen reden soll. Was würden Sie ihm mit auf den Weg geben?

Breuer: Der Weg zu Nachhaltigkeit kann sich am besten durch eine geschlossene Liga erzeugen lassen und wenn man den nationalen von dem europäischen Wettbewerb entkoppeln würde. Das würde bedeuten, dass einige Klubs nur national und andere nur europäisch spielen würden. Das wünscht man sich nicht unbedingt. Aber wenn man das nicht haben will, kauft man sich eben ein größeres wirtschaftliches Risiko ein. Beides zu haben, finanzielle Nachhaltigkeit und keine Änderungen an den Strukturrisiken, das wird nicht funktionieren. Es gibt eben nur wenig Zwischenlösungen. Ein solches könnte aber das sogenannte Escrow-System der NHL sein. Dort wird zunächst nur ein Teil der Spielergehälter garantiert ausgezahlt. Und ein weiterer Teil erst nach der Saison, wenn klar ist wie viel Einnahmen tatsächlich erzielt worden sind. Dies würde immerhin Probleme kurzfristiger Einnahmeausfälle abpuffern.

SPIEGEL: Glauben Sie daran, dass sich der Fußball wirklich reformieren wird? Oder sind diese Debatten über Gehaltsobergrenzen sowie die Deckelung der Beraterhonorare und Ähnliches nur ein Feigenblatt?

Breuer: Diese Dinge müssen angegangen werden. Aber wenn die Zuschauer zur neuen Saison zurückkehren dürfen, dann wird diese Krise nur eine kurze Phase des Innehaltens gewesen sein. Die Mechanismen werden weiterlaufen. Die Preise werden etwas geringer sein, aber sobald sich die wirtschaftliche Situation stabilisiert, werden sie wieder steigen. Doch wenn die Zuschauereinnahmen weiter ausbleiben, wenn dadurch etwa vier, fünf Teams in der Hinrunde der nächsten Saison alleine in der Bundesliga massive Probleme bekommen, dann könnte diese Krise groß genug werden, um tatsächlich das System zu überdenken. Momentan ist der Druck noch nicht groß genug für einen Systemwechsel.

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