Taktikanalyse der Bundesliga Die Spieler gelangen an ihre Grenzen

Viele Taktikwechsel, Bälle erobern, kontern: Der Bundesligafußball hat sich verändert. Und die Spieler gelangen immer deutlicher an ihre Grenzen.

Bayerns Serge Gnabry (vorn) im Sprint
Odd Anersen/ AFP

Bayerns Serge Gnabry (vorn) im Sprint

Von Tobias Escher


Christian Streich wusste, was er falsch gemacht hat. Seine Mannschaft hatte soeben 0:3 gegen den Tabellenvorletzten Hannover 96 verloren. Für den SC Freiburg ging es an diesem 33. Spieltag um nichts mehr, und trotzdem war Streich sauer.

"Weil wir die Jungs nicht permanent nerven wollen, haben wir keine Videoanalyse gemacht, nicht alles wieder auf den Punkt auf den Gegner zugeschnitten", so Streich. Ein Versäumnis, das sich rächte.

Streich ist nicht allein. Drei Viertel der Bundesligisten haben keine Chance zu bestehen, wenn sie mit halber Kraft und ohne Matchplan in eine Partie gehen. Die vergangene Bundesligasaison war der Abschluss eines längeren Prozesses, welchen die Liga in den vergangenen Jahren durchgemacht hat, vor allem aus taktischer Sicht.

Inzwischen werden enorme taktische Anforderungen an die Profis gestellt, sie müssen immer mehr sprinten und immer größere Distanzen zurücklegen. Bundesligafußball heute verbindet also neue wie alte deutsche Fußballtugenden. Das bringt die Spieler an ihre Grenzen - und darüber hinaus, wie man auch an den Torstatistiken erkennen kann. Doch dazu später mehr.

Es begann 2000

Rückblick: Nach dem Vorrundenaus bei der EM 2000 erlebte der deutsche Fußball eine Revolution. Der alte Stil - Manndeckung, Spiel mit Libero und ohne allzu viel taktische Feinheiten - war gescheitert. Die klassischen deutschen Tugenden Kampf, Wille und Laufstärke galten als altbacken, aus der Zeit gefallen.

Seither hat sich der deutsche Fußball gewandelt. Aus taktischer Sicht gab es zwei Meilensteine in der Entwicklung. Den ersten lieferten Anhänger des Tempofußballs wie Ralf Rangnick und Jürgen Klopp. Ihr Fußball war schneller, direkter, aggressiver. Sie brachten modernes Pressing und Konterspiel nach Deutschland.

Auch wenn einige Trainer aktuell versuchen, das ruhige Ballbesitzspiel ihrer Teams weiterzuentwickeln: Im Kern ist die Bundesliga eine Liga des schnellen Umschaltens. Hierzulande fallen deutlich mehr Tore nach Kontern als in den anderen europäischen Topligen. Laut der Fußballstatistik-Website Whoscored.com ist der Wert um 25 Prozent höher als in England, im Vergleich zu Italien beträgt die Differenz sogar 66 Prozent. Klopps Triumphe in Dortmund wirken nach.

Die zweite große Entwicklung stieß Pep Guardiola an. Als er von 2013 bis 2016 Bayern-Trainer war, betrieb er eine Politik des steten Wandels. Woche für Woche passte er seine taktische Formation an den Gegner an. 4-3-3, 4-4-2, 4-2-3-1, 3-5-2, 3-4-3: Es gab kaum eine Formation, die Guardiola nicht genutzt hat. Er lehrte seine Trainerkollegen: Egal, wie gut deine Spieler sind, es lohnt sich immer, die eigene Taktik auf den Gegner auszurichten.

Freiburgs Trainer Christian Streich (l.) und Fortuna Düsseldorfs Coach Friedhelm Funkel
DPA

Freiburgs Trainer Christian Streich (l.) und Fortuna Düsseldorfs Coach Friedhelm Funkel

Der auf den Gegner ausgerichtete Matchplan ist 2019 kein Exotenstück mehr. Gern wird er als Spielerei junger Trainer, gern auch abschätzig "Laptop-Trainer" genannt, abgetan. Doch keiner hat in der vergangenen Saison seine Formation häufiger variiert als Freiburgs Streich, 53. Und wäre Fortuna Düsseldorfs Coach Friedhelm Funkel nicht 65, sondern 35 Jahre jünger, er würde als moderner Taktikfuchs tituliert, so häufig wie er von Vierer- auf Fünferkette umstellt und wieder zurück. Taktische Flexibilität ist im Mainstream des deutschen Fußballs angekommen.

Anders als bei Guardiola ist der Grundgedanke der deutschen Trainer jedoch zumeist nicht, die eigene Offensive zu stärken. Häufiger geht es darum, dem Gegner nicht zu geben, was er möchte. Räume verschließen, Bälle erobern, kontern: Aus diesem Grund stellen die meisten Trainer um. Düsseldorf ist das Musterbeispiel, aber auch Freiburg, Leipzig, Wolfsburg, Augsburg, Hertha, Mainz und Hannover wechselten zwischen jedem zweiten oder dritten Spiel ihre defensive Formation.

Neue Tugenden mischen sich mit alten

Die neuen deutschen Tugenden Umschaltspiel sowie taktische Flexibilität treffen vermehrt auf die alten deutschen Tugenden. Kampf- und besonders Laufstärke sind weiter gefragt. Die Bundesliga-Spieler sind mit 72.000 Kilometern mehr gelaufen als je zuvor.

Die Anforderungen an die Spieler sind massiv gestiegen. Sie sind Dauerläufer und Sprinter, müssen sich Matchpläne einprägen und reagieren, sobald der Trainer neue Anweisungen auf das Feld brüllt. Kognitiv wie körperlich ist die Belastung höher als noch vor zehn Jahren.

Julian Nagelsmann (l.) im Gespräch mit seinem Spieler Andrej Kramaric
DPA

Julian Nagelsmann (l.) im Gespräch mit seinem Spieler Andrej Kramaric

Die Spieler scheinen an ihre Grenzen zu gelangen. Hoffenheims Andrej Kramaric sprach vielleicht nicht nur für sich selbst, als er seinen Trainer Julian Nagelsmann für dessen häufige taktische Umstellungen kritisierte: "Wir sind keine Roboter, sondern Menschen." Zu Saisonende war nicht nur Europa-League-Finalist Eintracht Frankfurt ausgelaugt. Auch bei Schalke und Mönchengladbach fiel die Laufleistung in der Rückrunde um durchschnittlich zwei Kilometer pro Spiel.

Die anspruchsvolle Mischung aus Taktik, Tempo und Kraft bescherte der Bundesliga die torreichste Saison seit über 30 Jahren. 3,18 Treffer fielen in dieser Saison pro Partie. Doch: Die Zahl der Tore in der ersten Halbzeit hat sich im Vergleich zu den Vorjahren nicht erhöht. Dafür aber in den zweiten 45 Minuten. Und in dieser Saison ist in der unten stehenden Grafik ein deutlicher Anstieg zu erkennen. Von den 973 Toren fielen 569, also fast 60 Prozent, nach der Pause, 231 beziehungweise fast 25 Prozent gar erst nach der 75. Minute.

Das ist typisch geworden für die Bundesliga: So manches Team brach in der Schlussviertelstunde ein, abgekämpft und ermüdet vom eigenen Einsatz. Der Gegner wiederum lauert nur auf einen Fehler, einen Ballverlust oder eine falsche Feinjustierung des gegnerischen Matchplans. Aus einem 1:0-Ergebnis wird somit schnell ein 3:0.

Christian Streich weiß das nur zu gut. Nach der Niederlage in Hannover nervte er seine Profis vor dem letzten Spieltag wieder mit einer Videoanalyse. Diesmal ging es gegen Nürnberg, einen Absteiger - wie Hannover am Spieltag zuvor. Diesmal gewann Freiburg 5:1.



insgesamt 18 Beiträge
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argonaut-10 22.05.2019
1. Noch mehr Grenzen
wird es geben; die reine Physis eines Menschen nämlich. Vergleicht man Fussballspieler von heute mit denen von vor 20, 30, 40 und 50 Jahren, so sind das Quantensprünge. Der heutige Athlet ist vollkommen durchtrainiert, Ernährung und nahezu alle Belange des täglichen Lebens werden durchstrukturiert und optimiert. Auf diesem Niveau dürfen die modernen Gladiatoren dann bis 30, 33 Jahren in die Arnea. Danach ist in der Regel Schluß (außer bei Pizarro natürlich :)).
aggro_aggro 22.05.2019
2. Klasse
Das geht aber in allen Sportarten so. Am Ende gewinnen doch Eingespieltheit, Einstellung und natürlich individuelle Klasse. Sonst könnten ja alle Teams einfach mit einem 40-Mann-Kader jede Woche eine frische Elf aufstellen. Laufen und Taktik kann man vielen jungen Menschen beibringen.
Dr.T 22.05.2019
3. 2. genauso
Beim HSV hat Wolf das auch versucht - und seine Spieler komplett überfordert.
halverhahn 23.05.2019
4. Wenn das ja alles to toll ist...
warum reißen denn dann deutsche Vereine international wenig bis gar nichts mehr?!! Ich sage nur Europa Leaque bzw Champions Leaque... Welche Mannschaften stehen denn aktuell da in den jeweiligen Finals? Schlappe 4 englische Mannschaften! Insofern ist auch ein hier unterschwellig versuchter Vergleich zur englischen Liga völlig für die Tonne! Da wird zumindest derzeit, augenscheinlich ein besserer weil viel erfolgreicherer Fußball gespielt!
ardbeg17 23.05.2019
5. @halverhahn #4
Das mit dem international reißen hat sich ja etwas relativiert - Frankfurt kam weit, und die beiden CL-Finalisten aus der weltweit stärksten Liga haben diesmal die deutschen Vertreter rausgekegelt. Dennoch bleibt bestehen, dass es in der Bundesliga keine leichten Gegner mehr gibt, auch nicht für den BVB oder Bayern.
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