Bundesliga-Terminplanung Salami-Spieltage bringen Fans in Rage

Profifußball zur Mittagszeit: Der deutsche Ligaverband wertet die neuen Anstoßzeiten als Erfolg. Doch Fans und Amateurclubs sind von den zersplitterten Spieltagen in der ersten und zweiten Klasse genervt. Die Angst vor englischen Verhältnissen mit noch mehr Terminen nimmt zu.

Protestierende Amateurclubs: Zuschauer bleiben weg
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Protestierende Amateurclubs: Zuschauer bleiben weg

Von Hendrik Baumann


Christian Seifert hat Erfahrung im Verkaufen. Der 40-Jährige war bereits beim Fernsehsender MTV Europe und der ehemaligen Karstadt-Quelle New Media AG fürs Marketing zuständig. Seit 2005 muss Seifert als vorsitzender Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL) das "Produkt" Bundesliga an die TV-Sender bringen. Die neuen Anstoßzeiten in der Ersten und Zweiten Liga, mit Blick auf eine profitablere Fernsehvermarktung eingeführt, hätten sich bewährt, teilte Seifert nun mit: "Sowohl der Fernseh- als auch der Stadionfan nimmt die Spieltermine an", sagte er dem "Kicker". Das würden die Zuschauerzahlen und die Einschaltquoten zeigen.

Tatsächlich ist die Beliebtheit des Fernseh-Fußballs, sei es live oder aus der abendlichen Konserve, ungebrochen. So bescherte etwa die "Sportschau" der ARD am ersten Spieltag einen um 3,5 Prozent höheren Marktanteil als im Vorjahr. Mit durchschnittlich 42.000 Zuschauern in der Ersten und 15.800 in der Zweiten Liga gehen bislang auch nicht weniger Menschen in die Stadien als in der vergangenen Saison. Dennoch blendet Seifert in seiner Lobeshymne eine entscheidende Strophe aus: Bei den Fans stoßen die neuen Spielzeiten nämlich auf wenig Begeisterung.

"Der Freitag und Montag sind als Spieltage schon schlimm genug, weil Fans, die von weiter weg anreisen, immer ein oder zwei Tage Urlaub nehmen müssen", sagt Philipp Markhardt, Sprecher der Initiative Pro Fans SPIEGEL ONLINE. "Dass in der Zweiten Liga jetzt auch noch mittags gespielt wird, ist ein Unding. Das kann Familien vor eine Zerreißprobe stellen."

Im Unterhaus werden seit Saisonstart zwei Spiele am Samstag um 13 Uhr und drei am Sonntag um 13.30 Uhr angepfiffen. "Bei unseren Fans stoßen diese Termine auf große Ablehnung", bestätigt Christian Gruber, Sprecher des 1.FC Kaiserslautern. Peter Schmidt, Fanbetreuer bei Hansa Rostock, sagt: "Spiele zur Mittagszeit sind gerade für unsere Fans ein großes Problem, weil sie meist lange Fahrten zu bewältigen haben."

Den veränderten Sonntag in der Ersten Liga mit einer Partie um 15.30 Uhr und einer zweiten um 17.30 Uhr, sieht Markhardt ebenfalls kritisch: "Wir sind pro 15.30 Uhr - aber nicht sonntags. Denn damit gräbt man den Amateurclubs das Wasser ab."

"Der Spielplan macht den Amateurfußball kaputt"

In der Tat sind aus den unteren Ligen lautstarke Klagen zu vernehmen. "Der neue Spielplan macht den Amateurfußball kaputt", sagt Klaus Fleßers, Vorsitzender des 1. FC Viersen. Der Club aus der Niederrheinliga leidet darunter, dass der große Nachbar Borussia Mönchengladbach seit Saisonstart schon viermal sonntags gespielt hat. "Zu uns kommen deutlich weniger Zuschauer, weil die Leute lieber Gladbach im Fernsehen statt uns auf dem Platz sehen wollen", so Fleßers.

Schwund am Spielfeldrand verzeichnet auch der FC Bochum, weil Nachbar und Bundesligist VfL bisher dreimal sonntags antreten musste. "Es werden spürbar weniger", sagt Helmut Heins, zweiter Vorsitzender des Kreisligisten. Berichte von Amateurclubs aus Bremen oder Berlin (Werder hat bisher fünf Sonntagsspiele absolviert, Hertha sechs) klingen nicht anders.

Immer wieder sonntags

Für ein Aufstöhnen unter Fans sorgt auch die zuletzt unausgewogene Ansetzung der Spiele mancher Clubs. So hat Zweitligist Karlsruher SC von bisher acht Spielen sieben am Freitag oder Montag bestritten. "Das ist bei uns gar nicht gut angekommen", sagt Fanbetreuer Wolfgang Emmert. Eine Etage höher musste Borussia Mönchengladbach sonntags schon dreimal auswärts ran. "Unsere Anhänger haben sehr bescheiden reagiert", drückt es Fanbeauftragter Jan Ruoff diplomatisch aus. "Die Verteilung der Spiele wird sich über die Saison hinweg ausgleichen", verspricht Holger Hieronymus, DFL-Geschäftsführer für den Bereich Spielbetrieb.

Der Ligaverband verteidigt naturgemäß die neuen Anstoßzeiten als notwendiges Übel: "Durch die Entscheidung des Kartellamtes mussten wir uns Gedanken darüber machen, wie wir die Einnahmen aus dem Verkauf der Fernsehrechte stabil halten können", sagt Hieronymus. Mehr Spieltermine bringen mehr Exklusivität fürs Pay-TV und damit mehr Geld für die Clubs. "Bevor ein Verein jetzt die Anstoßzeiten kritisiert, muss er sich darüber im Klaren sein, dass alle dem Fernsehvertrag zugestimmt haben", sagt FCK-Sprecher Gruber. Einzig der FC St. Pauli hatte, gebunden an einen Beschluss seiner Mitglieder, dagegen votiert.



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