Bundesliga-Titelkampf Sechs Teams, ein Traum

Bundesliga verrückt: Drei Spieltage vor Schluss können noch sechs Teams Meister werden, eine absolute Ausnahmelage. Christoph Biermann glaubt nicht mehr an einen Triumph des VfL Wolfsburg, kann sich ein Endspiel in München vorstellen - besonders beeindruckt ist er aber von Hertha BSC.


Meistens um diese Zeit sind es noch zwei Kandidaten, die kurz vor Ende eines langen Rennens um die Deutsche Meisterschaft als ernsthafte Titelkandidaten übrig geblieben sind. Manchmal sind es auch drei. Aber dass nach dem 31. Spieltag der Saison auf jeden Fall vier und rechnerisch sogar sechs Mannschaften hoffen dürfen, ist die absolute Ausnahme und sorgt für Meisterträume als Massenerscheinung.

Vierfach-Torschütze Gomez: Endspiel um den Titel in München?
DDP

Vierfach-Torschütze Gomez: Endspiel um den Titel in München?

Aber er schafft auch eine Konstellation, in der jedes Stolpern auf der Zielgerade brutal bestraft werden dürfte. Im Moment etwa sieht es ganz so aus, als ob dem VfL Wolfsburg auf den letzten Metern die Kräfte schwinden. Schalke-Überläufer Felix Magath spürt den heißen Atem des nur noch zwei Tore entfernten FC Bayern im Nacken, aber in München herrscht neben der Hoffnung auf den Titel mindestens so viel Angst davor, aus den Plätzen für die Champions League zu rutschen.

Der VfB Stuttgart ist nach seinem Dauerspurt in Richtung Tabellenspitze plötzlich ein Meisterschaftskandidat, könnte aber die internationalen Plätze auch ganz verpassen. So wie es beim Hamburger SV zum Abschluss der Los-Werder-Horror-Wochos aussieht, weil Borussia Dortmund mit Sieben-Siegen-Meilenstiefeln herangerauscht ist.

Der VfL Wolfsburg hat bei seiner deftigen Niederlage in Stuttgart seinen Joker im Kampf um den Titel schon früh verspielt. Eine Pleite durfte sein, jetzt aber darf es keinen Punktverlust mehr geben, um sicher vorne zu bleiben. Außerdem müssen Grafite und Co. auch noch genug Tore schießen, um die Bayern abwehren zu können.

Doch gegen Dortmund, in Hannover und gegen Werder Bremen dürfte Wolfsburg kaum die maximale Punktzahl schaffen, dafür sind die Gegner zu stark und das königsblaue Gift der Trainerabwerbung scheint doch zu wirken.

Sollte Wolfsburg jedoch nur einmal stolpern, während der FC Bayern und der VfB Stuttgart an den kommenden beiden Spieltagen auf Kurs bleiben, würde es zwischen beiden Mannschaften zum Schluss noch ein Endspiel in München geben. Markus Babbel, der nach Saisonende seine Ausbildung zum Trainer beginnt, muss zuvor noch in Schalke und gegen Cottbus bestehen, die vor zwei Jahren bekanntlich letzte Station zum Titelgewinn waren.

Für Bayern geht es mit Trainer Jupp Heynckes, der nach der Saison wieder in Pension zurückkehrt, noch gegen Bayer Leverkusen und nach Hoffenheim, die bei dieser Gelegenheit bestimmt gern ihre desolate Rückrunde adeln würden.

Aber was ist eigentlich mit den Berlinern? Jenseits der Hauptstadt, wo im Dauerdelirium "Hey was geht ab, wir holen die Meisterschaft" gesungen wird, werden sie immer noch kaum ernst genommen. Auch nach 31 Spieltagen glauben viele Experten und Fans, dass dieses Team sich eher zufällig noch vorne in der Tabelle herumtreibt. Der Irrtum könnte größer nicht sein, denn das Team hat mit Jaroslav Drobny einen der besten Torhüter der Bundesliga und mit Josip Simunic ihren besten Innenverteidiger.

Der Brasilianer Cicero spielt im Mittelfeld so smart wie Andrej Woronin im Angriff effektiv, und Patrick Ebert hätte so langsam mal eine Einladung ins Nationalteam verdient. Vor allem aber lässt Trainer Lucien Favre seine Mannschaft taktisch so spielen, dass ihr ganzes Potential ausgeschöpft wird. Attraktiv mag das nicht sein, aber Hertha ist dadurch so effektiv wie kein anderes Team der Liga. Die Berliner könnten dadurch zum Nachfolgemodell "Stuttgart '92" werden - der Meister, an den niemand glaubte.

Damals fragten sich noch am letzten Spieltag alle, ob denn Borussia Dortmund um Flemming Povlsen oder die großartige Mannschaft von Eintracht Frankfurt mit Uli Stein, Uwe Bein und Andreas Möller den Titel holen würden. Dann verloren die Hessen tragisch in Rostock, während Guido Buchwald die Stuttgarter in Leverkusen trotz Unterzahl zwei Minuten vor Schluss völlig überraschend zur Meisterschaft schoss.

Wie damals der VfB wird Favres Team heute weithin unterschätzt. Der Trainer hat am Samstag beim Blick auf die Tabelle gesagt: "Meister wird wahrscheinlich, wer neun Punkte holt." Mit Begegnungen beim gerade extrem dezimierten 1.FC Köln, gegen Schalke 04 und in der letzten Partie beim wahrscheinlichen Absteiger Karlsruhe ist das für Hertha nicht unwahrscheinlich. Und es könnte gerade dann reichen, wenn sich am letzten Spieltag alle fragen, ob denn Bayern oder Stuttgart den Titel holt.

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