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17. September 2012, 15:06 Uhr

Krise bei 1899 Hoffenheim

Schlingerkurs in Sinsheim

Aus Freiburg berichtet

3:5 in Freiburg - spätestens seit der jüngsten Niederlage ist in Hoffenheim der Trainer angezählt. Tatsächlich hat Markus Babbel viele Fehler gemacht. Doch die Probleme im Verein sind grundsätzlicher Natur: Der mächtigste Mann im Verein wechselt oft den Kurs.

Die Zunft der Trainer verfügt über mehrere Kniffe, wenn sie der Öffentlichkeit verkaufen will, Nackenschläge seien in Wahrheit etwas Heilsames. Besonders beliebt sind offensiv zur Schau getragene Zerknirschtheit ("Indiskutable Leistung meiner Mannschaft") und die Flucht nach vorne ("Werden am Samstag ein anderes Gesicht zeigen"). Eher selten ist hingegen die Variante, für die sich Hoffenheims Trainer Markus Babbel nach der hochnotpeinlichen 3:5-Niederlage beim SC Freiburg entschied. Realitätsverleugnung war angesagt.

Babbel fand, es sei "mehr drin gewesen" für sein Team. Eine noch höhere Niederlage war damit allerdings nicht gemeint. "Wie die Mannschaft nach dem Rückstand zurückgekommen ist, hat mir gut gefallen". In Wirklichkeit kam das zwischenzeitliche 2:2 durch Boris Vukcevic nur zustande, weil Freiburgs Oliver Sorg den Ball vor dem eigenen Strafraum in die Füße des Gegners gespielt hatte, das 3:3 durch Takashi Usami war ein Distanzschuss. Die defensiv desaströsen Hoffenheimer brachten aus dem Spiel heraus auch offensiv wenig zustande.

Gerade im Vergleich zum SC fielen die Hoffenheimer Defizite auf. Die individuellen Schwachstellen sind entscheidende - mit Marvin Compper und Matthieu Delpierre sind gleich beide Innenverteidiger in der Form vom Sonntag nicht bundesligatauglich. Zudem fehlt dem Team ein Spielkonzept, elf Einzelkämpfer werkeln auf dem Feld unkoordiniert vor sich hin. Und wenn in dem ganzen Mischmasch aus langen hohen Bällen, Fouls und Fehlpässen dann doch hin und wieder einmal Torgefahr entsteht, liegt das schlicht und einfach daran, dass ein Team mit solch hochveranlagten Individualisten wie Roberto Firminio oder Usami gegen Low-Budget-Teams wie Freiburg eben doch einmal gefährlich vors Tor kommt.

Im Kollektiv aber war es dem SC deutlich unterlegen. Das ist ein Armutszeugnis für einen Trainer. Auch Babbels Punkteausbeute ist verheerend: Seit seinem Amtsantritt am 10. Februar gab es nur vier Siege.

Man darf wohl davon ausgehen, dass Babbel manchmal selbst die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, wenn er an seine Mannschaft denkt. Doch genau das ist das Problem: Er hat sie selbst zusammengestellt, ist für Spielsystem und Taktik verantwortlich. Und dafür, dass das Team als Einheit auftritt. Genau in diesem Bereich muss sich Babbel schwere Versäumnisse ankreiden lassen.

Babbel scheiterte bisher mit seinen Ideen und Spielerkäufen

Ohne Not servierte Babbel, der seine Manager-Aufgaben künftig abgeben will, im Sommer Tom Starke ab und ersetzte ihn durch Tim Wiese, der mittlerweile der fünfte Spieler der Beratungsagentur Rogon im Kader ist. Wiese ist auf der Linie nach wie vor stark, fußballerisch aber zu limitiert, um das Spiel so gut zu eröffnen, wie das der Großteil der Bundesligakeeper heutzutage kann. In der Strafraumbeherrschung hat er ebenfalls Defizite - auch wenn der 30-Jährige nicht jeden Tag viermal am Ball vorbeisegelt und zwei Gegentreffer verursacht wie gegen Freiburg.

Vorgänger Starke war hingegen ein grundsolider Keeper und mannschaftsintern wichtig, weil er Fehlentwicklungen ansprach und einer der wenigen Charakterköpfe im Team war. Gleiches gilt für Verteidiger Andreas Beck, der zuletzt durchwachsen spielte, von Babbel aber gleich auf die Tribüne gesetzt und somit gedemütigt würde. Babbel wollte eine neue Hierarchie im Team. Doch die Spieler, die er als Führungsspieler sah - Wiese, Delpierre, Eren Derdiyok - stecken samt und sonders im Leistungstief.

Doch das Hauptproblem der TSG liegt tiefer, es wäre wohl auch mit dem vierten Trainerwechsel seit Januar 2011 nicht zu beheben, solange sich Dietmar Hopp, der einzige Mann, der in Hoffenheim wirklich etwas zu sagen hat, mit Menschen umgibt, die mit Kritik an ihm äußerst sparsam umgehen. Und so ändert der Boss alle paar Monate nahezu ohne Gegenwind die Leitlinien im Verein. Nach dem Sparkurs unter Trainer Holger Stanislawski durfte Babbel nun wieder im großen Stile einkaufen.

1899 Hoffenheim steht anno 2012 für nichts mehr, außer für den Versuch, mit viel Geld einigermaßen über die Runden zu kommen. Diese Einfallslosigkeit bestraft inzwischen auch die ohnehin schon ausgesprochen bescheidene Fanbasis: Zum badischen Derby bequemten sich gerade einmal 500 Gästefans.

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