Bundesliga und Pandemie Was lernt der Fußball aus der Coronakrise?

Solidarität ist der Begriff der Stunde unter Profiklubs: Vereine helfen, ebenso die Spieler. Doch das allein wird die Liga nicht retten. Ein prinzipieller Wandel des Betriebs scheint notwendig.
Das leere Stadion von Borussia Mönchengladbach beim Spiel gegen Köln am 11. März

Das leere Stadion von Borussia Mönchengladbach beim Spiel gegen Köln am 11. März

Foto: Fabian Strauch/ dpa

Karl-Heinz Rummenigge wird am Dienstag womöglich besonders freundlich empfangen. Gleiches könnte für Hans-Joachim Watzke und Rudi Völler gelten - und vielleicht sogar für Oliver Minzlaff.  

Wenn die Vertreter der 36 Profiklubs zur zweiten Krisensitzung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) in einer Videokonferenz zusammenkommen, um den weiteren Umgang mit den Folgen der Covid-19-Pandemie zu besprechen, dann werden die vier Chefs des FC Bayern, von Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und RB Leipzig in gewisser Weise als Wohltäter auftreten dürfen. Die deutschen Champions-League-Starter haben sich entschieden, zusammen 20 Millionen Euro als Soforthilfe bereitzustellen - für Klubs, die durch die erzwungene Spielpause in Schieflage geraten sind. "In diesen schwierigen Zeiten ist es wichtig, dass die stärkeren Schultern die schwächeren Schultern stützen", sagte Rummenigge. Das klingt nach Bundesliga-Rettungsschirm, wobei von Rettung keine Rede sein kann.

Der erste Bundesliga-Corona-Soli

"Das ist eine gute Aktion, aber man sollte sie auch nicht überhöhen", sagt ein DFL-Insider dem SPIEGEL. Die 20 Millionen, zusammengesetzt aus dem Verzicht auf bisher von der DFL zurückgestellte Medienerlöse und der Zugabe von 7,5 Millionen Euro, sind eher als solidarische Geste zu verstehen. Und sie passt zum Zeitgeist.

Kein Begriff macht im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgeschäden der Pandemie gerade mehr Karriere als Solidarität. Spieler verzichten auf Teile ihres Gehalts, wobei auch von Erstligastandorten zu hören ist, an denen Profis dazu eher etwas gröber aufgefordert werden müssen. Andere Spieler dagegen bauen eine eigene Spendenaktion auf. Und jetzt steht also auch der erste Bundesliga-Corona-Soli.

Den deutschen Fußball wird er allein jedoch nicht vor einer schweren Krise bewahren, sollte diese Saison nicht mehr zu Ende gespielt werden können. Zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Euro würden den Klubs dann an TV-Geldern, Zuschauer- und Werbeeinnahmen fehlen. Die 20 Millionen wirken dagegen wie ein Pflaster auf einem offenen Beinbruch.

Anders sähe es aus, sollte diese Spielzeit ab Mai und dann ohne Zuschauer weitergehen können, wie es die DFL forciert. Allerdings ist sie hier abhängig von der Politik. Laut "Kicker" fehlten den 18 Bundesligavereinen in diesem Fall etwa 150 Millionen Euro. "Dann wäre das alles ein großer Schrecken, wir würden es aber wieder hinbekommen", heißt es bei der DFL.

Zwei Zukunftsszenarien

Die Dachorganisation der 36 Erst- und Zweitligaklubs hat ihren Mitgliedern empfohlen, für ein Aussetzen des Spielbetriebs bis zum 30. April zu stimmen. Bei der Krisensitzung am Dienstag wird sie beschlossen. Ob es danach ohne Stadionpublikum weitergehen kann, ist trotzdem völlig unklar. Die DFL plant deshalb mit zwei unterschiedlichen Szenarien.

Sollte diese Saison weitergespielt werden können, ergreifen die Klubs zur Überbrückung der spielfreien Zeit bereits Maßnahmen, um die Liquidität zu sichern. Gehaltsverzicht ist das eine. Vom Bundeswirtschaftsministerium gibt es zudem für Unternehmen, die von Veranstaltungsausfall betroffen sind, einen Drei-Stufen-Plan  zur Unterstützung: Er beinhaltet Kurzarbeit, KfW-Kredite, Umsatzsteuerrückerstattungen und die Stundung von Sozialversicherungsbeiträgen. Hinzu kommt der 20-Millionen-Euro-Soli von Rummenigge und Co. Bedürftige Klubs können sich bei der DFL für Hilfsgelder bewerben.

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Foto: Jörg Schüler/ Bongarts/Getty Images

Sollte die Spielzeit aber abgebrochen werden, versucht die DFL, die dann ausbleibende TV-Geld-Tranche von rund 380 Millionen Euro zu kompensieren, die eigentlich im Mai fließen sollte. Das könnte über eine Bürgschaft, einen Kredit oder aber über die Vorfinanzierung von zukünftigen TV-Einnahmen geschehen, heißt es intern. "Gelingt uns das, meistern wir die Krise. Gelingt uns das nicht, dürfte es für manche Vereine richtig schlimm werden", sagt der Geschäftsführer eines Bundesligisten.

Schon jetzt scheint sich in der Branche aber die Erkenntnis breitzumachen, dass die Pandemie auch die Notwendigkeit zu einem grundsätzlichen Wandel offenlegt. "Die Frage muss doch lauten: Was lernt der Fußball aus der Krise", erklärt ein Vereinspräsident gegenüber dem SPIEGEL. In informellen Gesprächen mit Klubvertretern wird immer wieder ein Lerneffekt genannt: Die Ausgaben der Klubs seien zu hoch. "Die Vereine werden bei den Spielergehältern andere Wege gehen müssen. Wenn zukünftig neue Verträge ausgehandelt werden, muss alles nach unten reguliert werden", sagt ein Zweitliga-Manager.

Sind viele auslaufende Verträge für Klubs zu normalen Zeiten eigentlich schlecht, erweisen sie sich in der Krisenzeit jetzt als vorteilhaft. Ein anderer Klubvertreter ergänzt einen weiteren Punkt: "Wir müssen zukünftig von den hohen Ablösen auf dem Transfermarkt wegkommen. Dann schrumpfen wir uns gesund."

In Krisenzeiten wird gern von Wandel gesprochen. Der Fußball allerdings kannte in der vergangenen 20 Jahren kaum welche. Wenn der Ball rollte, bedeutete das Wachstum. Bei der bisher letzten TV-Geldvergabe 2016 wurde eine Steigerung der Einnahmen von über 80 Prozent erzielt. Im kommenden Mai sollten eigentlich die TV-Rechte ab der Spielzeit 2021 neu vergeben werden. Die DFL hat den Termin nun vorerst in den Juni verschoben. Ein riesiger Zuwachs wie 2016 war ohnehin nicht erwartet worden, aber immerhin noch eine Steigerung von zehn bis zwölf Prozent. Doch nun könnte die Krise auch die Angebote der Bewerber geringer ausfallen lassen, denn auch mitbietende große Medienunternehmen könnten wegen der Pandemie wirtschaftliche Schwierigkeiten bekommen.

"Dass sich der Fußball auf eine andere Zeitrechnung einstellen muss, ist klar", sagt der Bundesliga-Geschäftsführer. "Jetzt aber geht es erst einmal darum, den Sommer zu erreichen."