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21. März 2011, 14:12 Uhr

Bundesliga-Veteran Heynckes

Der Kompromisstrainer

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Jupp Heynckes verlässt Bayer Leverkusen, jetzt ist für ihn der Weg zum FC Bayern München frei. Der 65-Jährige steht für solide, besonnene Arbeit. Ein Mann der Zukunft wäre er allerdings nicht - der arbeitet künftig für Leverkusen.

Die Sache mit dem Dienstwagen rechnen sie Jupp Heynckes in Mönchengladbach immer noch hoch an. Als sich die Borussia im Januar 2007 von Heynckes trennte, tankte der Trainer als letzte Amtshandlung das Dienstauto noch einmal voll und stellte es dann vorschriftsmäßig auf dem dafür vorgesehenen Parkplatz ab. Heynckes weiß, was sich gehört, er ist ein Mensch mit Umgangsformen, höflich, freundlich, korrekt. Das ist nicht der geringste Grund, warum der FC Bayern München den fast 66-jährigen Coach von Bayer Leverkusen so gerne an die Säbener Straße zurückholen will.

In Leverkusen haben sie Heynckes' Nachfolge frühzeitig geregelt. Bayer bekommt mit dem Freiburger Robin Dutt den nach Jürgen Klopp begehrtesten Coach der Liga und setzt damit ein deutliches Zeichen der Perspektive. Die Bayern dagegen würden einen Trainer des Übergangs erhalten.

Jupp Heynckes hat eine beeindruckend lange Liste von Erfolgen zu verzeichnen. Er ist sechsmal Deutscher Meister geworden, viermal als Spieler in Mönchengladbach, zweimal als Coach in München. Er gehörte als Spieler dem Weltmeisterkader von 1974 an, er hat 1998 als Trainer die Champions League mit Real Madrid geholt. Das war allerdings auch sein letzter Titelgewinn, das ist 13 Jahre her.

München als Stresstest für Heynckes' Altersmilde

Zu Heynckes' Trainerbiografie gehören allerdings auch die Stationen Frankfurt, wo er es sich 1995 am Ende mit allen Stars verdorben hatte, und Schalke, das er 2004 bereits nach einem Jahr wieder verlassen musste, begleitet von dem höhnischen Satz des damaligen Schalke-Managers Rudi Assauer: "Der Jupp ist ein Fußballer der alten Schule, aber wir haben 2004." Die Gladbacher Borussia stürzte unter Heynckes 2007 in den Tabellenkeller und erholte sich auch nach seinem Rücktritt nicht mehr.

In Leverkusen schien Heynckes zuletzt so etwas wie sein spätes Karriereglück gefunden zu haben. Bayer ist ein ruhiger Arbeitsplatz, der Club ist das Spitzenteam in Deutschland mit dem geringsten Aufregungspotential, die Fanszene verhält sich seit eh und je unauffällig. Die Geschäfte im Verein werden von Wolfgang Holzhäuser und Rudi Völler seit Jahren relativ solide geführt. Heynckes hat es immer geliebt, wenn es um ihn herum nicht allzu hektisch zugeht. Umso genervter reagierte er denn auch in den vergangenen Wochen, als sich nichts mehr um die sportlichen Erfolge des Teams, sondern alles nur noch um die Personalie Michael Ballack zu drehen schien.

In München wird er so etwas fast täglich haben.

Als Heynckes 1991 nach vier relativ guten Trainerjahren bei den Bayern gehen musste, wirkte er damals wie einer, der von der Münchner Medienöffentlichkeit geschafft war. Auch in Frankfurt und Gelsenkirchen gingen ihm die Erregtheiten des Umfelds schnell gegen den Strich. Der Coach ist stets weit dünnhäutiger gewesen, als er in Leverkusen zuletzt wirkte. Für ihn würde die Rückkehr an die Säbener Straße auch zum Stresstest für seine Altersmilde.

Heynckes ist der Wunschkandidat von Hoeneß

Für den Bayern-Vorstand, insbesondere Präsident Uli Hoeneß, ist Heynckes der Wunschkandidat auf dem Trainerposten. Auch wenn Heynckes selbst betont, es gebe noch keinerlei Verhandlungen mit den Münchner Bossen - alles spricht derzeit dafür, dass die Bayern ihn für die kommende Spielzeit verpflichten. Zu dem jetzigen Coach Louis van Gaal hat Hoeneß nie wirklich Zugang gefunden. Der Niederländer beanspruchte eine Rolle, die Hoeneß für sich gepachtet zu haben glaubte. Van Gaal meinte zu wissen, was das Beste für den FC Bayern München ist. Und in dieser Frage lässt sich Hoeneß von niemandem übertrumpfen.

Unter Heynckes droht ihm nichts Entsprechendes. Der Trainer-Oldie ist ein Freund des Hauses - spätestens seitdem er sich 2009 in die Pflicht nehmen ließ, die Bayern-Saison nach der Beurlaubung von Jürgen Klinsmann als Trainer zu Ende zu bringen. Wie Heynckes in Leverkusen das Ballack-Thema handhabte, hat dem Vorstand in München ebenfalls gefallen. Anders als van Gaal es mit unliebsamen Edelprofis wie Martin Demichelis oder Luca Toni machte, demontierte Heynckes seinen Star nicht vollständig, sondern zeigte ihm lediglich deutlich die Grenzen auf.

Mit seinem Trainer Heynckes gewinnt Hoeneß wieder ein Stück Deutungsmacht im Verein zurück, das er unter van Gaal eingebüßt hatte. Der Coach wird, das hat Sportdirektor Christian Nerlinger schon angekündigt, in der Sommerpause die Verstärkungen in der Verteidigung erhalten, die der Verein braucht, um in der kommenden Saison wieder Deutscher Meister zu werden. Van Gaal hatte dagegen auf seine eigenen jungen Abwehrspieler gesetzt, auf Diego Contento, auf Breno, auf Holger Badstuber - dieses Risiko hat ihn letztlich den Job gekostet.

Heynckes ist anders als van Gaal ein Vertreter des Fußballkompromisses. Die Zeit der Streitigkeiten, der Provokationen beim FC Bayern wäre mit ihm erst einmal vorbei. Die Zeit der Visionen aber auch.

In Leverkusen beginnt sie dagegen erst. Der Verein hat sich von seinem ersten missglückten Anlauf mit einem Konzepttrainer erholt. Die Erfahrungen mit dem damaligen Trainer Bruno Labbadia haben die Clubführung diesmal genauer hinsehen und mit Dutt den richtigen Mann für den richtigen Job finden lassen. Der 46-Jährige kommt aus dem Rheinland und ist durch seine Freiburger Zeit aufs Bundesliga-Geschäft bei Bayer gut vorbereitet. Mit Heynckes eint ihn die Sehnsucht nach Ruhe im Job.

In Leverkusen wird Dutt sie bekommen. Jupp Heynckes dagegen wird sich noch einmal danach zurücksehnen.

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