Videobeweis in der Bundesliga Das darf doch nicht VAR sein

Die Fußballwelt ist empört: Köln verliert mit irregulär angewandtem Videobeweis. Welch ein Skandal! Ein bisschen weniger Aufregung würde guttun. Denn der Videobeweis ist eine Neuerung, die das Spiel besser machen wird.

Ein Video-Assistent in der Bundesliga bei der Arbeit
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Ein Video-Assistent in der Bundesliga bei der Arbeit

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Ein Fußball kann rollen. Oder wahlweise fliegen. Überschlagen kann er sich nicht. Das übernimmt in unschöner Regelmäßigkeit ja auch das Umfeld dieses Sports. Aktueller Anlass: der Videobeweis. Seit Wochen überbieten sich Beteiligte, Medien und Fans in der Kritik an der Neuerung und der Forderung nach ihrer Abschaffung. "Der Fußball verliert seine Glaubwürdigkeit", ist immer wieder zu hören und zu lesen. Geht es nicht noch ein bisschen größer?

Zugegeben, der jüngste Fall ist keine Werbung für den Einsatz eines Video-Assistenten (Video Assistent Referee, VAR). Als Borussia Dortmund gegen den 1. FC Köln das 2:0 erzielt hatte, entschied Schiedsrichter Patrick Ittrich - kurz bevor der Ball die Torlinie überschritt - auf Foul an FC-Torwart Timo Horn. VAR Felix Brych bewertete das vermeintliche Foul an Horn anders und schritt ein, obwohl er das wegen Ittrichs Spielunterbrechung gar nicht gedurft hätte.

Ja, das ist eine bedauernswerte Anwendung. Ja, insbesondere Brych, der 2013 schon beim sogenannten "Phantomtor" von Stefan Kießling beteiligt war, muss sich fragen lassen, warum er bei der Video- und Audio-Beobachtung Ittrichs Pfiff nicht wahrgenommen hat. Aber die Bundesliga hat sich nun mal für die Beteiligung an der Testphase des Videobeweises entschieden und zu so einem Test gehören nun mal Unregelmäßigkeiten, Unklarheiten und manchmal eben auch unglückliche Entscheidungen dazu.

Selbst beim Thema Gerechtigkeit, die der Videobeweis nachweislich mit sich bringt, winken Kritiker genervt ab. Es soll nicht gerechter werden, der Fußball soll einfach so bleiben, wie er ist. Mit all den Fehlentscheidungen, die Woche für Woche über Sieg und Niederlage entscheiden

Die Kölner dürften sogar ganz froh über die Video-Fehlentscheidung sein. Ihr Einspruch gegen die Spielwertung und die Forderung nach einem Wiederholungsspiel lenken zumindest für drei Tage vom schlechten Saisonstart und der schwachen Leistung beim BVB ab.

Die Chance auf ein zweites Spiel in Dortmund ist äußerst gering. Ittrichs und Brychs Regelauslegung wird vom DFB als Tatsachenentscheidung gewertet werden - und diese ist weiterhin heilig. Zumal der FC in einem normal verlaufenden Wiederholungsspiel nur darauf hoffen könnte, sein Torverhältnis mit einer knapperen Niederlage zu verbessern. Weil die Wiederholung aber wohl nicht stattfinden wird, kann Kölns Trainer Peter Stöger sein Team nun im Fahrwasser der Videobeweis-Diskussion in relativer Ruhe auf die wichtigen Spiele gegen Frankfurt und Hannover vorbereiten.

Doch zurück zum Videobeweis. Warum schafft es der Fußball nicht, sich unaufgeregt mit Neuerungen auseinanderzusetzen? Weil er sich für so unglaublich wichtig hält. Weil er in einer Art überhöht wird, wie es in anderen Sportarten niemals passieren würde. Hockey, Basketball, Eishockey, Tennis - Video-Unterstützung gibt es in vielen Bereichen, sie gehört mittlerweile einfach dazu.

So wie den Zuschauern bei großen Tennisturnieren das Warten auf eine "Hawk-Eye"-Entscheidung eine neue Facette verschafft hat, könnte dies der Videobeweis im Fußball auch. Wer beim Heimspiel des Hamburger SV gegen Leipzig im Stadion war, die Anspannung beim Videobeweis zum vermeintlichen Elfmeter für Timo Werner wahrgenommen und den anschließenden Jubel der HSV-Fans mitbekommen hat, weiß, dass der Videobeweis auch bereichernd sein kann. Stattdessen wird darüber lamentiert, man könne den Torjubel nicht mehr genießen. Echt jetzt?

Man möchte dem grummelnden Volk zurufen: Beruhigt Euch, ist nur Fußball.

insgesamt 58 Beiträge
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levy_izhak 18.09.2017
1. Offenes Kriterien Katalog
Die Schiris verdienen so viel. Es sollte nach jedem Spiel auch der Schiri bewertet werden. Damit alle Fehler dokumentiert werden. Dann benehmen sich die Herren in schwarz weniger wie ein Mittelalterlicher Lehnsherr oder Erzbischof sondern werden aktiv an sich selbst arbeiten.
Crom 18.09.2017
2.
Ich bin erst einmal prinzipiell für den Videobeweis. An der Umsetzung hapert es aber noch. Wie der Autor richtig anbringt, es ist eine Testphase und da passieren noch Fehler. Man sollte besser überlegen, wie können diese Fehler in Zukunft vermieden werden. Vielleicht sollte man der benachteiligte Mannschaft in dieser Situation eher einem indirekten Freistoß anstelle eines Schiedsrichterball zuerkennen. Im Eishockey gibt es zudem die Möglichkeit des technischen Tors. Vielleicht sollten Schiris auch einfach nicht so schnell pfeifen bei strittigen Szenen und lieber auf den Videoassistenten warten.
ptb29 18.09.2017
3. Es geht nicht um pro oder contra Videobeweis
Es geht darum, dass der Schiedsrichter eine irreguläre Entscheidung getroffen hat. Köln hätte wahrscheinlich verloren. Das Spiel war abgepfiffen, der Schiedsrichter kann nicht einfach diesen Pfiff zurücknehmen.
feri-aus-berlin 18.09.2017
4.
hieß es nicht auch mal, dass den Leuten die Diskussionen über Fehlentscheidungen abgehen würden käme der Videobeweis? man kann es echt keinem Recht machen .. haha
fanasy 18.09.2017
5. sehr geehrter Autor,
Fußball wird nicht überhöht. Er ist mit einfachsten Mitteln, zur Not mit einer alten Getränkedose zu spielen, im Normalfall aber gelten universell die gleichen Regeln, ob TSV Hintertupfing oder Real Madrid spielt. Und genau hier liegt der Kern der Kritik. Es ist mir egal,wie viel Geld dahinter steckt, das habe ich nicht entschieden und ist doch nicht das Problem des Fußballs an sich. Der Fußball ist ein Spiel mit einem Ball, zwei Toren und 90 Minuten. Punkt.
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