Werder Bremen und Milot Rashica Das 38-Millionen-Euro-Problem

Werder will Milot Rashica verkaufen. Auch der Stürmer will weg. Nach SPIEGEL-Informationen sind der BVB und englische Klubs interessiert. Doch der Markt wandelt sich durch Corona und eine Klausel wird zur Hürde.
Milot Rashica (Mitte) traf bei Werders 3:2 gegen Dortmund im DFB-Pokal einmal, ein weiteres Tor bereitete er vor

Milot Rashica (Mitte) traf bei Werders 3:2 gegen Dortmund im DFB-Pokal einmal, ein weiteres Tor bereitete er vor

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David Hecker/ dpa

Als Werder Bremen Milot Rashica Anfang 2018 von Vitesse Arnheim verpflichtete, teilten Klub und Spieler eine gemeinsame Vision. Und so taten sie etwas Ungewöhnliches: Sie schrieben in den neuen Vertrag des Angreifers eine feste Ausstiegsklausel in Höhe von 38 Millionen Euro. Und das für einen Spieler, der zuvor nur in der kosovarischen und niederländischen Liga gespielt hatte.

Rashica, damals 21 Jahre alt, ein wuchtiger, aber ungeschliffener Angreifer, sollte sich in Bremen zu einem Spitzenstürmer entwickeln, einem, der dem SV Werder zwar entwachsen, auf dem Weg dorthin aber viele Tore garantieren würde. Das war der Plan. Und wenn er dann zu einem größeren Klub wechselte, würde Werder profitieren. Sieben Millionen Euro zahlte Bremen an Arnheim. 38 Millionen Euro erhoffte sich der Klub bei einem Weiterverkauf.

Die gute Nachricht ist: Die Vision wurde Wahrheit. Milot Rashica ist heute der beste Stürmer im Kader der Bremer und international gefragt. Die schlechte Nachricht: Die Klausel, die Planungssicherheit für Spieler und Klub garantieren sollte, ist womöglich nichts mehr wert und könnte jetzt sogar zur Hürde für einen Wechsel werden. Denn die Gesetze des Transfermarkts werden aufgrund der Coronakrise umgeschrieben.

Das Modell der fixen Ablösen wie bei Rashica ist weitverbreitet. Es bringt dem Spieler die Gewissheit, wechseln zu können, wenn er nur gut genug spielt. Für den Klub hat es den Charme, auf eine bestimmte Summe pochen zu können.

Doch seit wegen der Pandemie fast überall der Ball ruht, ist die Fußballwelt in Sorge. Sollte die Bundesliga nicht bald wieder ihren Betrieb aufnehmen und die Saison zu Ende bringen können, würden TV-Gelder weiterhin einbehalten werden, es soll um 384 Millionen Euro gehen. Zudem fehlen die Einnahmen aus Eintrittskartenverkäufen und Sponsorendeals. Schon jetzt spüren Klubs wirtschaftliche Folgen, weil sie die spielfreie Zeit überbrücken müssen.

Doch auch Transfererlöse spielen eine gewaltige Rolle bei vielen Bundesligisten. Laut Wirtschaftsreport 2019  der Deutschen Fußball Liga (DFL) beträgt der Anteil am Gesamtumsatz durchschnittlich 16,9 Prozent bei den 18 Bundesligisten. Die Vereine der 1. Liga nahmen zuletzt mehr Geld durch Spieler- (645,5 Millionen Euro) als über Ticketverkäufe ein (538,4). Talente weiterzuentwickeln und mit teilweise hohem Gewinn wieder abzugeben, das gehört nicht nur in Bremen zum Geschäftsmodell. Es ist neben den TV-Einnahmen ein Grundpfeiler der Bundesliga.

In der Hinrunde gelangen Milot Rashica elf Torbeteiligungen in 15 Pflichtspieleinsätzen für Werder

In der Hinrunde gelangen Milot Rashica elf Torbeteiligungen in 15 Pflichtspieleinsätzen für Werder

Foto: Adam Pretty/ Bongarts/Getty Images

Aber dieser Pfeiler droht, jetzt porös zu werden. Wo weniger Einnahmen sind, kann weniger ausgegeben werden. Entsprechend schrumpfen die Marktwerte der Spieler. Das Internationale Zentrum für Sportstudien CIES schätzt , dass die Transferwerte um 28 Prozent sinken dürften, wenn nicht schnell wieder gespielt werde.

Wenn die Pandemie vielerorts zu wirtschaftlichen Engpässen bis hin zu schweren Schieflagen führt, was sind dann noch Ausstiegsklauseln über hohe festgeschriebene Ablösen wie im Falle Rashicas und vielen anderen Fußballprofis wert? Es sind Summen aus einer anderen Zeit. Ausstiegsklauseln seien nun zumeist "ein Muster ohne Wert", sagte Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic kürzlich dem SPIEGEL.

In Bremen entsteht daraus eine merkwürdige Situation: Rashica möchte Werder verlassen, weil er sich sportlich für höhere Aufgaben empfohlen hat. Auch der Klub will den Spieler zeitnah abgeben, so ist zu hören. Er benötigt die Ablöse, zumal ihm als Tabellen-17. der Abstieg droht. Und trotzdem wird es wohl kompliziert. Denn die 38-Millionen-Euro-Klausel in Rashicas Vertrag, die 2018 noch eine weitsichtige Entscheidung war, könnte nun zum Problem werden.

Dortmund, Liverpool und West Ham sind interessiert

Ein Jahr lang brauchte Rashica nach seinem Wechsel aus Arnheim, um sich an das Niveau der Bundesliga anzupassen. Es war ein Lehrjahr, gerade was das Spiel gegen den Ball betrifft. Mittlerweile fällt Rashica defensiv nicht mehr ab - und mit dem Ball am Fuß besonders auf. In der vergangenen Hinrunde gelangen ihm elf Torbeteiligungen in 15 Pflichtspieleinsätzen. Er war einer der wenigen Lichtblicke bei den Bremern.

Das hat dazu geführt, dass es nun prominente Interessenten für Rashica gibt. Nach SPIEGEL-Informationen hat Borussia Dortmund bereits Kontakt zum Angreifer aufgenommen. Beim BVB schätze man, wie vielseitig Rashica einsetzbar sei: links- oder rechtsaußen, und als hängende Spitze. Beim 3:2-Sieg der Bremer über Dortmund im DFB-Pokal Anfang Februar traf Rashica einmal, ein weiteres Tor bereitete er vor. Das Interesse an Rashica sei, so hört man, auch unabhängig von einem möglichen Abgang Jadon Sanchos da.

Hinter dem BVB sind nach SPIEGEL-Informationen eine Reihe englischer Klubs an Rashica interessiert. West Ham United, Aston Villa und die Wolverhampton Wanderers haben angefragt - aber auch der Champions-League-Sieger FC Liverpool. "Irgendwann möchte ich mich regelmäßig mit den besten Spielern der Welt messen und Jahr für Jahr Champions League spielen", sagte Rashica kürzlich dem Sportinformationsdienst SID.

Doch in der Premier League ruht ebenfalls der Ball. Auch dort, wo zuletzt Geld im Überfluss existierte, wachsen die Sorgen. Bei manchem Klub machen die TV-Gelder weit mehr als die Hälfte des Umsatzes aus. Transfers in der Größenordnung, wie Bremen sie für Rashica angedacht hatte, dürften vorerst auch in England skeptischer betrachtet werden.

Bremen hat im Sommer hohe Ausgaben

Für Werder Bremen ist das ein Problem. Denn auf die Hanseaten kommen bald hohe Ausgaben zu: Entweder sie steigen ab, was den Klub teuer zu stehen kommen dürfte, oder sie müssen alte Rechnungen begleichen. Bei den ausgeliehenen Spielern Leonardo Bittencourt (Hoffenheim) und Ömer Toprak (Dortmund) hat sich Werder zum Kauf verpflichtet, so denn der Klassenerhalt gelingt. Auch bei Davie Selke (Hertha) gibt es solch eine Vereinbarung, sie greift 2021. Insgesamt stünden Zahlungen von wohl deutlich mehr als 20 Millionen Euro an. All das setzt Werder jetzt zusätzlich unter Druck.

Seine Hinrunden-Form hatte Rashica zuletzt nicht halten können. Der Auftritt im Pokal gegen Dortmund war der bislang letzte wirklich überzeugende des Kosovaren. Wohl nicht zufällig war es auch Werders bislang letzter Sieg.

Gelegenheiten, den Marktwert des Stürmers zu steigern, gibt es derzeit nicht. Im Mai würde die Bundesliga gern wieder kicken, ob sie darf, ist ungewiss. Vielleicht hatten sie in Bremen auch noch auf die Europameisterschaft gehofft. Auch dank Rashica hatte das Kosovo noch die Chance, sich über die Play-offs für das Turnier im Sommer zu qualifizieren. Aber daraus wird bekanntlich nichts mehr.

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