Bremen rettet sich in die Relegation Wieder im Rennen

Eigentlich wollte Werder um den Europacup spielen, stattdessen konnte das Team den Abstieg gerade noch verhindern - vorerst. Dass ihnen das gelungen ist, haben sie wohl auch der Corona-Pause zu verdanken.
Plötzlich schießen sie Tore: Die lange erfolglosen Werder-Stürmer Milot Rashica (l.) und Josh Sargent

Plötzlich schießen sie Tore: Die lange erfolglosen Werder-Stürmer Milot Rashica (l.) und Josh Sargent

Foto: PATRIK STOLLARZ/ AFP

Seine Mannschaft führte 6:1, und der Gegner im Fernduell, Fortuna Düsseldorf, lag 0:3 hinten, es blieb weniger als eine Minute zu spielen, und trotzdem wirkte Florian Kohfeldt nervös. Der Blick zuckte, der in diesem Moment von den TV-Kameras in Großformat eingefangene Trainer von Werder Bremen fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, dann brüllte er in Richtung des Schiedsrichters, dieser möge abpfeifen. Als das Spiel kurz darauf tatsächlich vorbei war, riss Kohfeldt nicht die Arme hoch, er suchte auch nicht die Nähe seiner Spieler. Er marschierte in Richtung Kabine.

Der Druck, der auf seiner Mannschaft, ihm selbst, dem ganzen SV Werder gelegen habe, sei immens gewesen, sagte Kohfeldt später. Also habe er sich "einen Moment für mich allein genommen". 

Florian Kohfeldt war das Gesicht des Bremer Aufschwungs in der vergangenen Saison, der ersten Spielzeit seit Langem, in der die Bremer nie wirklich Sorgen vor dem Abstieg hatten. Und er ist das Gesicht des Bremer Absturzes, der beinahe direkt in die zweite Liga geführt hätte. Diesen Abstieg aus der Bundesliga hat Werder zumindest vorerst verhindern können. Düsseldorf ist künftig Zweitligist, Werder bekommt in der Relegation gegen Heidenheim oder den Hamburger SV die Chance auf den Klassenerhalt. Wer Gegner sein wird, entscheidet sich am Nachmittag (15.30 Uhr; TV: Sky; Liveticker SPIEGEL.de). 

Das 6:1 gegen Köln war einige Minuten alt, da ertönte die Liedzeile "Hier regiert der SVW" aus den Lautsprechern im Stadion. In Wahrheit hatte der SVW das in dieser Saison fast nie getan, ein einziges Heimspiel hatten die Bremer bis zu diesem letzten Spieltag gewonnen. Vielleicht wäre kein zweites Mal hinzugekommen, wäre da nicht die Corona-Pause gewesen.

Als im März aufgrund der Coronavirus-Pandemie der Spielbetrieb unterbrochen werden musste, waren die Bremer in desolater Verfassung gewesen. Aus den sechs Ligaspielen davor hatten sie einen Punkt geholt, sie wirkten verunsichert, aber auch schlicht: nicht fit. Laufdaten belegen, dass die Mannschaft während einer Partie kaum einmal häufiger sprintete als ihr Gegner. 

Vielleicht sei man zu ehrgeizig gewesen, sagte Sportvorstand Frank Baumann Anfang des Jahres rückblickend über die Saisonvorbereitung. Man habe ein paar Dinge ändern wollen, es ging um die Trainingsplanung, man wollte ein paar Prozent mehr aus der Mannschaft kitzeln. An seinen Ambitionen hat sich der Klub verhoben. Denn was folgte, war eine Verletzungsplage mit bis zu elf Profis, die gleichzeitig fehlten.

Die Fitnessdefizite, die das Team mit sich herumschleppte, konnte es während der Zwangspause beheben. Manch Spieler sagte, er sei in körperlich so guter Verfassung wie lange nicht. Das machte aus Werder aber nicht plötzlich eine Spitzenmannschaft der Bundesliga. Denn natürlich lagen die Probleme nicht allein im athletischen Bereich.

"Wir haben die Relegation erreicht. Es ist deshalb nicht plötzlich wieder all das gut, was vorgestern schlecht war"

Werder-Trainer Florian Kohfeldt auf der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Köln

Das Team hat sich verglichen mit der Vorsaison taktisch deutlich zurückentwickelt, es spielt sich zu wenige Chancen heraus, verteidigt kaum mal über die vollen 90 Minuten solide, kämpft mit den immer selben Problemen bei Standardsituationen. Dass Werder nicht bereits abgestiegen ist, liegt zu großen Teilen am erstaunlich schwachen Auftritt der Düsseldorfer in Berlin - und dem erstaunlich intensiven Auftritt von Union.

Und doch: Vergleicht man die Bremer Resultate aus den zehn Spielen nach der Corona-Pause mit denen davor, lässt sich festhalten, dass Werder einer der großen Gewinner der Auszeit gewesen ist. 13 Punkte holte das Team seither. Das ist nur einer weniger als in der gesamten Hinrunde. Mit dem Punkteschnitt seit der Fortsetzung der Liga (1,3 Punkte pro Partie) würde Bremen wohl im Tabellenmittelfeld landen.

Was nicht heißt, dass die Bremer nicht trotzdem noch absteigen. Dass sie ihr Schlüsselspiel gegen Mainz 05 verloren haben, ist rund eine Woche her, nach jenem 1:3 klang Kohfeldt resigniert, als sei der Abstieg fix.

Nun, nach dem Sieg über Köln, klangen die Bremer selbstverständlich anders. "Wir dürfen dankbar sein dafür, dass wir diese beiden Spiele bekommen", sagte etwa Stürmer Niclas Füllkrug über das Erreichen der Relegation: "Jetzt haben wir es wieder selbst in der Hand."

Marco Bode, der Vorsitzende des Aufsichtsrats, sagte, er sei "sehr optimistisch. Aber es ist eine mega Anspannung, die sich dann erst am nächsten Montag auflösen wird." Dann steht das Relegationsrückspiel an. Man habe in dieser Saison "schon ein paar Mal eine Situation erlebt, in der wir dachten, wir hätten die Wende geschafft", sagte Bode weiter. Deswegen sei er vorsichtig. Eine Feier werde es jedenfalls nach dem Köln-Spiel nicht geben.

Trainer Kohfeldt wirkte auf der Pressekonferenz nach der Partie wieder gelassener. Er sei "sehr, sehr erleichtert", sagte er; er bedankte sich bei Union Berlin für die Leistung gegen Düsseldorf ("großer Respekt"), lobte die Leistung seiner Spieler gegen die Kölner ("überragend"). Nur einmal wirkte er angespannt. Eines müsse er loswerden, sagte er, nachdem er zur plötzlich treffenden Offensive gefragt worden war. "Das wirkt auf mich gerade wie eine Pressekonferenz, die wir auch auf Platz sechs oder sieben stehend geben könnten", sagte Kohfeldt. "Wir haben die Relegation erreicht. Es ist deshalb nicht plötzlich wieder all das gut, was vorgestern schlecht war." Schon häufig sei seine Mannschaft in dieser Saison abgeschrieben worden, sagte Kohfeldt auch. "Jetzt sind wir für diese beiden Spiele wieder im Rennen." Nicht mehr und nicht weniger.

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