Fortsetzung der Fußball-Bundesliga Jetzt geht es wieder los - und das sind die Gefahren

Wenn die Bundesliga wieder startet, werden Zweikämpfe unter besonderer Beobachtung stehen: Sie könnten dem Coronavirus einen Übertragungsweg bieten. Aber wie wahrscheinlich ist das?
Marcus Thuram von Mönchengladbach im Zweikampf mit Kölns Kingsley Ehizibue

Marcus Thuram von Mönchengladbach im Zweikampf mit Kölns Kingsley Ehizibue

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TEAM2/ imago images

Wenn der Fußball ab Mitte Mai wieder rollen darf, soll Gesundheit in der Bundesliga an erster Stelle stehen. Das hat die Deutsche Fußball Liga (DFL) mit ihrem Sicherheitskonzept betont.
Aber wenn der Fußball wieder rollt, dann steht der Kampf um den Ball gleich mit an erster Stelle - es müssen Zweikämpfe geführt werden. Und da ist die Frage: Gesundheit und Zweikämpfe in Zeiten der Pandemie, wie passt das zusammen?

Eigentlich gar nicht. Wer einen Zweikampf in einer Geschwindigkeitssportart wie Fußball führt, geht ohnehin eine Gefährdung seiner Gesundheit ein. Sie ist zwar nicht enorm hoch, aber vorhanden. Sogar die Angst selbst vor einem Zweikampf  gilt als Risikofaktor.

Aber durch die Pandemie muss man Zweikämpfe neu betrachten. Eine Gefahr könnte laut Immunologen und Lungenforschern aus Berlin, Rom und Verona die tiefe Atmung im Sport sein. In einem Paper schreiben sie , dass dadurch eine große Menge von Viruspartikeln direkt in die tiefsten Regionen der Lunge gelangen kann - und somit dorthin, wo die schwersten Schädigungen bei einer Covid-19-Erkrankung stattfinden können. Der Sportwissenschaftler Ingo Froböse hält solche Überlegungen "für sehr berechtigt, wenn viel Viruslast übertragen wird". Und Profisportler würden nun mal "sehr tief in die Lungen hineinatmen", sagte er dem SPIEGEL.

Die Forscher aus Berlin, Rom und Verona schreiben außerdem, dass Mannschaftssportarten mit engem Kontakt diesen Übertragungsweg begünstigen könnten, also auch Fußball, wo Zweikämpfe auf engem Raum geführt werden.

Bei einem gewöhnlichen Krankheitsverlauf würde sich das Virus erst im Rachen vermehren, das Immunsystem hätte mehr Zeit für eine Reaktion, erklärt der Virologe Christian Drosten in einer Ausgabe des NDR-Podcasts zum Coronavirus .

Mit 25.000 Tests gegen die Ansteckungsgefahr

Aber Grundvoraussetzung für eine Ansteckung der Sportler ist: Es müsste ein erkrankter Fußballer auf dem Feld stehen, der möglicherweise von seiner Covid-19-Erkrankung gar nichts weiß. Dass das passiert, ist nicht ausgeschlossen, aber in der Bundesliga eher unwahrscheinlich. Teil des Sicherheitskonzepts der DFL ist es, alle Spieler, Vereinsmitarbeiter und auch Angehörige der Profis (auf freiwilliger Basis) regelmäßig zu testen. Mindestens 25.000 Tests bis zum Saisonende in der Bundesliga und zweiten Liga veranschlagt die DFL, die Kosten dafür trägt zwar die DFL, ein Privileg ist es dennoch.

Zwei Testwellen sind bereits durchgeführt und dabei sind die ersten Fälle mit Covid-19-Erkrankungen ohne Symptome entdeckt worden. Die Erkrankten befinden sich in häuslicher Quarantäne.

Die These der Forscher aus Berlin, Rom und Verona wird zudem abgeschwächt, weil es bisher wenige Erkenntnisse darüber gibt, wann eine Covid-19-Erkrankung einen ernsten Verlauf nimmt. Der Sportmediziner Thomas Schramm sagte dem SPIEGEL: "Auf den Sport bezogen sind das noch Gedankenspiele. Der Zweikampf im Fußball ist keine Alltagssituation, die bisher erforscht worden ist. Das wird man beobachten müssen." Auf eine SPIEGEL-Anfrage reagierten die Forscher aus Berlin, Rom und Verona nicht. Schramm gab zudem zu bedenken, dass Schweiß keine Coronaviren enthält.

Wissenschaftler aus Dänemark  wollen zudem das Gefährdungsrisiko im Fußball mit einem Modell berechnet haben. In der Studie heißt es, selbst wenn ein infizierter Fußballer auf dem Platz stünde, würden sich andere Spieler über die gesamte Spieldauer im Schnitt nur eine Minute und 28 Sekunden in dessen Umgebung aufhalten. 15 Minuten Kontakt mit einer infizierten Person werden allerdings oftmals als Voraussetzung für eine Infektionsübertragung genannt. Aber welche Zeit für den Fußball gilt, ist ungewiss. Es fehlen Daten und ein Fußballspiel hat seine Besonderheiten: Auf dem Platz wird gespuckt.

Gefährlich ist an der aktuellen Situation allerdings nicht nur das Coronavirus, sondern auch der lange Stopp der Wettkampfsaison - in der Bundesliga seit Mitte März. Bei den Bundesligisten konnte anfangs nur zu Hause, später in Kleingruppen trainiert werden. Das Mannschaftstraining hat erst in dieser Woche wieder begonnen.

Die Gefahr der 90. Minute

Sportwissenschaftler Froböse sieht darin eine erhöhte Verletzungsanfälligkeit. Er würde sich daher "mindestens drei bis vier Wochen Training als Vorlaufzeit wünschen", sagte er dem SPIEGEL: für ein kurzes Grundlagentraining, aber auch, um wieder unter hohen Belastungen zu trainieren und um Zweikampf-Situationen zu simulieren. Das sei wichtig, weil die "wettkampfspezifische Vorbereitung, also die Testspiele" vor dem Re-Start fehlten. Ohne diese Vorbereitungspartien entstehe ein Belastungsdefizit zwischen Training und Wettkampf.

Froböse denkt dabei auch an die Schlussphase, die 90. Minute, in der es oft um Sieg oder Niederlage geht und die Spieler zwar bereits ermüdet, aber sehr emotional sind. "Das lässt sich nicht durch Training simulieren, sondern nur durch Testspiele", sagt er: "Und das wäre auch eine Situation, wo das muskuläre Verletzungsrisiko enorm steigt." Ein Sprint zu viel - und ein Spieler könnte wochenlang ausfallen.

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Von drei bis vier Wochen Vorlauf zwischen Mannschaftstraining und Pflichtspielen sind die Bundesligisten weit entfernt. Der SC Paderborn hat als einer der ersten Klubs am Montag wieder mit dem Zweikampftraining begonnen. RB Leipzig zog am Dienstag nach. Da die Teams laut Beschluss der Regierungschefs nicht mehr in eine mindestens 14-tägige, sondern lediglich in eine zeitlich unbestimmte Quarantäne müssen, wäre die Bundesliga theoretisch ab dem 15. Mai wieder möglich, also nur zwölf Tage nach dem Wiederbeginn des Mannschaftstrainings.

Knie unter Beobachtung

Wie eine Saisonvorbereitung im Optimalfall angelegt ist, zeigt die Zeit nach der Sommerpause. Vom Trainingsstart Anfang Juli bis zu den ersten Pflichtspielen Mitte August vergehen in der Regel sechs bis sieben Wochen. Darin verpackt: Aufbautraining, Trainingslager, mehrere Testspiele. Wissenschaftler halten selbst diesen Zeitraum für zu kurz bemessen.

Von der kürzeren Vorbereitungszeit beeinträchtigte Körperregionen könnten der Fuß oder das Knie des Ballführenden sein, sagt Froböse. "Durch die enorme Geschwindigkeit des Fußballs müssen Kontakte mit Gegnern regelmäßig trainiert werden." Bei Borussia Dortmund hatte es kurz nach Wiederbeginn des Kleingruppentrainings Mitte April - damals noch ohne Zweikämpfe - eine Knieverletzung bei Innenverteidiger Dan-Axel Zagadou gegeben. Auf SPIEGEL-Anfrage teilte der BVB mit, dass die Verletzung mit der Situation durch die Corona-Pandemie "rein gar nichts zu tun" habe.

Ein Mittel gegen Überlastungen könnten zusätzliche Auswechslungen sein. Die Fifa schlug zuletzt vor, dass in dieser Situation das Wechselkontingent von bisher drei auf fünf Spieler aufgestockt werden soll. Froböse hält das für eine gute Idee. "Das würde die Belastung möglicherweise abfedern und man könnte damit schonende Effekte, was Regeneration betrifft, besser einsetzen." Die internationalen Regelhüter müssten den Vorschlag der Fifa aber erst noch annehmen und die DFL ihn anschließend übernehmen.