Deutsche Bilanz im Europapokal Lehrgeld

Die Bundesliga-Klubs haben in der bisherigen Saison international so schlecht abgeschnitten wie lange nicht mehr. Grund zur Panik? Nein.
Leipzigs Trainer Ralph Hasenhüttl tröstet seine Spieler nach dem Aus in der Champions League

Leipzigs Trainer Ralph Hasenhüttl tröstet seine Spieler nach dem Aus in der Champions League

Foto: Jan Woitas/ dpa

Es war eine Demütigung für die deutschen Europapokal-Klubs: Aus sechs Partien holten die Bundesligisten bei einem Torverhältnis von 2:12 am zweiten Spieltag der Gruppenphase in dieser Saison keinen Punkt. Der FC Bayern verlor seine Champions-League-Partie 0:3 bei Paris Saint-Germain, in der Europa League unterlagen Hertha BSC und die TSG Hoffenheim Vereinen wie Östersunds FK oder Ludogorez Rasgrad. So schlecht hatten Klubs aus der Bundesliga davor zuletzt im Oktober 1981 abgeschnitten.

Jetzt, am Ende der Gruppenphase, liest sich die deutsche Bilanz im europäischen Wettbewerb ähnlich katastrophal: Nur der FC Bayern hat es eine Runde weiter geschafft. Hertha, Hoffenheim und Köln verabschiedeten sich aus der Europa League. Borussia Dortmund und RB Leipzig spielen als Gruppendritte im kommenden Jahr im kleineren europäischen Wettbewerb weiter, immerhin. Sind die deutschen Klubs international wirklich so unterlegen? Die Antwortet lautet: nein.

Mit Leipzig und Hoffenheim haben in dieser Saison gleich zwei Klubs ihr Debüt in Europa gegeben. Köln war dort vor dieser Spielzeit zuletzt 1992 vertreten gewesen - damals waren mehrere aktuelle FC-Profis noch nicht einmal geboren. Neben vielen Spielern mussten sich auch die Trainer an die Dreifachbelastung gewöhnen. Das gelingt oft nicht auf Anhieb, wie Leipzig-Coach Ralph Hasenhüttl nach der Niederlage gegen Besiktas im ZDF selbstkritisch gestand: "Wir haben Fehler gemacht, die man hätte vermeiden können."

"Waren ein bisschen zu sorglos"

Diese "Fehler" sind meist nur Kleinigkeiten. Im Gesamtkontext einer Gruppenphase können sie jedoch den Unterschied machen. Das weiß nun auch Hasenhüttl: "Das Hin- und Rückspiel gegen Porto hätte man anders gestalten können. Nach dem Heimsieg waren wir ein bisschen zu sorglos. Wir haben uns zwar über den Sieg gefreut, aber zu wenig auf Ergebnis gespielt." Leipzig gewann 3:2. Nicht ausreichend für den direkten Vergleich, wie sich nach der 1:3-Niederlage im Rückspiel herausstellen sollte.

Wohl auch aus diesem Grund traut sich Hasenhüttl derzeit noch keinen Job beim Rekordmeister zu. Vor wenigen Tagen sagte der 50-Jährige, dass er nicht glaube, ein Kandidat beim FC Bayern zu sein: "Der FC Bayern kann sich jeden Trainer der Welt holen, mit viel mehr Erfahrung." Erfahrung ist ein gutes Stichwort, wenn man die aktuelle Saison der Bayern betrachtet.

Seitdem Jupp Heynckes wieder Trainer der Münchner ist, läuft es. Der 72-Jährige hat in seiner langen Karriere weit mehr als 100 Europapokalspiele als Coach erlebt. Er kennt die Kniffe und Tricks im europäischen Wettbewerb. Beim jüngsten 3:1-Sieg der Münchner gegen Paris war von der deutlichen Niederlage im Hinspiel nichts mehr zu sehen.

Bayerns Kingsley Coman (l.) und Corentin Tolisso jubeln gegen Paris

Bayerns Kingsley Coman (l.) und Corentin Tolisso jubeln gegen Paris

Foto: Thomas Schmidtutz/ AP

Gut möglich, dass die Bayern es auch in dieser Saison wieder weit schaffen in der Champions League, sollte das Los im Achtelfinale nicht Manchester City oder FC Barcelona heißen. Der Trainerwechsel von Carlo Ancelotti zu Heynckes hatte in München bislang nur positive Auswirkungen.

Beim Ligarivalen aus Dortmund darf Coach Peter Bosz trotz anhaltender Krise weitermachen, zumindest noch.

Der BVB befindet sich seit jenem zweiten Gruppenspieltag der Champions League im freien Fall: In der Bundesliga stürzte Dortmund vom ersten auf den sechsten Platz ab, seit dem 30. September wartet der Klub auf einen Sieg. Dass es während einer solchen Phase auch in der Champions League Probleme gibt, ist verständlich. Wie lange Bosz die Borussia noch trainieren darf, ist offen. Sicher ist: Die Partie am Samstag gegen Werder Bremen (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky) gilt als Endspiel.

Dortmunds Julian Weigl (l.) und Pierre-Emerick Aubameyang

Dortmunds Julian Weigl (l.) und Pierre-Emerick Aubameyang

Foto: Paul White/ AP

Eine ähnliche Situation wie in Dortmund gibt es seit einigen Monaten in Köln. Der FC hat in dieser Saison noch kein Bundesligaspiel gewonnen, in der Europa League gab es immerhin zwei Siege gegen den FC Arsenal und Bate Borisov. Die Kölner Verantwortlichen werden dennoch froh sein, sich von nun an auf den Klassenerhalt konzentrieren zu können.

Unter realistischer Betrachtung war in einer Konstellation mit zwei Europa-Neulingen und zwei Teams, die eine überraschend schlechte Saison spielen, nicht mehr drin. Folgende Statistik unterstreicht, dass es sich in diesem Jahr wohl um eine Ausnahme handelt: Seit 2010 holten die deutschen Klubs im Europapokal rund 48 Prozent Siege, verloren in 31 Prozent aller Partien und spielten in 21 Prozent der Fälle unentschieden. In dieser Saison unterlagen die Vereine in 53 Prozent der Partien, dem gegenüber stehen nur 32 Prozent Siege und 15 Prozent Remis.

Die Statistik spricht für Besserung in der kommenden Saison

Als Hasenhüttl im ZDF zu seinem Fazit der ersten Champions-League-Saison befragt wurde, bemühte er die Floskel vom zu zahlenden "Lehrgeld". In der Bundesliga steht Leipzig derzeit auf dem zweiten Platz, eine erneute Teilnahme an der Champions League im kommenden Jahr wird von Woche zu Woche realistischer.

Dann würde Hasenhüttl weitere Erfahrungen sammeln können - um sich vielleicht auch für die Trainerbank des FC Bayern zu qualifizieren.

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