Bundesligist HSV Zu schüchtern für die Spitze

Es war ein kurzes Vergnügen: Der Hamburger SV durfte sich nur einen Spieltag an der Tabellenführung erfreuen. Die Niederlage in Wolfsburg offenbart, dass auf HSV-Coach Martin Jol noch viel Arbeit zukommt - vor allem bei der Integration der neuen Spieler.

Von Katrin Weber-Klüver, Wolfsburg


Will keiner? Oder kann keiner besser? Die Saison ist fünf Spieltage alt und zur Tabellenführung reichen Schalke 04 elf Punkte. Inklusive der Gelsenkirchener turnen sieben Vereine dem Rekordmeister Bayern München in der Tabelle vor der Nase herum. Unter ihnen: Wolfsburg und der HSV, ein sogenannter Geheimfavorit der Liga sowie deren Urgestein. Man könnte denken, das Motto der Spielzeit ist: So eine Tabellenführung ist fein, doch lieber mag man einer unter vielen sein. Der FC Bayern agiert eigentümlicherweise so, Wolfsburg und nun auch wieder der HSV.

Enttäuschte HSV-Profis: Tabellenspitze verloren
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Enttäuschte HSV-Profis: Tabellenspitze verloren

Am Sonntagabend jedenfalls stürzte der VfL die Hamburger durch ein 3:0 vom gerade erst bestiegenen Liga-Thron. Wolfsburg ist jetzt nach drei Remis in Folge wieder ein bisschen mehr der Geheimfavorit, zu dem er vor der Saison wegen seiner üppigen Einkaufspolitik hochgejazzt worden war. Der HSV darf sich noch einmal daran erinnern, was Trainer Jol schon nach dem mickrigen 0:0 gegen Unirea Urziceni im Uefa-Cup gesagt hatte: "Wir müssen intelligenter spielen." Nach der Wolfsburger Niederlage hatte der Trainer gleich noch eine weitere Erkenntnis beizusteuern: "Ich fand, dass wir heute schüchtern waren."

Dabei hatte im mit 30.000 Zuschauern ausverkauften Stadion alles so gut angefangen für die Gäste. Es dauerte 22 Minuten, da hatte der HSV den Zwischenstand, der ihn bislang immer erst so richtig in Wallung gebracht hatte: 0:2.

Sie hatten es den Wolfsburgern sehr leicht gemacht. Zunächst durfte deren Außenverteidiger Marcel Schäfer scharf von links flanken, um Ashkan Dejagah zu bedienen (15.). Sieben Minuten nach dessen 1:0 war es dem anderen Außenverteidiger Sascha Riether gestattet, von rechts auf Innenverteidiger Alexander Madlung zu legen, der ebenfalls alle Freiheiten im Strafraum ausnutzte. Jol fand die Positionierung seiner Abwehrspieler auch etwas eigenartig. Er deutete an, "verärgert" gewesen zu sein. Nun, wer rechnet schon mit Madlung?

Die "Jetzt-geht's-aber-los-Phase" seiner Spieler dauerte nach dem 2:0 exakt sechs Minuten. Dann passierte das, was dem HSV weder gegen Bayern noch gegen Bielefeld oder Leverkusen nach 0:2-Rückstand passiert war: Der Gegner machte ein drittes Tor. Der wunderbare Zvejzdan Misimovic bediente in der 28. Minute in einem schnellen Angriff durch die Mitte Stürmer Grafite.

Es macht sich schon bezahlt, einen Spieler dabei zu haben, der die Fäden in der Hand hält, wie Misimovic einer ist, zumindest sein kann. Der HSV hingegen trat in Wolfsburg ohne Thiago Neves an. Der schmächtige Neuzugang soll sich vermutlich erst mal an das hiesige Niveau gewöhnen, wobei er die ernüchterndsten Erfahrungen unter der Woche im Uefa-Cup gegen die Gäste aus Rumänien gemacht hatte. Mit dabei war Alex Silva, die große Innenverteidigerhoffnung. Der hat noch viel Luft nach oben. Jol sieht das naturgemäß positiver, gleichwohl sprach er davon, dass die Integration der Neuzugänge insgesamt "fast ein Abenteuer" sei.

Den frühzeitig sehr komfortablen Rückstand durch optimale Chancenausnutzung des VfL nutzte der HSV-Trainer dazu, das Kreative seiner Mannschaft durch die Hereinnahme von Jonathan Pitroipa zu stärken, respektive überhaupt wachzurufen. Von Jols vorsaisonalem Credo "Wir wollen das Publikum glücklich machen, der Rest kommt von allein" war ja noch nicht so viel zu sehen gewesen. Außer aus Wolfsburger Perspektive. Vornehmlich und vergeblich positionierte sich weiterhin Ivica Olic vorne im Sturm, während Guerrero mal hier, mal da Streit anfing, nickelig spielte und Bälle verlor.

Das ging in der zweiten Halbzeit so weiter. Der HSV mühte sich, ohne gute Einfälle zu haben. Dabei hatten die Hamburger viel mehr Ballbesitz (64 Prozent) und spielten auch weit mehr gelungene Pässe (83 Prozent, Wolfsburg 72 Prozent). Manchmal hatten sie ein bisschen Pech. Meist aber war das, was sie überhaupt aufs Wolfsburger Tor brachten, für Keeper Diego Benaglio besseres Aufwärmtraining. Auch die Einwechslung von Mladen Petric als drittem Stürmer änderte daran nichts. Guerrero gelang es immerhin einmal, Weltmeisterverteidiger Andrea Barzagli zu überlaufen. Dann griff Benaglio ein.

Die Vorderleute des Schweizers beschränkten sich da längst auf kontrolliertes Angriffsspiel. Vor allem aber konzentrierten sie sich darauf, ihr erstes Punktspiel ohne Gegentor zu gewinnen. Das war nicht unbedingt schön. Aber es klappte. Und, wie Magath resümierte, während er sehr zufrieden ausschauend aus einer Teetasse schlürfte, es "wurde Zeit".

Womit festzustellen ist: In ihrer frühen Phase demonstriert die Liga eine Tendenz dazu, eine egalitäre Veranstaltung zu sein. Fast jeder Verein mit Kontakt zur Spitze, mithin die halbe Liga, hat nun schon euphorisch Gewinne eingefahren und postwendend spektakuläre Verluste erlebt. Oder umgekehrt. Es ist wie an der Börse. Jeder ist auf seiner eigenen Rallye und Genaues weiß man nicht. Das spricht nicht unbedingt für Topniveau, aber immerhin für abwechslungsreiche Unterhaltung.

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