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10. September 2019, 08:27 Uhr

DFB-Sieg in Nordirland

Was Löw erspart geblieben ist

Aus Belfast berichtet

Mit den Toren in der zweiten Hälfte gegen Nordirland hat die DFB-Elf den Bundestrainer vor einer heftigen Debatte bewahrt. Die EM-Qualifikation ist fast geschafft, die Probleme des Teams aber sind weiterhin da.

In der 48. Minute des Spiels im Belfaster Windsor Park hat Marcel Halstenberg die Diskussion über Bundestrainer Joachim Löw beendet.

Eine Diskussion, die seit dem verlorenen Spiel gegen die Niederlande am Freitag neues Futter bekommen hatte. Eine Diskussion, die nach dieser ersten Halbzeit gegen die Nordiren unausweichlich zu werden schien.

Aber dann kam Halstenberg, traf Volley ins lange Eck, ebnete mit dem Führungstor den Weg zum mühsamen 2:0-Erfolg der deutschen Nationalmannschaft. Und die Trainerdebatte ist vertagt.

Havertz hatte immerhin 22 Minuten

Der Bundestrainer selbst hatte seinen Kritikern mit der Aufstellung, bei der er den von vielen geforderten Kai Havertz nicht in die Startelf beorderte, eine vermeintliche Vorlage geliefert. Ohne Havertz gab die Mannschaft in den ersten 45 Minuten eine teilweise erschreckende Vorstellung. Aber ohne Havertz arbeitete sie sich nach dem Wechsel auch selbst wieder aus dem Tief heraus. Der junge Leverkusener Mittelfeldspieler kam dann doch noch nach 68 Minuten, riss keine Bäume aus, bereitete aber das 2:0 durch Serge Gnabry in der Nachspielzeit vor.

Eine "intensive und schwierige Partie" sei das gewesen, erkannte Löw anschließend, und das hatte wohl jeder so gesehen wie er. Die Nordiren mit ihrem beseelten Ur-Fußball hatten die DFB-Elf in der Anfangsphase von einer Verlegenheit in die nächste geworfen. Das deutsche Team schien überrascht von der Wucht des Gegners, ohne ein Gegenrezept zu haben. Außer vielleicht dem: Manuel Neuer wird uns schon vor dem Rückstand bewahren. Das machte der Bayern-Torwart dann auch.

Man müsse sich "noch einspielen", benannte Löw die wichtigste Aufgabe für die nächsten Monate. Mit dem Ergebnis von Belfast im Rücken kann er sich dieser Aufgabe zumindest mit mehr Ruhe widmen. Die Vorstellung, mit einer weiteren Niederlage im Gepäck das Testspiel im Oktober gegen die Argentinier anzugehen, hätte das Arbeiten deutlich erschwert. Und natürlich der Fakt, dass die EM-Qualifikation damit in ernsthafte Gefahr geraten wäre.

So ist die Teilnahme am paneuropäischen Turnier im nächsten Sommer zwar noch nicht gesichert, aber man hat sich der EM deutlich angenähert.

Deutschland steht mit zwölf Zählern nach fünf Spielen auf Platz eins der EM-Qualifikationsgruppe C - punktgleich mit Nordirland und drei Zähler vor Holland. Die Niederländer siegten zeitgleich in Estland 4:0, haben aber noch ein Spiel weniger und den direkten Vergleich mit dem DFB-Team für sich entschieden. Die beiden Erstplatzierten der Gruppe qualifizieren sich direkt für die EM.

Die Probleme der deutschen Mannschaft sind damit allerdings nicht verschwunden. Und Löw kann sich sicher sein, dass bei der nächsten Niederlage auch er wieder ins Visier gerät.

Ein Spiel als Spiegel des derzeitigen Leistungsstandes

In der zweiten Halbzeit gegen Nordirland sah das mit dem Einspielen auch schon erheblich besser aus, zumindest die ersten 15 Minuten nach dem Wechsel wurden klar von der DFB-Elf dominiert. Da gelang das, was sich die Mannschaft eigentlich schon für die erste Hälfte vorgenommen hatte. Mit einem schnellen Tor nicht nur den Einsatzwillen der Nordiren zu dämpfen, sondern auch die beeindruckende Stimmung im Windsor Park.

Als die Gastgeber jedoch nach der deutschen Drangphase selbst wieder eine sehr gute Möglichkeit zum Ausgleich hatten, fiel die DFB-Dominanz dann schon wieder in sich zusammen. Und Löw wird klar sein: Gute 15 Minuten reichen wohl gegen Nordirland, gegen Frankreich, die Niederlande, England oder Italien mit Sicherheit nicht.

"Der Weg in die Weltspitze wird kein leichtes Unterfangen", sagte Löw nach der Partie, "so einfach, wie viele denken, ist es eben doch nicht." Das Spiel gegen die Nordiren zeigte die Schwächen des Teams auf, ließ aber auch die Qualitäten aufblitzen. Insofern war das Duell in Belfast ein Spiegel des derzeitigen Leistungsstandes. Gute Augenblicke ja, Konstanz nein.

Wobei mit Leon Goretzka, Leroy Sané, Nico Schulz, Ilkay Gündogan und Antonio Rüdiger dem Bundestrainer auch fünf Akteure am Montag fehlten, die zumindest allesamt für eine Startelf infrage kommen. Das Füllhorn im deutschen Fußball ist auch nicht mehr so endlos übervoll, dass eine Nationalmannschaft personelle Ausfälle nur achselzuckend zur Kenntnis nimmt. Das taugt nicht als Ausrede, es soll nur mal erwähnt werden.

In den kommenden zwei Monaten gilt es nach dem Test gegen Argentinien ( 9. Oktober), gegen Estland (13. Oktober) und Weißrussland (16. November) die nötigen Punkte einzusammeln, um die Qualifikation möglichst schon vor dem Rückspiel gegen Nordirland (19. November) gerichtsfest zu machen.

Löw sagte: "Holland hat drei Jahre gebraucht, um wieder Spitze zu werden." Und hat in dieser Zeit nebenbei zwei Turniere verpasst. Das will dem Bundestrainer nicht unterlaufen.

Nordirland - Deutschland 0:2 (0:0)
0:1 Halstenberg (48.)
0:2 Gnabry (90.+2)
Nordirland: Peacock-Farrell - Dallas, Cathcart, Jonny Evans, Lewis - McNair, Davis, Saville (ab 70. Magennis) - Corry Evans, Washington (ab 83. Lavery), McGinn (ab 59. Whyte)
Deutschland: Neuer - Klostermann, Ginter (ab 40. Tah), Süle, Halstenberg - Kimmich, Kroos - Reus (ab 85. Can) - Werner (ab 68. Havertz), Gnabry, Brandt
Schiedsrichter: Daniele Orsato (Italien)
Zuschauer: 18.104 (ausverkauft)
Gelbe Karten: McNair, Saville - Gnabry

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