DFB-Sieg in Nordirland Was Löw erspart geblieben ist

Mit den Toren in der zweiten Hälfte gegen Nordirland hat die DFB-Elf den Bundestrainer vor einer heftigen Debatte bewahrt. Die EM-Qualifikation ist fast geschafft, die Probleme des Teams aber sind weiterhin da.

Bundestrainer Joachim Löw: "So einfach, wie viele denken, ist es eben doch nicht"
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Bundestrainer Joachim Löw: "So einfach, wie viele denken, ist es eben doch nicht"

Aus Belfast berichtet


In der 48. Minute des Spiels im Belfaster Windsor Park hat Marcel Halstenberg die Diskussion über Bundestrainer Joachim Löw beendet.

Eine Diskussion, die seit dem verlorenen Spiel gegen die Niederlande am Freitag neues Futter bekommen hatte. Eine Diskussion, die nach dieser ersten Halbzeit gegen die Nordiren unausweichlich zu werden schien.

Aber dann kam Halstenberg, traf Volley ins lange Eck, ebnete mit dem Führungstor den Weg zum mühsamen 2:0-Erfolg der deutschen Nationalmannschaft. Und die Trainerdebatte ist vertagt.

Havertz hatte immerhin 22 Minuten

Der Bundestrainer selbst hatte seinen Kritikern mit der Aufstellung, bei der er den von vielen geforderten Kai Havertz nicht in die Startelf beorderte, eine vermeintliche Vorlage geliefert. Ohne Havertz gab die Mannschaft in den ersten 45 Minuten eine teilweise erschreckende Vorstellung. Aber ohne Havertz arbeitete sie sich nach dem Wechsel auch selbst wieder aus dem Tief heraus. Der junge Leverkusener Mittelfeldspieler kam dann doch noch nach 68 Minuten, riss keine Bäume aus, bereitete aber das 2:0 durch Serge Gnabry in der Nachspielzeit vor.

Eine "intensive und schwierige Partie" sei das gewesen, erkannte Löw anschließend, und das hatte wohl jeder so gesehen wie er. Die Nordiren mit ihrem beseelten Ur-Fußball hatten die DFB-Elf in der Anfangsphase von einer Verlegenheit in die nächste geworfen. Das deutsche Team schien überrascht von der Wucht des Gegners, ohne ein Gegenrezept zu haben. Außer vielleicht dem: Manuel Neuer wird uns schon vor dem Rückstand bewahren. Das machte der Bayern-Torwart dann auch.

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Fußball-Nationalmannschaft: Das reicht noch nicht

Man müsse sich "noch einspielen", benannte Löw die wichtigste Aufgabe für die nächsten Monate. Mit dem Ergebnis von Belfast im Rücken kann er sich dieser Aufgabe zumindest mit mehr Ruhe widmen. Die Vorstellung, mit einer weiteren Niederlage im Gepäck das Testspiel im Oktober gegen die Argentinier anzugehen, hätte das Arbeiten deutlich erschwert. Und natürlich der Fakt, dass die EM-Qualifikation damit in ernsthafte Gefahr geraten wäre.

So ist die Teilnahme am paneuropäischen Turnier im nächsten Sommer zwar noch nicht gesichert, aber man hat sich der EM deutlich angenähert.

Deutschland steht mit zwölf Zählern nach fünf Spielen auf Platz eins der EM-Qualifikationsgruppe C - punktgleich mit Nordirland und drei Zähler vor Holland. Die Niederländer siegten zeitgleich in Estland 4:0, haben aber noch ein Spiel weniger und den direkten Vergleich mit dem DFB-Team für sich entschieden. Die beiden Erstplatzierten der Gruppe qualifizieren sich direkt für die EM.

Die Probleme der deutschen Mannschaft sind damit allerdings nicht verschwunden. Und Löw kann sich sicher sein, dass bei der nächsten Niederlage auch er wieder ins Visier gerät.

Ein Spiel als Spiegel des derzeitigen Leistungsstandes

In der zweiten Halbzeit gegen Nordirland sah das mit dem Einspielen auch schon erheblich besser aus, zumindest die ersten 15 Minuten nach dem Wechsel wurden klar von der DFB-Elf dominiert. Da gelang das, was sich die Mannschaft eigentlich schon für die erste Hälfte vorgenommen hatte. Mit einem schnellen Tor nicht nur den Einsatzwillen der Nordiren zu dämpfen, sondern auch die beeindruckende Stimmung im Windsor Park.

Als die Gastgeber jedoch nach der deutschen Drangphase selbst wieder eine sehr gute Möglichkeit zum Ausgleich hatten, fiel die DFB-Dominanz dann schon wieder in sich zusammen. Und Löw wird klar sein: Gute 15 Minuten reichen wohl gegen Nordirland, gegen Frankreich, die Niederlande, England oder Italien mit Sicherheit nicht.

"Der Weg in die Weltspitze wird kein leichtes Unterfangen", sagte Löw nach der Partie, "so einfach, wie viele denken, ist es eben doch nicht." Das Spiel gegen die Nordiren zeigte die Schwächen des Teams auf, ließ aber auch die Qualitäten aufblitzen. Insofern war das Duell in Belfast ein Spiegel des derzeitigen Leistungsstandes. Gute Augenblicke ja, Konstanz nein.

Wobei mit Leon Goretzka, Leroy Sané, Nico Schulz, Ilkay Gündogan und Antonio Rüdiger dem Bundestrainer auch fünf Akteure am Montag fehlten, die zumindest allesamt für eine Startelf infrage kommen. Das Füllhorn im deutschen Fußball ist auch nicht mehr so endlos übervoll, dass eine Nationalmannschaft personelle Ausfälle nur achselzuckend zur Kenntnis nimmt. Das taugt nicht als Ausrede, es soll nur mal erwähnt werden.

In den kommenden zwei Monaten gilt es nach dem Test gegen Argentinien ( 9. Oktober), gegen Estland (13. Oktober) und Weißrussland (16. November) die nötigen Punkte einzusammeln, um die Qualifikation möglichst schon vor dem Rückspiel gegen Nordirland (19. November) gerichtsfest zu machen.

Löw sagte: "Holland hat drei Jahre gebraucht, um wieder Spitze zu werden." Und hat in dieser Zeit nebenbei zwei Turniere verpasst. Das will dem Bundestrainer nicht unterlaufen.

Nordirland - Deutschland 0:2 (0:0)
0:1 Halstenberg (48.)
0:2 Gnabry (90.+2)
Nordirland: Peacock-Farrell - Dallas, Cathcart, Jonny Evans, Lewis - McNair, Davis, Saville (ab 70. Magennis) - Corry Evans, Washington (ab 83. Lavery), McGinn (ab 59. Whyte)
Deutschland: Neuer - Klostermann, Ginter (ab 40. Tah), Süle, Halstenberg - Kimmich, Kroos - Reus (ab 85. Can) - Werner (ab 68. Havertz), Gnabry, Brandt
Schiedsrichter: Daniele Orsato (Italien)
Zuschauer: 18.104 (ausverkauft)
Gelbe Karten: McNair, Saville - Gnabry



insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
fccopper 10.09.2019
1. Weltspitze
Sind die Niederlande gleich ein Spitzenteam, weil sie Deutschland geschlagen haben? Löw redet sich Alles schön, mehr nicht. Die Erfolge werden sich vielleicht einstellen. Aber eher trotz Löw.
spon-facebook-10000015195 10.09.2019
2. Die schweren Gegner kommen noch
Die Mannschaft tut sich mit eher mittelklassischen Gegnern jetzt schon schwer. Bis Deutschland wieder zu den "Großen" zählt, wird es noch eine Weile dauern. Ob das Team sich bei der EM behaupten kann, wird man sehen, denn da warten ganz andere Gegner.
tomlex27 10.09.2019
3. Es gibt nichts zu beschönigen
Man kann es es hin und her wenden. Das deutsche Team spielt schlecht. Was passiert, wenn echte Gegner kommen hat man gegen die Niederlande gesehen. Nordirland ist Fussballentwicklungsland und selbst dort sieht das deutsche Team schlecht aus. Die Deutschen benötigen dringend einen neuen Bundestrainer, einen Freigeist und Reformator wie es damals Klinsmann gewesen ist. Löw ist weder das eine noch das andere. Er lebte jahrelang von der durch andere erarbeiteten Substanz. Fehlentwicklungen, z.B. bei der WM in Brasilien mit Lahm im Mittelfeld, wurden erst durch massive Proteste der Öffentlichkeit korrigiert. Löw hat auch nicht mehr die Spieler zur Verfügung wie noch vor fünf Jahren, weil er auch nach unten hin in die Verbände nicht wirkt. Wenn eine ausgewiesene Gurke wie Rüdiger schon als Stabilisator in der Abwehr gilt, dann gute Nacht. Dieses Team wird bei der EM so keine Chance haben. Es droht schon das Aus in der Vorrunde.
Ein User 10.09.2019
4. Gruseliger Kick...
Ok wir haben 2 Tore geschossen, aber das war auch schon alles. Der deutschen Mannschaft fehlt alles, was die Iren gestern auszeichnete: "Leistungsbereitschaft", "Einsatz", "Wille zum Sieg"... Die Deutschen sind technisch besser, aber danach ist es auch schon vorbei. In dem Spiel gestern wurde wieder fast jeder Zweikampf verloren, keinem Ball nach- oder entgegengelaufen (bestes Beispiel der Ballverlust von Brandt an der Seitenlinie kurz vorm Schluss: der Ire rennt Brandt hinterher, schnappt sich den Ball und rennt weg. Brandt bleibt verdutzt stehen -> Torchance für Nordirland, ohne Worte), die Päsee waren zum Teil sensationell, zum Teil grottenschlecht. Und die Aufstellung kann auch nur Löw verstehen. Wir haben einen echt guten linken Verteidiger (Kimmich) der aber leider im Mittelfeld spielt (warum auch immer) und dafür muss dann ein Ginter ran. Was Tah in der Nationalelf zu suchen hat, erschließt sich mir auch nicht. Gestern nach einfachem Ballverlust wieder Gefahr vorm Tor. Sobald der am Ball ist, ist die Sorge groß. Echt bitter. Früher hätten wir nicht mal groß über ein Spiel gegen Nordirland geredet. Die Typen weggeputzt und nach richtigen Gegnern geschaut. Heute muss man schon Bangen, dass wir gegen Estland gewinnen. Echt traurig.
sportgoofy 10.09.2019
5. Abwarten
Erst haben sich alle aufgeregt, dass Jogi durchgemistet hat, dann gibt den Jungs jetzt aber auch Zeit sich zu finden. Wir haben da schon einige gute Fußballer in den jungen Jahren ging, nur der Erfolg kommt ich bin Knopfdruck.
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