Bundestrainer Löw und die Systemfrage Hätte, hätte, Dreierkette

Joachim Löw wird vor dem Spiel gegen die Schweiz für sein System mit drei Verteidigern kritisiert. Es ist ein Dilemma: Der Bundestrainer will Sicherheit und Angriffslust zugleich, doch dafür fehlt es an Qualität.

Aus Köln berichtet Jörn Meyn
Bundestrainer Joachim Löw hat zuletzt viel abbekommen

Bundestrainer Joachim Löw hat zuletzt viel abbekommen

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SERGEI SUPINSKY / AFP

Dass ihm die Dreierkette einmal Ärger einbringen würde, hat Joachim Löw geahnt. Schließlich wurde der Bundestrainer vor ihr gewarnt.

2010 hatte Löw mit der deutschen Nationalelf eine erfolgreiche WM gespielt. Taktisch aber wollte er sich weiterentwickeln. Daher ließ er Erkundigungen einholen über eine Formation mit drei Innenverteidigern, die das Potenzial besaß, schwer in Mode zu kommen. Nach seiner Expertise gefragt wurde ein Mann, der damals einen kleinen Klub in Italien trainierte. Er hatte über viele Jahre mit der modernen Dreierkette experimentiert. Und weil derlei Wissensaustausch geheim bleiben soll, erzählen sie jene Geschichte beim DFB, ohne Namen zu nennen.

Jener Experte stellte Löw demnach zunächst eine Frage, bevor er ihm Einlass in die wundersame Welt des neuen Systems gewährte: "Sind Sie bereit, Fehler zu machen?"

Wie das gemeint war, verstand Löw, als er im November 2011 erstmals die Dreierkette ausprobierte - bei einem Freundschaftsspiel gegen die Ukraine. Durch die ungewohnte Defensivanordnung entstand Durcheinander auf dem Platz, Deutschland lag zur Halbzeit 1:3 zurück (Endstand 3:3). Man kann sagen, es wurden einige Fehler gemacht.

"Das System spielt keine Rolle"

Neun Jahre später hat es wieder ein Spiel gegen die Ukraine gegeben. Löw und sein Team haben es am Samstag 2:1 gewonnen. Aber seither gibt es eine Taktikdebatte um die Frage, warum Löw so stur ist, seine Elf so oft auch gegen schwache Gegner mit der Dreierkette auflaufen zu lassen. Bastian Schweinsteiger etwa, eigentlich einer von Löws alten Lieblingsspielern, sprach sich in seiner Funktion als ARD-Experte für die Viererkette aus und sagte etwas schwammig, man könne sich "nicht mehr so recht mit dem Nationalteam identifizieren".

In der Pressekonferenz vor dem nächsten Spiel in der Nations League gegen die Schweiz am Abend (20.45 Uhr/Liveticker SPIEGEL.de, TV: ARD) musste Löw am Montag so viele Fragen nach seiner Taktik beantworten wie seit Jahren nicht mehr. "Für unsere Spielidee spielt das System keine Rolle", antwortete der 60-Jährige und wirkte dabei besser geordnet als noch direkt nach der Partie gegen die Ukraine. Da hatte er sich - angesprochen auf die Kritik - zu dem Satz hinreißen lassen: "Ich stehe über den Dingen."

Wichtiger als die Startformation sei, dass seine Spieler mit Geschwindigkeit in die gefährlichen Räume stoßen würden, sagte Löw, "dann sind wir gut".

Blitzableiter für ein generelles Genervtsein

Löw ist momentan der Blitzableiter für ein grundsätzliches Genervtsein der Öffentlichkeit von der Nationalelf und dem DFB. Vieles, was gerade schlecht läuft, schreibt man auch ihm auf die Rechnung: die blamablen TV-Quoten etwa, oder die Spiele in enger Taktung wie zuletzt das 3:3 gegen die Türkei, auf die Löw mit der Nominierung einer B-Elf reagierte. Für den Terminkalender kann Löw natürlich nichts. Aber womöglich sind die Leute seiner überdrüssig geworden.

Die Debatte über die Dreierkette ist eine weitere, die bisher mehr auf der gefühlten als auf der faktischen Ebene geführt wird. Und sie hat noch nicht das eigentliche Grundproblem des Bundestrainers benannt: dass ihm in der Defensive - ob mit Dreier- oder Viererkette - die Qualität im Kader fehlt. Dass die Dreierkette eine Reaktion auf die WM-Blamage ist. Dass Löw Stabilität und Angriffslust zugleich einfordert, dass es ihm dafür aber an den richtigen Spielertypen mangelt.

Auf die Dreierkette festgelegt hat sich Löw keineswegs. Seitdem er im März 2019 die Weltmeister Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller aussortierte und damit den Generationenwechsel im Nationalteam forcierte, gab es 14 Länderspiele. Achtmal stellte Löw mit drei Innenverteidigern auf, sechsmal mit einer Viererkette. Der Eindruck des sturen Festhaltens ist wohl vor allem dadurch entstanden, dass Löw nach der Corona-Pause viermal in Folge auf die Dreierkette setzte. Und das hatte einen einfachen Grund: "Wir haben im Moment nur ganz wenige Trainingseinheiten, um etwas einzustudieren", sagte Löw. Deshalb wolle er die Spiele nutzen.

"Ich möchte, dass wir bei der EM flexibler sind, dass wir vorbereitet sind"

Bundestrainer Joachim Löw

Der Einfachheit halber könnte Löw bei der Viererkette bleiben. Dass er dies nicht tut, hat erstens damit zu tun, dass er über kein gesetztes Innenverteidigerpärchen von Weltformat verfügt. Und zweitens ist es seiner Erfahrung aus Russland geschuldet. Deutschland war bei der WM 2018 ausrechenbar wie sonst kein anderes Spitzenteam. Der mexikanische Trainer Juan Carlos Osorio gab nach dem 1:0-Sieg seiner Elf gegen den Weltmeister zu Protokoll, er habe schon vor einem halben Jahr gewusst, wie die Deutschen spielen würden. Zwischen dem Confed-Cup 2017 und dem WM-Ausscheiden gab es 13 Partien. Zehnmal ließ Löw in einem 4-2-3-1 beginnen.

"Ich möchte, dass wir bei der EM flexibler sind", sagte Löw nun vor dem Schweiz-Spiel. Die Viererkette könne sein Team immer spielen, aber etwa gegen Weltmeister Frankreich, einem konterstarken Gruppengegner bei der EM, könne sich die Dreierkette als nützlich erweisen: "Ich will, dass wir vorbereitet sind."

Joshua Kimmich ist der einzige Spieler in Löws Kader, der Stabilität und offensive Kreativität bietet

Joshua Kimmich ist der einzige Spieler in Löws Kader, der Stabilität und offensive Kreativität bietet

Foto: Marc Schueler / imago images/Schüler

Die Installation der Dreierkette rührt daher, dass die Nationalelf bei der WM nach Ballverlusten völlig offen war. Die Dreierkette bietet den Vorteil, dass sie durch die Präsenz von drei Innenverteidigern das Zentrum vor dem eigenen Tor sichern kann. Das große Versprechen, das die Dreierkette bietet, ist die Kombination aus defensiver Stabilität und offensiver Wucht. Dafür aber braucht es Außenbahnspieler, die neben Defensivaufgaben auch die eines Flügelstürmers übernehmen. Und die hat Löw nicht.

Ein Gefangener des eigenen Umbruchs

Marcel Halstenberg auf links und Lukas Klostermann auf rechts sind solide Außenverteidiger. Vor allem Klostermann bietet zudem Tempo. Aber über hohes kreatives Potenzial verfügt keiner von beiden. Nicht umsonst setzt ihr Vereinstrainer Julian Nagelsmann sie bei RB Leipzig als Innenverteidiger in einer Dreierkette ein.

Flügelspieler, die sich im Eins-gegen-Eins durchsetzen können, wären eine Waffe in einem Team mit Dreierkette. Der einzige Spieler in Löws aktuellem Kader aber, der beides bietet - defensive Stabilität und offensive Akzente - ist Joshua Kimmich. Ihn sieht Löw allerdings im Mittelfeldzentrum.

Jérôme Boateng (links) und Mats Hummels in Topform wären prädestiniert für eine Dreierkette - aber Löw kann sie nicht mehr zurückholen

Jérôme Boateng (links) und Mats Hummels in Topform wären prädestiniert für eine Dreierkette - aber Löw kann sie nicht mehr zurückholen

Foto: PATRIK STOLLARZ/ AFP

Und damit wären wir bei einem weiteren Qualitätsproblem: Damit die Dreierkette optimal funktioniert, benötigt ein Team Innenverteidiger, die das Spiel aufbauen können - zur Not auch mal mit einem Vorstoß ins Mittelfeld. Doch Löw verwaltet auch hier Mangel: Weder Antonio Rüdiger, noch Matthias Ginter sind gute Aufbauspieler. Niklas Süle kann das noch werden.

So aber lassen sich Kimmich oder Toni Kroos oft zwischen die Verteidiger fallen, um das Spiel von hinten aufzubauen. Dadurch fehlt im Mittelfeld eine Anspielstation. Verbindet man dies mit der mangelnden Kreativität der Außen, hat man einen Grund, warum das deutsche Kombinationsspiel manchmal stagniert.

Die Ironie der Geschichte ist, dass vor allem zwei Spieler prädestiniert wären für die Dreierkette mit hohen Flügelspielern, wie Löw sie spielen lassen will: Hummels und Boateng in Bestform, wie zuletzt. Sie kombinieren Stabilität mit Spielaufbau. Doch Löw wird sie aus teamhierarchischen Gründen nicht wieder zurückholen. Und so ist der Bundestrainer mit seiner dysfunktionalen Dreierkette auch ein Gefangener seines eigenen Umbruchs.

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