Bundestrainer Löw Der deutsche Souverän

Finalflop hin oder her: Joachim Löw hat bei der EM gewonnen. Der Bundestrainer zeigte sich hart, cool - und vor allem: lernfähig. Seine Ziele verfolgt er ebenso unnachgiebig wie sein Vorgänger. Doch Löws Erfolg ist noch wichtiger als Klinsmanns bei der WM 2006.


Wie oft war sie ihm gestellt worden, diese Frage? Mal mit ironischer Färbung, dann wieder in einem leicht inquisitorischen Tonfall: die Frage nach der Zigarette. Ob er vor Nervosität eine geraucht habe, das wurde Joachim Löw oft nach Spielen gefragt. Einmal sagte er: "Nein, aber das werde ich gleich noch tun." Es war eine Antwort, die mehr über Löw verriet, als er es je selbst erklären würde. Denn er sagte nichts anderes, als dass ihm im Zeitalter der globalen Raucherverfolgung die Meinung sämtlicher Gesundheitsapostel und ganz nebenbei auch der Öffentlichkeit vollends egal ist.

Finalniederlage hin oder her – Löw ist auf dem besten Weg zum Souverän. Nach dem Schlusspfiff wollte er seinen Spielern keinen Vorwurf machen für ein Spiel, das mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet. Wer in Löws Mimik nach irgendwelchen Anzeichen für den Gemütszustand suchte, der fahndete vergeblich.

Höflich war seine Gratulation an den Europameister. Doch der Gleichmut, mit dem Löw die bittere Niederlage hinnahm, hatte schon etwas Irritierendes. Nach dem Spiel wirkte er genauso wie zuvor – ihn Mr. Pokerface zu nennen, wäre vielleicht gar nicht verkehrt. Denn Löw hat eines längst begriffen: dass auch der Fußball trotz aller Planung zu einem unbestimmten Prozentsatz ein Glücksspiel ist.

Das Finale sah Spanien nicht nur auf der besseren, sondern auch auf der glücklichen Seite. Dass sich ausgerechnet Philipp Lahm, der beste Deutsche im Turnier, verletzte und dazu Michael Ballack angeschlagen war, ließ das Spiel für die Iberer deutlich leichter werden.

Natürlich war Löw sich dieser Handicaps bewusst. Die Fassung verlor er trotzdem nicht, nicht einmal in jenem Augenblick, als seiner Mannschaft ein Elfmeter verweigert wurde, und der Spanier Silva nach einer Tätlichkeit gegen Lukas Podolski des Feldes hätte verwiesen werden müssen. Löw demonstrierte Lernfähigkeit. Das Spiel gegen Österreich war ihm Mahnung genug gewesen, als er den Gang auf die Tribüne antreten musste. Er fuhr aus der Haut. Das war verständlich. Es ging ja um viel: um nicht weniger als um seinen Ruf. Und in letzter Konsequenz auch um seinen Job. Diese Augenblicke waren die einzigen, in denen der Fußballtrainer Joachim Löw wie ein gewöhnlicher Coach wirkte – wie ein Mann, dem es alle Welt nachsehen würde, auch einmal die Fassung zu verlieren.

Er tut es ja sonst nie. Er ist die Selbstbeherrschung in Person. Nach dem Schlusspfiff lobte er noch einmal die vorzügliche Harmonie innerhalb der Mannschaft. Wer die Rituale des Fußballs kennt, der weiß genau, dass dies mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Chiffre ist, die nichts anderes bedeutet, als dass es tüchtig Zoff gegeben hat.

Doch Löw beherrscht auch im Augenblick der größten Enttäuschung die diplomatischen Zwischentöne. Alles ist fein austariert. Dabei bringt er das Kunststück fertig, eben nicht unsympathisch unterkühlt zu wirken. Der Trainer steht beim Anhang hoch im Kurs, noch immer hält sich das Image von "netten Herrn Löw", welches eigentlich nur seinem kultivierten Auftritt geschuldet ist. Der Mann verfügt über Tischmanieren. Er lässt Fragesteller nicht auflaufen und gibt sich in seinen Antworten betont sachlich. Dass Löw nichts tut, um dieses Image um ein paar kernige Anekdoten anzureichern, spricht nur für tatsächliche Gelassenheit. Und für all jene, die insistieren, hat er noch eine rhetorische Figur parat: Was soll denn schlecht daran sein, als halbwegs freundlicher Mensch zu gelten?

Auch nach dem verlorenen Finale wirkte er nicht wie ein Zweifler. Warum auch? Ihm ist viel gelungen in den vergangenen beiden Jahren, seit er die Nachfolge Jürgen Klinsmanns angetreten hat. Er hat eine solide Qualifikation absolviert.

Die EM übertrifft den Erfolg der WM im eigenen Land deutlich. Während des Turniers stellte er erfolgreich das deutsche Spielsystem um und zeigte sich somit flexibel genug, nicht jenem Formationsglauben anheim zu fallen, der das 4-4-2 als einzig selig machende Formel preist.

Seine Ziele verfolgte er in der Sache unnachgiebig wie ehedem Klinsmann. Timo Hildebrand, den Keeper, der auf das Trikot der Nummer eins nach Jens Lehmann spekuliert hatte, servierte er ziemlich kühl ab, weil er den jungen René Adler favorisiert. Von der Richtigkeit seiner Methode ist Löw überzeugt. Die Ergebnisse dürften ihn bestätigen. Finale hin oder her: Bei dieser EM hat er mehr gewonnen als verloren.

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ray05, 30.06.2008
1.
Löw sollte sein Konzept unbeirrt weiterführen, allerdings auf Lehmann, Ballack und Schneider künftig verzichten. Ich denke, der Teamzyklus mit diesen Leistungsträgern ist mit der gestrigen Niederlage zuende gegangen. Auch das 4-5-1-System, das nur in einem Spiel [vs POR] aus ganz spezifischen Gründen funktionierte, sollte Löw für die anstehende WM-Qualifikation nicht verabsolutieren.
gehlhajo, 30.06.2008
2.
Zitat von sysopDritter, Zweiter - Erster? Ist Joachim Löw der richtige Trainer, um den deutschen Fußball weiter zu modernisieren und endlich wieder einen Titel zu gewinnen? Was muss er tun, um die Nationalelf ganz an die Weltspitze zu führen?
Auf bessere Spieler hoffen ? Ich befürchte, wir werden den Weg Englands gehen werden. Die Deutschen Spitzenclubs kaufen sich zusehends ihre Manschaften aus dem Ausland zusammen. Eigenewächse wie Lahm oder Podolski werden immer seltener. Dazu kommt, daß man lieber bei Bayern auf der Bank sitzt anstatt bei Bremen zum Stamm zu gehören. Der Bundes-Jogi zumindestens ist nicht dafür da, mit den Spielern "Ball annehmen" zu üben...
mister_a 30.06.2008
3.
Hat auf jedenfall Ahnung vom Fußball, der Mann. Warum seine Truppe jetzt nicht unbedingt immer alles umgesetzt hat was er forderte - die Vorgaben waren ja meist völlig korrekt mit denen sie ins Spiel geschickt wurden - das müssen die Spieler als auch sein Team in zeitnaher Folge ergründen. Die Mannschaft stand in der Qualifikation für schörkelloses präzises Direktspiel und den Gegner zermürbende Laufarbeit. Daß kann sie sicher noch immer leisten, die Fähigkeit kann nicht verschwunden sein. Wenn er (Löw)/ sie (die Mannschaft) es schaffen das wieder hinzubekommen steht er ohen Frage auf Lebenszeit im Amt und kann sich nur noch selbst rauswerfen. Oder wie Marcelo Lippi anschauen was sein Nachfolger macht und dann als Heiland zurückkommen und alles wieder "richtig" machen.. ;-)
Scareheart, 30.06.2008
4.
Löw ist ohne Frage ein Fußballfachmann.Wenn es um das Einpeitschen der Mannschaft geht,was Klinsmann ohne Frage beherrschte,überläßt er aber gerne seinen Führungsspielern diese Aufgabe.Ob dass das richtige Signal an die Truppe ist,möchte ich bezweifeln. Gerade deshalb wird er sicher nicht auf Ballack und Frings verzichten,auch wenn der "Lutscher" inzwischen seine beste Zeit hinter sich hat.
Peter_Mueller 30.06.2008
5. Ein Theoretiker
Herr Löw ist ein Theoretiker, einer aus der Klinsmann-Garde, die tatsächlich glauben, rein mit Psycho-Spielen und Motivationsgequatsche einen Titel zu holen. Ausser das Portugal-Spiel, eine herbe Enttäuschung und ein Wunder so weit angelangt zu sein.
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