Erkenntnis des 17. Spieltags Warum Leipzig den Bayern gefährlich werden kann – und was dazu noch fehlt

RB Leipzig steht in der Bundesliga vier Punkte hinter den Bayern. Das Team ist defensivstark, geduldig und punktet konstant gegen kleinere Vereine. Es könnte sogar um den Titel mitspielen.
Nordi Mukiele feiert mit Emil Forsberg dessen Siegtor gegen Union Berlin

Nordi Mukiele feiert mit Emil Forsberg dessen Siegtor gegen Union Berlin

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O.Behrendt / imago images/Contrast

In der zweiten Corona-Saison wirkt der FC Bayern überspielt. Den knappen Siegen gegen den SC Freiburg und den FC Augsburg standen zuletzt das Pokal-Aus gegen Holstein Kiel und eine 2:3-Niederlage nach 2:0-Führung gegen Borussia Mönchengladbach gegenüber. Und doch stehen die Münchner an der Tabellenspitze der Bundesliga, mit 39 Punkten, eine ausgezeichnete Bilanz. Die Konkurrenz schwächelt, die Bayern sind – auch ohne die Dominanz der Vorsaison – erneut klar auf Meisterkurs.

Konstantester Verfolger ist derzeit RB Leipzig, obwohl das Team von Trainer Julian Nagelsmann mit dem Remis gegen Wolfsburg und der Heimniederlage gegen Dortmund zuletzt in wichtigen Spielen Punkte gelassen hat. Vier Punkte beträgt der Rückstand auf die Bayern vor dem Start der Rückrunde am kommenden Wochenende. Reicht das, um doch noch ins Titelrennen einzugreifen? In Teilen wirkt Leipzigs Spiel bereits so ausgereift, dass man es ihnen zutrauen könnte.

Meister der »kleinen« Spiele

Ein Leipziger Faustpfand im Kampf um den Titel ist die eigene Zuverlässigkeit, wenn es darum geht, nominell unterlegene Gegner zu besiegen. Das 1:0 gegen Union Berlin war dafür ein gutes Beispiel: Kein anderer Top-Fünf-Klub hatte es zuvor in der Hinrunde geschafft, gegen den Underdog aus Köpenick zu gewinnen, wobei Union gegen die anderen Spitzenmannschaften Heimspiele hatte. Das Spielsystem der Berliner ist darauf ausgerichtet, hoch aufrückende Gegner mit schnellen, sauber ausgespielten Gegenangriffen zu knacken.

Die Leipziger Kombination aus individueller Qualität, geduldigem Aufbau und gewissenhafter Absicherung lässt für solche Überfalltaktiken keinen Raum. Nur viermal schoss Union am Mittwoch überhaupt in Richtung des gegnerischen Tores, ein neuer Tiefstwert in der laufenden Saison. Entsprechend schadlos halten sich die Leipziger gegen die sogenannten »kleinen« Gegner: Sechs der sieben Spiele mit Punktverlusten (fünf Remis, zwei Niederlagen) in dieser Saison kamen gegen Mannschaften aus den ersten Acht der Liga, dazu gesellt sich ein 0:0 gegen den 1. FC Köln. Umgekehrt bedeutet das aber auch: Will Leipzig nach ganz oben, müssen mehr Siege in Spitzenspielen her.

Die Defensive steht bombenfest

14 Gegentore haben die Leipziger in den ersten 17 Spielen kassiert, kein Bundesligist steht besser da. Bereits in den vergangenen zwei Spielzeiten stellten die Leipziger die jeweils beste Defensive neben der des FC Bayern, die Eingespieltheit der wichtigsten Defensivakteure ist dabei ein großes Plus: Im Tor und in der Innenverteidigung arbeitet seit drei Jahren das exakt selbe Personal. Leistungsträger Dayot Upamecano konnte gehalten werden, daneben sorgten gegen Union die einstigen Außenverteidiger Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg für Stabilität. Das Trio vereint Tempo, Robustheit und Spielstärke. Organisator und Ex-Kapitän Willi Orban ist nach langer Verletzungspause in der Vorsaison ebenfalls wieder eine vollwertige Option.

Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, die Leipziger Abwehrkräfte nur auf die Eingespieltheit und individuelle Klasse der Verteidiger (und den weiter hervorragend unauffälligen Péter Gulácsi im Tor) zu reduzieren. Mit Trainer Julian Nagelsmann hielt bei den Leipzigern ein neuer Spielstil Einzug: Der absolute Fokus auf Pressing- und Umschaltfußball wich einem kurzpassorientierten, auf Kontrolle bedachten Ansatz. Mittlerweile gehört Geduld zu den größten Leipziger Tugenden: Kein Team in der Liga schlägt pro Spiel weniger lange Bälle (Quelle: WhoScored), stattdessen wird auf ruhige Ballzirkulation gesetzt. Im zentralen Mittelfeld sind die ballsicheren Techniker Marcel Sabitzer und Kevin Kampl unumstritten.

Julian Nagelsmann hat den Leipziger Fußball erfolgreich weiterentwickelt

Julian Nagelsmann hat den Leipziger Fußball erfolgreich weiterentwickelt

Foto: Maja Hitij / Getty Images

Im Spiel gegen Union war auf Seiten der Berliner Innenverteidiger Marvin Friedrich mit 69 Kontakten der Spieler, der am häufigsten den Ball hatte. Bei Leipzig knackten gleich acht (!) Spieler diese Marke, Upamecano verzeichnete gar mehr als die doppelte Anzahl an Ballkontakten (145). Mehr Spielkontrolle bedeutet gleichzeitig: Leipzig wird seltener unorganisiert erwischt, schenkt kaum Chancen her. Gleichzeitig ist das eigene Pressing und Gegenpressing immer noch effektiv: Das Siegtor gegen Union fiel nur deshalb, weil Torschütze Emil Forsberg auf Höhe des gegnerischen Strafraums entschlossen nachsetzte.

Niemand will Werners Erbe antreten

Die einzige offensichtliche Baustelle im Leipziger Fußball ist die Besetzung der Mittelstürmerposition. Die zwei besten Torschützen der Vorsaison, Timo Werner (28 Tore) und Patrik Schick (10 Tore) spielen nun beim FC Chelsea und bei Bayer Leverkusen. Drei klare Spitzen mit dem Anspruch auf einen Stammplatz stehen in dieser Saison im Leipziger Kader, keinem einzigen der Kandidaten vertraute Julian Nagelsmann mehr als die Hälfte der möglichen Einsatzminuten in der Hinrunde an.

  • Hwang Hee-chan gilt vom Spielertyp am ehesten als Werner-Ersatz, ist schnell, wendig und stellte beim Schwesterklub aus Salzburg auch seine Torgefahr unter Beweis. In der Bundesliga ist Hwang nur Ersatz, in seinen wenigen Einsatzminuten in der Bundesliga fiel er vor allem damit auf, bei schnellen Gegenstößen die falsche Entscheidung am Ball zu treffen.

  • Alexander Sörloth ist besser in Leipzig angekommen, rieb sich gegen Union in der Spitze auf. »Unglaublich zufrieden« zeigte sich Julian Nagelsmann im Anschluss mit Sörloth, der im Pressing wie in der Ballbehauptung überzeugte. Oft ist der Norweger (ein Saisontreffer) jedoch lediglich Joker. Bei Trabzonspor und dem FC Midtjylland war Sörloth als robuster Knipser berüchtigt, der im Vollsprint den Körper zwischen sich und den Abwehrspieler bringen und sich bis in den Strafraum einfach durchtanken konnte. Bereits in der Premier League bei Crystal Palace hielt diese Spielweise nicht stand, auch in der Bundesliga muss Sörloth noch an Torgefahr zulegen.

  • Yussuf Poulsen ist seit 2013 im Klub, Anlaufschwierigkeiten hatte der Däne auch in dieser Saison keine. Mit vier Treffern ist er Leipzigs geteilter bester Torschütze. Aber: Der kantige Poulsen ist eher ein unterstützender Stürmer als ein echter Knipser. Poulsen presst, gewinnt Luftzweikämpfe, leitet Bälle hinter die Kette weiter, die die Mitspieler mit einem Sprint in die Tiefe erreichen sollen. Das konnte einer besonders gut: Timo Werner.

Auch aufgrund der nur fünf Stürmertore erzielten die Leipziger bislang nur 29 Treffer, 20 weniger als der FC Bayern. Der Flaute in seinem Sturm begegnet Nagelsmann bislang dadurch, andere Spieler stärker in die Pflicht zu nehmen.

  • Linksverteidiger Angeliño nimmt insofern die Werner-Rolle ein, als dass der Spanier dessen Offensivläufe über den linken Flügel übernimmt. Mit seinem Timing beim Nachrücken in den Strafraum und seiner Dynamik sorgt Angeliño so immer wieder für Torgefahr, in der Bundesliga-Hinrunde war er an acht Leipziger Treffern direkt beteiligt.

  • Die Spielmacher nehmen oft die Mittelstürmerposition ein. Die »falsche Neun« hatte in Leipzig in der Hinrunde Hochkonjunktur. Besonders der Spanier Dani Olmo bewegte sich aus dem Zentrum immer wieder als freier Initiator zwischen den Linien, leitete Kombinationen ein und brachte so Dynamik in den Belagerungszustand, den die Leipziger dem gegnerischen Tor oft auferlegen. Auch Emil Forsberg durfte sich in dieser Rolle bereits beweisen.

Ob das am Ende reicht, um die nötige Torgefahr für das Meisterschaftsrennen zu entwickeln, ist fraglich. Ein neuer Stürmer soll nicht kommen, dafür sicherte sich Leipzig die Dienste des nächsten abschlussstarken Mittelfeldspielers: Dominik Szoboszlai stößt aus Salzburg zum Kader, der Ungar dürfte sich eher um den Platz hinter einer klaren Spitze bewerben.

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