BVB-Boss Watzke "Für mich ist das nur krank"

Mäzene, Mogule, Oligarchen - für Hans-Joachim Watzke sind das die bösen Geister des Fußballs. Im Interview prognostiziert der Geschäftsführer von Borussia Dortmund Vereinen wie Manchester City das Ende und hofft auf die Durchsetzung des Financial Fair Play.
BVB-Geschäftsführer Watzke: "Radikaler Kurswechsel notwendig"

BVB-Geschäftsführer Watzke: "Radikaler Kurswechsel notwendig"

Foto: dapd

SPIEGEL ONLINE: Herr Watzke, Griechenland, Italien, Spanien - überall gibt es finanzielle Probleme, die Starts der jeweiligen Profi-Fußballligen verzögern sich. Hat der populärste Sport der Welt ein grundsätzliches Finanzproblem?

Watzke: Der Fußball ist immer auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. Es ist schon interessant, dass die Länder, deren Ligen derzeit große Probleme haben, auch von generellen Finanzproblemen betroffen sind. Vielleicht hat der Fußball sich dort zu viel von der Politik abgeschaut und zu viele Jahre mehr ausgegeben als eingenommen.

SPIEGEL ONLINE: Das Problem kennen Sie bei Borussia Dortmund auch ganz gut. Vor sechs Jahren hatte Ihr Verein noch über 120 Millionen Euro Schulden.

Watzke: Dieses Unternehmen hatte vor einigen Jahren sehr große Probleme. Nach einem harten Sanierungskurs ist Borussia Dortmund inzwischen aber wieder kerngesund.

SPIEGEL ONLINE: Das trifft nach einer vor zwei Jahren von der Uefa erhobenen Studie auf nur wenige Clubs zu. 56 Prozent aller europäischen Vereine sollen Schulden haben. Werden Fußballvereine künftig kollabieren, wie zuletzt der griechische Staat?

Watzke: Die spanische Liga steckt in einem großen Dilemma. Dort befinden sich 15 Clubs in der Insolvenz, haben mittlerweile aktuell etwa vier Milliarden Euro Schulden angehäuft. Das ist dramatisch und wirft die Frage auf, ob in diesen Ländern nicht ein Lizenzierungsverfahren notwendig ist, wie wir es in Deutschland haben. In Spanien und auch in Italien hat eine Reihe von Vereinen seit Jahren riesige Steuerschulden, diese werden aber nicht zur Rechenschaft gezogen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es für diese Ligen überhaupt eine Rettung?

Watzke: Die gibt es dann, wenn konsequent seriös gewirtschaftet wird. Aber dazu ist ein radikaler Kurswechsel notwendig.

SPIEGEL ONLINE: Kann dazu das Financial Fair Play (FFP) beitragen, das ab dem 1. September gilt? Das FFP soll den Markt so regulieren, dass Vereine künftig nur noch zum Europapokal zugelassen werden, wenn diese eine ausgeglichene Bilanz vorweisen können.

Watzke: Es ist höchst erfreulich, dass die Uefa endlich dieses Problembewusstsein entwickelt hat. Zum einen soll dadurch unseriöses Finanzgebaren verhindert, zum anderen soll es Milliardären unmöglich gemacht werden, finanzielles Fehlverhalten der Clubs durch Mittel aus ihrer Privatschatulle zu decken.

SPIEGEL ONLINE: Zuschüsse von Gönnern werden von der Uefa künftig nicht als Sponsoring bewertet und dürfen dadurch nicht in der Bilanz auftauchen.

Watzke: Ja, das begrüße ich. Dadurch hört das Manipulieren der Bilanzen endlich auf.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von der Zukunft. Derzeit holen auch hoch verschuldete Clubs für Millionen neue Spieler. Offenbar wird das FFP noch nicht ernst genommen.

Watzke: Den Eindruck kann man derzeit gewinnen. Trotzdem: Der Ansatz des FFP ist absolut richtig. Wir müssen dahin kommen, dass nur so viel ausgegeben werden darf, wie eingenommen wird. Und: Dieses Finanzgebaren à la Massimo Moratti, mit dem Clubs wie Inter Mailand künstlich am Leben gehalten werden, muss aufhören. Die Welt wird nicht mehr so funktionieren, dass 60, 70 Millionen Verbindlichkeiten mit einem Pinselstrich weggewischt werden. Umdenken ist notwendig, um diese Abhängigkeiten von Einzelpersonen zu durchbrechen.

SPIEGEL ONLINE: Die Konsequenzen des FFP fangen bei Geldstrafen an und enden beim Ausschluss aus dem Europapokal. Glauben Sie, die Uefa hat das Durchsetzungsvermögen, einen Club wie Inter auszuschließen?

Watzke: Das ist die Schlüsselfrage. Wenn die Uefa anfängt, bei einigen Vereinen nachzugeben und bei anderen durchzugreifen, können wir das Konzept einpacken. Das Ganze ist vergleichbar mit der Einführung des Euro. Auch das war eine grundsätzlich richtige Entscheidung, aber auf dem Weg dahin wurden zu viele Fehler gemacht. Das muss der Uefa eine Lehre sein.

SPIEGEL ONLINE: Es ist doch aber mehr als unwahrscheinlich, dass für die Vermarktung wichtige Clubs wie Manchester United oder Real Madrid aufgrund von Finanzproblemen nicht in der Champions League starten dürfen.

Watzke: Doch, genau das muss eben auch mal passieren. Die Uefa muss stark genug sein, auch mal einen großen Club rauszuschmeißen. Dann erst wird das FFP das Gewicht bekommen, das notwendig ist. Die Bereitschaft bei der Uefa für das Ergreifen harter Maßnahmen ist sehr hoch. Präsident Michel Platini und Karl-Heinz Rummenigge, Chef der Clubvereiningung ECA, machen das unmissverständlich klar.

SPIEGEL ONLINE: Wie glaubwürdig sind die Ankündigungen?

Watzke: Gerade Platini glaube ich. Er ist im Herzen immer noch Fußball-Romantiker und will nicht, dass Vereine ohne Kultur und Tradition alleine durch Geld die Vormacht übernehmen. Aber eines ist klar: Das ist die größte Aufgabe, die die Uefa jemals hatte.

"Wenn es einen Eigentümerwechsel gibt, erfolgt der freie Fall"

SPIEGEL ONLINE: Aber die Champions League würde doch durch solche Ausschlüsse ihre Zugpferde verlieren.

Watzke: Die Champions League ist mittlerweile so attraktiv, dass sie ein oder zwei Verluste von sogenannten Top-Clubs, die nur durch Pump zu solchen wurden, problemlos verkraften könnte. Die abschreckende Wirkung wäre für alle anderen enorm groß.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie die größten Schwächen des FFP?

Watzke: In erster Linie wird es schwierig werden, klare Grenzen zwischen einem Sponsoring und einem Zuschuss zu ziehen. Es darf uns nicht passieren, dass ein Großmogul zukünftig einen Verein übernimmt und fünf ihm angehörende Firmen dazu verdonnert, dem Verein Finanzspritzen zu geben. Dann wäre FFP hinfällig.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich denn so etwas verhindern?

Watzke: In den FFP-Regularien steht, dass jedes Sponsoring an marktüblichen Dimensionen gemessen wird. Die Uefa hat das Recht, jeden Verein individuell zu überprüfen. In einem so transparenten Geschäft wie Fußball ist es eher schwierig, Geldflüsse geheim zu halten. Man wird früher oder später feststellen, woher die Gelder kommen und ob sie einem einzelnen Geldgeber zuzuordnen sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie verteufeln das System privater Geldgeber. Aber Clubs wie Manchester City oder der FC Chelsea haben durch dieses Modell die größten Erfolge ihrer Vereinsgeschichte gefeiert.

Watzke: Aber wie lange denn? Es ist doch klar, dass die Großmogule sich an Erfolgen erfreuen, aber nur selten auf Strukturen und Nachhaltigkeit setzen. Und wenn es dann einen Eigentümerwechsel gibt, wie zuletzt beim FC Liverpool geschehen, erfolgt der freie Fall.

SPIEGEL ONLINE: Die Erfolge kann den Clubs aber niemand mehr nehmen.

Watzke: Aber zu welchem Preis? Diese Clubs verschwinden dann im Nirwana, nur weil sich ein Mäzen mal kurz öffentlich feiern lassen wollte. Selbst ein Flavio Briatore (Formel-1-Manager; die Red.) braucht noch ein Spielzeug und kauft sich einen kleinen, zweitklassigen, englischen Club, ist jetzt damit sogar in die erste Liga aufgestiegen und verscheuert den Verein wieder. So etwas ist doch keine Fußball-Kultur.

SPIEGEL ONLINE: Was verstehen Sie unter Fußball-Kultur?

Watzke: Eine gewachsene Infrastruktur, eine gesunde Fanbasis, die sich dem Verein mit Leib und Seele verschrieben hat. Fußball ist ein Massenphänomen, es gehört der Masse und nicht dem Einzelnen. Das ist die einzige Kultur, die diesen Sport überleben lässt. Alles andere entfernt ihn meilenweit von den Menschen, die ihn lieben.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie den Millionen-Transfer Samuel Eto'os von Inter Mailand zum russischen Club Anschi Machatschkala? Der Stürmer soll jährlich 20 Millionen Euro verdienen.

Watzke: Dass so etwas möglich ist, ist grauenvoll. Dieser Club hat nichts, kommt eigentlich aus Dagestan, trainiert aber unter der Woche durchgehend in Moskau, fliegt dann 2000 Kilometer, um seine Heimspiele zu bestreiten. Um die Perversion komplett zu machen, legen sie dann im Stadion den Spielern irgendeine Nationaltracht mit einem Ziegenfell auf dem Kopf und feiern sich, weil sie angeblich der Historie Rechnung tragen. Aber ist das Fußball-Kultur? Ohne Fans, ohne Anbindung zur Region? Alleine durch das Geld eines Multimillionärs entstanden? Nein, für mich ist das nur krank.

SPIEGEL ONLINE: Die Uefa-Funktionäre werden das wohl ebenfalls mit Argusaugen betrachten.

Watzke: Das brauchen sie gar nicht. Bei den Erlösstrukturen, die Anschi hat, muss die Uefa den Verein überhaupt nicht bewerten. Nach FFP-Richtlinien darf dieser Club niemals europäisch mitspielen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es mit dem FC Malaga und Manchester City aus?

Watzke: Genau die gleiche Nummer, nur von Arabern gesteuert. Ich prophezeie jetzt schon, dass sie mit ihren Clubs knallhart untergehen werden, sobald das FFP sich durchsetzt.

SPIEGEL ONLINE: Kann sich die Bundesliga dann auf die ganzen teuren Stars freuen, die bei diesen Clubs frei werden?

Watzke: Unsinn. Wir brauchen hier keine abgehalfterten Alt-Stars. Wir machen uns unsere Top-Stars selbst. Und das ist der einzige Weg, den auch private Geldgeber einschlagen können, um weiter in der Öffentlichkeit zu stehen.

SPIEGEL ONLINE: Welchen meinen Sie?

Watzke: Sie müssen ihren Vereinen strukturell helfen. Es hindert sie doch niemand daran, ein Trainingscamp für 30 Millionen Euro zu bauen oder mehrere Jugendinternate zu errichten. Dann schaffen sie eine Bindung zur Stadt, zur Region, zum Verein. Sie geben jungen Spielern die Möglichkeit, zu Gesichtern des Clubs zu werden. Aber das geht eben nicht hopla-hopp, sondern braucht Geduld und Nachhaltigkeit.

Das Interview führte Rafael Buschmann