BVB-Niederlage in Liverpool Die Magie von Anfield

Komfortabel führte Borussia Dortmund beim FC Liverpool - doch am Ende gewannen die Engländer. Es war eine magische Nacht, wie sie vielleicht nur in diesem Stadion möglich ist.

Aus Liverpool berichtet


Es war ein Augenblick der Fassungslosigkeit, der sich mit einem Mal aus den Tiefen der wildesten Fußballfantasien in eine bizarre Realität verwandelt hatte.

Die erste Minute der Nachspielzeit lief, die Menschen an der Anfield Road hatten schon eine Menge erlebt an diesem Abend, den keiner der Anwesenden jemals vergessen wird. Sie hatten ein verrücktes, mitreißendes, höchst spannendes Fußballspiel erlebt und eine entfesselte Fußballatmosphäre geschaffen, wie es sie in dieser Form wohl nur an diesem besonderen Ort gibt. Aber der Höhepunkt sollte noch kommen.

Es stand 3:3, 90 Minuten waren vorbei, Liverpool brauchte noch unbedingt ein Tor und nun flog noch eine Flanke durch den Strafraum des BVB, landete auf dem Kopf von Dejan Lovren und von dort im Tor.

Für einen Moment stand die Zeit still, die Anfield Road schien aus purer Emotion zu bestehen. Reinstes Glück auf der einen und grausame Erschütterung auf der anderen Seite. "Brillant, überragend, wundervoll, unglaublich", sollte Liverpools Trainer Jürgen Klopp später stammeln, und Dortmunds Julian Weigl sagte schlicht: "Das fühlt sich schrecklich an."

Es wirkt ja mitunter etwas merkwürdig, wenn Fußballer magische Kräfte beschwören und den Eindruck erwecken, nicht ihre eigenen Fehler, sondern Einflüsse aus dem Reich des Übernatürlichen hätten zu einer Niederlage geführt. Aber das legendäre Stadion an der Anfield Road gehört nicht ohne Grund zu den Großheiligtümern der Glaubensgemeinde Fußball, in dieser denkwürdigen Nacht spürte jeder, was für ein mächtiger Zauber hier entstehen kann. Der BVB hatte 2:0 und 3:1 geführt und verlor am Ende ein Spiel 3:4, das noch in vielen Jahren zu den Klassikern der bewegten Geschichten dieser beiden Klubs zählen wird.

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Europa League: Wahnsinn an der Anfield Road

Irgendwann, als die wilden Gefühle sich ein bisschen beruhigt hatten, wurde Thomas Tuchel gefragt, ob er Gründe für die Niederlage nennen könne, aber dem Dortmunder Trainer fiel keine überzeugende Antwort ein. Er könne nur beschreiben, was passiert sei, und auch diese Beschreibung hatte einen übernatürlichen Kern: "Es war so, dass die Leute im Stadion dachten: Heute soll es sein." Es war kein Spiel der Pläne und der Strategien, sondern ein Abend der Instinkte und Gefühle.

Im Video: Thomas Tuchel zum "Liverpooler Schicksalstag"

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Und einen großen Anteil an diesem unvergesslichen Viertelfinale hat die Symbiose zwischen diesem Stadion an der Anfield Road und den 43.000 Menschen, die es mit Leben füllten. "Jeder hat geahnt, hier passiert noch etwas, man konnte es fühlen, man konnte es schmecken", sagte Klopp.

Er war so pietätvoll, keinen Vergleich zum Westfalenstadion zu ziehen, aber diese Wucht, diese umwerfende Energie von den Rängen, die zum entscheidenden Faktor geworden war, ist vermutlich einzigartig auf der Welt. In Dortmund gab es das in dieser Intensität noch nie, da waren sich selbst Beobachter einig, die den BVB seit Jahrzehnten begleiten.

Auch die Liverpooler haben diese Kraft in den sechs Monaten mit Klopp zum ersten Mal entwickelt, es war genau der richtigen Moment. Wobei den Verlierern aus der Bundesliga wichtig war, darauf hinzuweisen, dass sie selbst eine Menge zur Entstehung dieser Energie beigetragen haben, die sie am Ende in die Knie zwang.

"Wird interessant, wie wir als Gruppe darauf reagieren"

Der BVB hatte ja souverän geführt, und Marco Reus' Treffer zum 3:1 wirkte wie ein starkes Beruhigungsmittel auf das Publikum. Aber dann verloren die Dortmunder den Mut. "Wenn es brenzlig wird muss man weiter taktführend sein, wir haben aber einfach gehofft, dass die Zeit für uns spielt. Auf so was darf man sich nicht einlassen", sagte der schwer mitgenommene Roman Weidenfeller.

Tiefe Furchen durchzogen die Stirn des Torhüters, seine Augen waren rot unterlaufen. Es ist eine Niederlage, die schmerzt, das war den Gesichtern anzusehen, und es wird spannend sein, was dieser Abend mit der Mannschaft anstellt. Die großen Traumata haben ja oft eine prägende Wirkung für die Zukunft.

Der FC Bayern entwickelte nach dem durch zwei Tore in der Nachspielzeit verlorenen Champions-League-Finale von 1999 eine eiserne Siegermentalität, der FC Schalke hingegen hat sich bis heute nicht vom Schock der in letzter Minute verlorenen Meisterschaft von 2001 erholt.

Nun komme "eine Zeit, in der wir uns neu kennenlernen, es wird interessant sein, wie wir als Gruppe darauf reagieren", sagte Tuchel und forderte, das Erlebnis "in Energie und Trotz" umzuwandeln.

Aber in der akuten Trauer des historischen Moments klang dieser Vorsatz erst mal leer und ziemlich trist.

Video: Die Stimmen zum Spiel



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Boesor 15.04.2016
1.
Ja, die Atmosphäre war schon besonders, aber solche eine "magische" nacht ist auch in anderen Stadien möglich. Ein Blick in die Fußballgeschichte genügt.
bitterquark 15.04.2016
2. Und die Moral von der Geschicht`,
Dortmund von der Spielstärke her mit dem besseren Team und Liverpool mit dem besseren Trainer.
!!!Fovea!!! 15.04.2016
3. Dortmund
hat den besseren Fußball gespielt, Liverpool hat mehr Leidenschaft bewiesen. Bombastisches Spiel.
hummel1 15.04.2016
4. Super Spiel!
Tja selbst dran Schuld. Wenn man sich zu sicher fühlt passiert genau das und die Wahrscheinlichkeit, doch noch alles aus der Hand zu geben, steigt wenn es in solch alterwürdigen Fussball Stadien wie in Liverpool geschieht. Wie auch immer es war mal wieder ein Fussballfest! Gelungene Ablenkung zu all den schlechten Nachrichten der letzten Monate! ;-)
ich-geb-auf 15.04.2016
5.
was hat sich eigentlich Ginter beim Eckball zum 3:3 gedacht, dass er vom Ball weggeht anstatt hin? Für sowas hätte ich ihn gleich wieder ausgwechselt. Tuchel und das Team müssen auch noch viel lernen, dass man international auch mal ruhig spielen lassen muss, eventuell unattraktiv für die Zuschauer, wenn das Ergebnis stimmt. Siehe Pep und Bayern, da müssen BVB und VFL noch einiges lernen. Glückwunsch an Liverpool für tolle Moral, ein geiles Spiel (aus Liverpooler Sicht) Klopp hat sich gleich mal fast unsterblich dort gemacht. Schade an BVB, hatte die Daumen gedrückt.
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