BVB-Pleite gegen Hertha Die Gier ist weg

Dritte Heimniederlage in Folge, nur vier Punkte aus den letzten sechs Ligaspielen: Dortmund ist im Endspurt vor der Winterpause die Puste ausgegangen. Das Spiel des BVB wirkt ideenlos, der unbedingte Siegeswille scheint verschwunden.

DPA

Von , Dortmund


In der Arena war es bereits dunkel, als Michael Zorc sich den letzten wartenden Journalisten zuwandte, um ein paar ernste Worte zu formulieren. "Ich bin nach langer, langer Zeit erstmals nicht einverstanden, mit der Art und Weise, wie wir aufgetreten sind", sagte der Sportdirektor von Borussia Dortmund nach der 1:2-Niederlage gegen Hertha BSC Berlin. Die Spieler hätten "leichtfertig zu wenig gemacht", befand Zorc, aber wahrscheinlich hatte er da noch keinen Blick auf die Erhebungen der Statistiker geworfen, die seine Sorgen vermutlich noch verstärken werden.

Denn die Dortmunder Spieler waren 128 Kilometer gelaufen - mehr als in jeder anderen Bundesligapartie der bisherigen Saison. Der Ertrag dieses gewaltigen Aufwandes: zweieinhalb Torchancen, bei wohlwollender Zählung. Selbst Marco Reus' frühes 1:0 (12. Minute) resultierte eher aus einem Fehler des jungen Berliner Torhüters Marius Gersbeck, 18, als aus einem klugen Spielzug. Und nach den Treffern von Adrián Ramos (23.) und Sami Allagui (45.) versuchte der BVB eine ganze Halbzeit lang vergeblich, Torgefahr zu erzeugen. "Wir haben zu statisch gespielt und keine Lösungen gefunden", sagte Kapitän Sebastian Kehl, und Trainer Jürgen Klopp meinte: "Das war dann gar nicht so problematisch zu verteidigen für Hertha."

Wäre das Problem schlicht körperliche Müdigkeit, könnte man sagen: Nach der Winterpause wird es schon besser. Doch nach den Eindrücken der vergangenen Wochen drängt sich eher der Eindruck auf, als sei der biedere Fußball die Folge eines schwindenden Selbstvertrauens. Die Dortmunder haben erstmals seit dem Jahr 2000 drei Heimspiele hintereinander verloren und aus den zurückliegenden sechs Partien magere vier Zähler erspielt.

Feuer und Inspiration fehlten

Nach so viel Misserfolg mangelt es der Offensive offenbar an Überzeugung. Gegen die bestens organisierte Hertha wagte niemand wirklich komplizierte oder unerwartete Dinge, das Spiel wirkte schematisch. Und dazu kamen schlimme Fehler in der Defensive.

Das erste Gegentor war die Folge einer schlechten Ballannahme des jungen Linksverteidigers Erik Durm, und der zweite Gegentreffer fiel nach einem Ballverlust von Marian Sarr, der den Ball vor dem eigenen Strafraum an Allagui verlor. Der erst 18-Jährige vergrub danach minutenlang sein Gesicht in den Händen und blieb nach der Pause in der Kabine. Durm und Sarr spielten natürlich nur, weil die beiden Innenverteidiger Mats Hummels und Neven Subotic verletzt sind, Klopp meinte allerdings, dass die Fehler der Nachwuchsleute "heute unser kleinstes Problem waren".

Denn auch Hummels und Subotic machten Fehler, und oft genug haben die Dortmunder auf Rückstände mit einem energischen Trotz reagiert, unter dem viele Gegner dann irgendwann einbrechen. An diesem Tag fehlten trotz der großen Laufbereitschaft Feuer und Inspiration.

Irgendwie ist die Gier, die einmal als treibende Kraft dieses Clubs wirkte, verloren gegangen. Selbst das Publikum, das vor dem Spiel eine imposante Choreographie aufführte und dessen enorme Wucht der Mannschaft schon über viele schwierigen Situationen hinweggeholfen hat, blieb kraftlos. Auf der Westtribüne hatten in der immer noch recht spannenden Nachspielzeit schon Tausende Zuschauer ihre Sitze verlassen.

"Wir müssen über viele Dinge nachdenken"

Am Ende blieb gar der Eindruck, als habe sich so etwas wie eine latente Langeweile ins Saisongefühl eingeschlichen: Der Meistertitel ist nicht mehr möglich, bei zwölf Punkten Rückstand auf den FC Bayern, und die Champions-League-Qualifikation wird schon klappen. Die ganz großen Abenteuer wird dieses Bundesligajahr also niemandem mehr bescheren, es ist nachvollziehbar, dass diese Ausgangslage nach vielen Monaten wilder fußballerischer Extremerlebnisse nicht gerade motivierend wirkt.

Kein Wunder also, dass Kapitän Kehl genau vor diesem lähmenden Irrglauben warnte. "Es ist sicher nicht so, dass Borussia Dortmund Artenschutz genießt, was die direkte Qualifikation zur Champions League betrifft", sagte er. Schon am Sonntag kann Borussia Mönchengladbach die Dortmunder mit einem Sieg gegen den VfL Wolfsburg (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in der Tabelle überholen.

Trösten können sie sich aber mit der Hoffnung, dass die mentale Erschöpfung nach dem Weihnachtsurlaub und einem Trainingslager verflogen sein könnte, wobei zumindest Trainer Klopp eher nicht abschalten wird über Weihnachten, wie er sagte: "Wir können die Pause jetzt sehr, sehr gut gebrauchen, haben uns aber selber eingebrockt, dass wir während der freien Tage über sehr viele Dinge nachdenken müssen."

Borussia Dortmund - Hertha BSC 1:2 (1:2)
1:0 Reus (7.)
1:1 Ramos (23.)
1:2 Allagui (45.)
Dortmund: Weidenfeller - Großkreutz, Sokratis, Sarr (46. Piszczek), Durm - Sahin, Kehl (77. Schieber) - Blaszczykowski (56. Hofmann), Mchitarjan, Reus - Lewandowski
Hertha: Gersbeck - Ndjeng, Lustenberger, Kobiaschwilli, Pekarik - Hosogai - Allagui, Skjelbred (69. Niemeyer), Cigerci (90. Janker), Schulz - Ramos (78. Wagner)
Schiedsrichter: Gagelmann
Zuschauer: 80.645 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Sarr, Sahin (2) - Cigerci (4), Kobiaschwilli (2), Hosogai (4)

insgesamt 120 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Levator 21.12.2013
1. Jep
das war's mit der Meisterschaft liebe Dortmunder, Vizekusener oder sonstigen Klubs, welche sich berufen gefühlt wähnten... Die Bayern sind Gewinner ohne in der BuLi heute gespielt zu haben. Im Vorbeigehen haben sie sich noch zudem den 5. Titel 2013 gesichert... GRAUSAM
ekel-alfred 21.12.2013
2. Kein Titel
Zitat von sysopDPADritte Heimniederlage in Folge, nur vier Punkte aus den letzten sechs Ligaspielen: Dortmund ist im Endspurt vor der Winterpause die Puste ausgegangen. Das Spiel des BVB wirkt ideenlos, der unbedingte Siegeswille scheint verschwunden. http://www.spiegel.de/sport/fussball/bvb-pleite-gegen-hertha-die-gier-der-klopp-truppe-ist-weg-a-940500.html
Ja klar ist die Luft raus. Zahlreiche Leistungsträger verletzt, 5 Punkte Abstand zu Leverkusen und 12 Punkte zu den Bayern. Wer denkt da bitteschön noch an die Meisterschaft und ist geil aufs gewinnen? Es geht nur noch um den CL Platz für die nächste Saison, den DFB Pokal und die aktuelle CL Runde.
kölschejung72 21.12.2013
3. Zurück auf der Erde
nach unsanfter Landung. Die Konzentration auf mehrere Wettbewerbe mit unbedingtem Gewinnmuss in der Championsleague wegen der Einnahmen, dem DFBpokal, um vielleicht noch einen Titel zu gewinnen, hat auch schon anderen Mannschaften die Bundeligasaisons gekostet. Nun zeigt sich zudem, dass der Kader vom BVB eben nicht doppelt gleichgute Besetzung aufweist. Und bis die Verletzten dann wieder bei 100% sind dauert. Und wenn einen erstmal die Abwärtsspirale erwischt, dann wird es umso schwerer.
coyote38 21.12.2013
4. Die Gier fehlt ...?
Zunächst einmal fehlt mindestens die halbe Mannschaft, inklusive die gesamte Innenverteidigung. Dass Dortmund mit dieser Rumpftruppe überhaupt noch da oben steht, grenzt an ein Wunder. Und dass die Leute platt sind, dürfte wohl kaum überraschen. Es hat schließlich nicht "jeder" Verein (wie die Bayern) eine komplette zweite "Erste Elf" auf der Bank sitzen.
Dr.Schwantz 21.12.2013
5. naja,
Dortmund hatte 2 schöne Jahre, was wollen die mehr?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.