BVB-Remis gegen Darmstadt Die Leichtigkeit ist weg

"Das ist keine Verteidigung": Die Brandrede von BVB-Kapitän Mats Hummels nach dem 2:2 gegen Darmstadt zeigt, wie angespannt die Stimmung bei Borussia Dortmund ist. Auch Trainer Thomas Tuchel wirkt genervt.
BVB-Profis: Dortmund musste Ausgleich in der Schlussminute hinnehmen

BVB-Profis: Dortmund musste Ausgleich in der Schlussminute hinnehmen

Foto: AP/dpa

Es war ein bemerkenswerter Moment, als Aytac Sulu den Ball in der 90. Minute ins Dortmunder Tor drosch und die berühmte schwarz-gelbe Südtribüne schlagartig verstummen ließ. So plötzlich und irgendwie auch unerwartet ist die Stimmung im Westfalenstadion selten von einem Extrem ins andere gekippt.

Bis zu diesem Moment hatte Borussia Dortmund mit 2:1 gegen Darmstadt 98 geführt, der BVB hatte das Spiel nach einem Rückstand gedreht, viele schwelgten schon in Gedanken an das große Duell beim FC Bayern, das der Spielplan für den kommenden Sonntag vorsieht. Und plötzlich, nach dem 2:2 in der 90. Minute, fühlte sich alles ganz anders an.

"Man schießt das 2:1, man ist euphorisiert und kriegt dann durch so einen blöden Standard den Ausgleich, die Enttäuschung ist schon groß", sagte Julian Weigl. Diese Achterbahnfahrt der Gefühle hatte auch das Publikum erlebt, und es blieb sogar nach dem Abpfiff ziemlich aufregend. Die Dortmunder haben ja schon unter der Woche in Hoffenheim erste Punkte in dieser Saison liegen gelassen, dieses zweite Unentschieden gegen eigentlich deutlich schwächere Teams hinterließ ein Gefühl der Wut.

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Dortmund gegen Darmstadt: Rekord und ein später Gegentreffer

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Mats Hummels beklagte sich zornig über das Gegentor in der letzten Minute: "Der Gegner schießt aus 13 Metern einen ungedeckten Volley, bei uns stehen fünf, sechs Spieler 20 Meter vor dem Tor - das ist keine Verteidigung", sagte der Kapitän. Er wirkte dabei so, als müsse er sich beherrschen, um nicht noch eine viel deutlichere Kritik zu formulieren. "Wir haben jetzt zwei extrem unnötige Punktverluste hinnehmen müssen, man kann es nicht in Worte fassen." Und Trainer Thomas Tuchel zeigte eine Seite, die seit seinem Amtsantritt in Dortmund noch nicht zu sehen war. Alle Herzlichkeit war wie weggeblasen.

Erst widersprach Tuchel seinem Trainerkollegen Dirk Schuster, der gesagt hatte, den beiden Toren von Pierre-Emerick Aubameyang (63., 71.) seien "zwei Fehler unsererseits" vorausgegangen. "Das waren nicht zwei Fehler, sondern zwei herausragend rausgespielte Tore", sagte Tuchel. Dann schimpfte er über die Schiedsrichter, die "zum vierten Mal in Folge" wichtige Entscheidungen zu Ungunsten des BVB getroffen hätten, an diesem Nachmittag meinte er vor allem eine zu Unrecht abgepfiffene Abseitssituation.

Und als ein Journalist nach der Tabellenkonstellation und dem bevorstehenden Spiel gegen den FC Bayern fragte, erwiderte Tuchel: "Unser nächstes Spiel ist am Donnerstag!"

Die Tabelle nervt ihn ebenso wie die Frage, wie eng die neuen Dortmunder den FC Bayern in dieser Saison an der Tabellenspitze bedrängen können. Der fast schon magische Schwung der ersten Saisonwochen ist nun erst mal verflogen, derzeit fällt es der Mannschaft schwerer, 90 Minuten lang alle Wege zu gehen, immer geduldig zu bleiben und all die kleinen Dinge richtig zu machen, die zum komplexen Ballbesitz-Fußball gehören, die der BVB derzeit spielt. Seinem Team habe "auch ein wenig die Überzeugung gefehlt", sagte Torhüter Roman Bürki, der drei Schüsse auf sein Tor bekommen hatte, von denen zwei drinnen waren.

"Es klemmt ein bisschen"

Darmstadt 98 hat in den ersten Wochen dieser Saison eine enorme Kunstfertigkeit darin entwickelt, in Spielen gegen Spitzenteams genau solche Schwächen auszunutzen. Nach einer intensiven Anfangsphase, in der Darmstadt nach einem tollen Konter durch Marcel Heller in Führung gegangen war (17.), folgte eine lange Zeit, in der das Dortmunder Spiel behäbig und wenig inspiriert wirkte. "Wir wissen, dass wir in der ersten Halbzeit nicht unseren Ansprüchen entsprechend aufgetreten sind", sagte Ilkay Gündogan.

Shinji Kagawa machte sein wohl schlechtestes Saisonspiel, auch Gündogans Aktionen fehlten mitunter Tempo und Inspiration. Und Marco Reus, der sein zweites Spiel seit seiner Zehenverletzung absolvierte, gelang fast nichts. "Es klemmt ein bisschen in der Ausstrahlung, in der Torgefahr, in seinem Gefühl für das Spiel", lautete Tuchels Kommentar zu Reus' Leistung.

Die beste Dortmunder Phase begann, als der Nationalspieler nach einer Stunde ausgewechselt worden war, der BVB erzielte den Ausgleich und die Führung, das Stadion bebte. Bis zu dem Moment des Schocks in der 90. Minute, der das Klub-Befinden während der kommenden Tage prägen wird. Denn bisher kannte man die Dortmunder mit ihrem neuen Trainer nur als erfolgsverwöhnte Seriensieger. Wie konstruktiv die Mannschaft und ihr näheres Umfeld mit so einer Phase der Rückschläge umgehen, ist eine der spannenden Fragen der kommenden Tage und Wochen.

Die Highlights des Fußball-Wochenendes bei SPIEGEL ONLINE

Borussia Dortmund - SV Darmstadt 98 2:2 (0:1)
0:1 Heller (17.)
1:1 Aubameyang (63.)
2:1 Aubameyang (71.)
2:2 Sulu (90.)
Dortmund: Bürki - Ginter, Sokratis, Hummels, Schmelzer - Gündogan, Weigl - Reus (59. Januzaj), Kagawa (90.+1 Ramos), Mchitarjan - Aubameyang.
Darmstadt: Mathenia - Garics, Sulu, Caldirola, Diaz - Gondorf (83. Stroh-Engel), Niemeyer (57. Jungwirth) - Heller, Rausch (67. Kempe) - Wagner, Rosenthal.
Schiedsrichter: Robert Hartmann
Zuschauer: 81.359 (ausverkauft)
Gelbe Karten: - Wagner (3), Heller

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