BVB-Erfolg vor leerer Südtribüne Die Verkehrung der Pole

Bei Dortmunds Sieg gegen Wolfsburg entwickelte das Publikum trotz der leeren Südtribüne eine bemerkenswerte Wucht. Wohl auch, weil viele Ultras trotz des Verbots Wege ins Stadion gefunden hatten.

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Aus Dortmund berichtet


Als Lukasz Piszczek eine halbe Stunde nach dem Abpfiff immer noch nicht in die Kabine durfte, wurde sein prachtvoller Fußballtag doch noch von einem kleinen Moment der Verärgerung eingetrübt. "Ich schieße keine Tore mehr", jammerte der Held des Nachmittags, weil etliche Medienvertreter immer neue Interviews führen wollten. Piszczek hatte neben einem Treffer noch zwei Torvorlagen zu Borussia Dortmunds 3:0-(1:0) Erfolg über den VfL Wolfsburg beigetragen, nun sagte er in Anspielung auf das 1:2 in Darmstadt aus der Vorwoche: "Das war sehr gut, wir haben eine Reaktion gezeigt".

Man konnte spüren, dass der Verteidiger in die Kabine wollte, aber natürlich musste er als Spieler des Spiels auch noch die sehr speziellen Umstände kommentieren, unter denen dieser Sieg zustande gekommen war. Zum ersten Mal überhaupt war die legendäre Südtribüne bei einem Bundesligaspiel leer geblieben, zur Strafe für das Hochhalten beleidigender Transparente zwei Wochen zuvor beim Besuch von RB Leipzig. "Das war schon sehr komisch, vor allem in der ersten Halbzeit", sagte Piszczek. Vor der Pause hatte der BVB auf das Tor vor der leeren Tribüne gespielt, "da hat etwas gefehlt". Und doch waren sich alle einig, dass "trotzdem eine tolle Stimmung" entstand, wie Thomas Tuchel etwas später erfreut verkündete.

Es waren zwar 25.000 Leute weniger da als sonst, intensiver als in vielen anderen Bundesligastadien war die Atmosphäre aber auch so. Natürlich fehlte der zusätzliche Energieschub, der üblicherweise von der "Süd" ausgeht. Allerdings, und das war vielleicht die größte Überraschung, ging diese Kraft von der Nordseite aus. Und das lag daran, dass viele Ultras, also genau jene Fangruppen, die eigentlich bestraft werden sollten, ganz offenkundig trotzdem da waren. Und zwar im Gästeblock gegenüber der leeren Südtribüne. Und so wurde der Norden für ein Spiel zur "Süd".

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Bundesliga: Last-Minute-Bayern und leere Südtribüne

Denn dort wehten während des gesamten Spiels die großen Fahnen der drei Ultra-Gruppierungen: "Desperados", "The Unity" und "Jubos". Die Lieder, die hier intoniert wurden, klangen genauso wie die Gesänge, die sonst aus dem Bereich der Ultras im Süden kommen. Vieles deutet daher darauf hin, dass die Strafe des Deutschen Fußball-Bundes ins Leere ging.

Die Wolfsburger hatten nämlich nur rund 1800 eigene Anhänger mitgebracht. Die übrigen 6000 Tickets, die den Gästen anlässlich von Auswärtsspielen in Dortmund zugestanden hätten, gingen an den BVB zurück und in den freien Verkauf. Zwar waren diese Rückläufer bereits vergriffen, bevor bekannt wurde, dass die Südtribüne gesperrt werden würde. Aber über irgendwelche Kanäle sind möglicherweise viele Leute an Tickets gelangt, auf die die Strafe abzielte.

Vor allem Mitglieder der BVB-Ultra-Vereinigungen sollen die üblen Transparente zum Leipzig-Spiel mitgebracht und hochgehalten haben. Um diese Leute zu treffen, hatte man in Kauf genommen, auch weit über 24.000 Unschuldige zu bestrafen. Sollte sich tatsächlich bewahrheiten, dass viele der Delinquenten vom Leipzig-Spiel trotzdem da waren, wäre das ein starkes Argument für alle jene, die schon immer sagen, dass Kollektivstrafen die Falschen treffe.

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Südtribüne, Wacken, Ballermann: Blick ins Leere

Gegen erschreckend harmlose Wolfsburger wären auch sechs oder sieben Tore möglich gewesen, nur das Dauerproblem der zurückliegenden Wochen war auch an diesem Tag wieder zu sehen: Es mangelt an Effizienz im Torabschluss. Erneut vergab Pierre-Emerick Aubameyang zu viele Gelegenheiten, die er in guten Phasen mit einem überlegenen Lächeln im Gesicht zu Toren macht. Und für das 1:0 brauchten sie die freundliche Mithilfe von Jeffrey Bruma, der nach einer halben Stunde eine Hereingabe Piszczeks ins eigene Tor köpfte.

Nachdem der Pole dann kurz nach der Pause einen zweiten Treffer erzielt hatte, war der Wolfsburger Widerstand gebrochen. Der wieder einmal überragende Ousmane Dembélé erhöhte etwas später noch auf 3:0. Tuchels Schwärmerei galt an diesem Tag jedoch Piszczek, der inzwischen alle Interviews gegeben hatte. Es sei "ein großes Geschenk, so einen Spieler in der Mannschaft zu haben", sagte der Trainer. "Ich liebe ihn als Persönlichkeit und als Mensch, er verkörpert alles, wofür der BVB stehen soll."

Wenn man es nicht besser wüsste, hätte man Letzteres auch über die jungen Männer mit den Fahnen sagen können, die an diesem Tag ausnahmsweise auf der falschen Seite des Stadions sangen und feierten. Fair und friedlich.



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janowitsch 18.02.2017
1. Kein Stadionverbot und keine Kollektivstrafe
Es gab kein Stadionverbot des DFB für die Fans auf der Südtribüne und damit auch keine Kollektivstrafe. Es gab eine Strafe gegen den Veranstalter Borussia Dortmund, die Südtribüne für ein Spiel zu sperren. Selbstverständlich hatten die Fans das Recht, das Spiel in anderen Blöcken zu besuchen, soweit sie Karten erhalten haben (wie man sieht). Hatte ich im Forum bereits mehrmals erklärt.
4meere 18.02.2017
2. Keine Einsicht in Schwarz-Gelb
Wenn man sich in der Sportschau die Interviews mit BVB-Fans und Watzke ansieht, kann man nichts anderes sagen: die habe nichts begriffen. Stilisieren sich als Opfer, schieben die Schande der Süd einfach weg, schmieren sich aus ihrer Gewalt-Tradition einfach mit Attacken auf den DFB raus. Unsportlich, BVB, einfach übel.
dosmundos 19.02.2017
3.
Mag ja sein, dass der eine oder andere einfach nur die Stadionseite gewechselt hat (wofür er sich ja zumindest noch eine zusätzliche Karte kaufen musste), dennoch dürfte die leere Tribüne zum Nachdenken gebracht haben. Nur wenn den Übeltätern aus dem Verein und den Fangruppen heraus Ablehnung für ihr Tun entgegengebracht wird, kann ein Umdenken stattfinden - Strafmaßnahmen wie eine Tribühnensperrung können diesen Prozess letztlich nur "unterstützend begleiten", wie man so schön sagt...
Msc 19.02.2017
4.
Wohl dem normalen Fan, der seine Eintrittskarte bei ebay verhökert hatte! Soviel gibts sonst nur bei Bayern-Spielen.
gibmichdiekirsche 19.02.2017
5.
Oh ja, oh ja, oh ja, Der grrrooße und allseits beliebte Flüsterer aller Westvereine Daniel Theweleit weiss es mal wieder am besten. Die Leute von der "Süd" haben sich irgendwie, klandestin, klammheimlich auf die "Nord" eingeschlichen. Anders kann er sich die gute und lautstarke Atmosphäre im Westfalenstadion nicht erklären. Selten solchen Quatsch gelesen. Das Spiel war bereits seit dem ersten Vorverkaufstag Mitte Januar ausverkauft, wie nicht nur ich leidvoll erfahren musste. Keine/r, auch nicht eine/r, hatte seitdem noch ein Chance, mal eben so ein Ticket für die "Nord" zu erwerben. Und als "Dauerschwätzer" in westlichen Stadien sollte Herr Theweleit eigentlich wissen, dass es auch auf der "Nord" einen reinen Stehplatzbereich für Borussen gibt (Block 63) und man zum Stimmungmachen gang gewiss nicht darauf angewiesen ist, ausgesperrte Fans von der "Süd" undercover zu importieren. Gute Stimmung schaffen in Dortmund die anderen Tribünen zur Not auch ganz alleine. Das mag Herrn Theweleit nicht schmecken, aber so ist es nun mal.
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