BVB-Sieg in München Dortmund demütigt selbstverliebte Bayern

Das Ziel der Bayern war eindeutig: Dortmund sollte klar besiegt werden. Doch die junge Mannschaft von Trainer Klopp demütigte das erneut überhebliche Starensemble. In der Liga geht es für die Münchner nur noch um Schadensbegrenzung, in Pokal und Champions League um die Rettung der Saison.

AFP

Von Sebastian Winter, München


Dortmunds Trainer Jürgen Klopp sah aus wie ein Boxer nach einem seiner schwersten Kämpfe, als er nach dem 3:1-Erfolg seiner Mannschaft zur Pressekonferenz erschien. Nach der Partie gegen Bayern München hatte ihm sein Kapitän Nuri Sahin im Überschwang beim Jubel die Brille zerschlagen. Klopp trug einen Cut unter dem rechten Auge davon, den ein notdürftig angeklebtes Pflaster überdeckte. "Meine Brille ist eigentlich unkaputtbar", sagte Klopp, "aber Nuri hat einfach das Glas zerstört."

Irgendwie passt es zu diesen Dortmundern, dass sie sich, wenn überhaupt, in der laufenden Saison nur selbst Schaden zufügen können. Die anderen Bundesligisten haben längst vor ihrem Hurra-Fußball kapituliert. Dortmund ist das fußballerische Schwergewicht der Liga. Spätestens an diesem Abend ist das auch dem FC Bayern klar geworden.

Die Borussia wird sich von ihrem Weg zur Meisterschaft wohl nicht mehr abbringen lassen. Sie hatte die Gastgeber wie einen zeitweise überforderten Sparringspartner aussehen lassen. Auch wenn der leicht verletzte Klopp seiner öffentlichen Linie treu blieb und auf die Frage, zu wie viel Prozent der Titel nun sicher sei, antwortete: "Das ist mir vollkommen Wurst. Dieser Abend gibt uns so viel, dass ich keinen Gedanken daran verschwenden muss."

Neben Klopp saß Louis van Gaal und wirkte sehr ermattet. "Wenn eine Mannschaft besser gespielt hat als wir, ist die Demütigung nicht sehr groß", sagte der Bayern-Trainer. Doch wer das Spiel verfolgte, der sah Dortmunder, die den deutschen Meister teilweise gedemütigt hatten. Sie waren frischer, gedankenschneller, kämpferischer, hatten einen unbändigen Zug zum Tor und überzeugten immer wieder mit aggressivem Pressing. Sie drängten die Bayern-Spieler zu erstaunlichen Fehlerketten, die alle drei Dortmunder Tore möglich machten.

Robben ratlos, Nerlinger desillusioniert

Beim 0:1 verstolperte der erschreckend schwache Bastian Schweinsteiger einen einfachen Pass von Innenverteidiger Holger Badstuber an Dortmunds Kevin Großkreutz, der den Treffer von Lucas Barrios einleitete. Beim 1:2 war die komplette Bayern-Abwehr unsortiert, als Sahin mit einem schönen Schlenzer ins linke Toreck traf. Und schließlich entstand aus Anatoli Timoschtschuks Fehlpass im Mittelfeld der 3:1-Endstand für Dortmund, ausgerechnet durch den einstigen Bayernspieler Mats Hummels.

Da waren erst 60 Minuten gespielt, doch die vielen Borussia-Fans hüpften schon und sangen: "Wer wird Deutscher Meister, nur der BVB." Aus der Südkurve kam keine Gegenwehr. Die Bayern-Anhänger hatten ihre Mannschaft aufgegeben. Sie hielten ihre Schals in die Höhe und folgten gebannt der Dortmunder Demonstration.

Schweinsteiger fiel nur noch durch Frustfouls und entnervte Kommentare auf, später verschwand er wortlos in den Katakomben des Stadions, seine rote Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Der von Großkreutz glänzend abgeschirmte Arjen Robben breitete ratlos die Arme auseinander, bekam später für eine Schwalbe im Strafraum die Gelbe Karte und stritt sich auf dem Platz dann noch ein wenig mit seinem Mannschaftskollegen Toni Kroos.

"Wir waren müde. Nicht körperlich, sondern vom Geist her", sagte Bayern-Kapitän Philipp Lahm in Anspielung auf das Champions-League-Spiel in Mailand am vergangenen Mittwoch. Manager Christian Nerlinger fügte desillusioniert einen Satz hinzu, an den man sich in München nun gewöhnen muss in den nächsten Wochen: "Das ist eine bittere Niederlage, die sehr weh tut. Die deutsche Meisterschaft ist für uns mit dem heutigen Abend begraben."

Retten, was zu retten ist

Das ist allerdings nicht das einzige Problem, dem sich das erfolgsverwöhnte Ensemble nun gegenüber sieht: Denn die Bayern haben sich mit nun 16 Punkten Rückstand auf Tabellenführer Dortmund nicht nur endgültig aus dem Kampf um die Meisterschaft verabschiedet, sondern sind hinter Leverkusen und Hannover auf Platz vier abgerutscht. Bei jetzigem Stand würden sie sich nur für die Europa League qualifizieren. Es gäbe nicht viel Schlimmeres für den erfolgsverwöhnten Rekordmeister, als im zweitwichtigsten europäischen Wettbewerb antreten zu müssen. "Wir sind in einer sehr gefährlichen Situation, denn wenn Leverkusen morgen gewinnt, haben wir sechs Punkte Rückstand auf Platz zwei", warnte Manager Nerlinger nach dem Dortmund-Spiel daher sehr eindringlich. Bayer tritt am Sonntag (17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) bei Werder Bremen an.

Nerlinger weiß, dass die Bayern mitten in den wichtigsten Wochen des Jahres sind - und ein Ziel bereits verspielt haben. Am kommenden Mittwoch (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) treten sie gegen Schalke um den Finaleinzug im DFB-Pokal an. Bald kommt Inter Mailand zum Rückspiel des Champions-League-Achtelfinales. Und in der Bundesliga müssen sie retten, was zu retten ist.

Die Dortmunder standen an diesem für sie so wundervollen Abend auch vor einem Scherbenhaufen, aber mit völlig anderer Symbolik. Das zersplitterte Glas von Jürgen Klopps Brille ließen sie einfach im Stadion zurück. Ihr Trainer hatte sich längst eine neue besorgt.

FC Bayern München - Borussia Dortmund 1:3 (1:2)
0:1 Barrios (9.)
1:1 Luiz Gustavo (16.)
1:2 Sahin (18.)
1:3 Hummels (60.)
München: Kraft - Lahm, Timoschtschuk, Badstuber (46. Breno), Luiz Gustavo (58. Kroos) - Schweinsteiger, Pranjic - Robben, Müller (78. Klose), Ribéry - Gomez
Dortmund: Langerak - Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer - Bender, Sahin (89. Kehl) - Götze, Lewandowski, Großkreutz (82. da Silva) - Barrios (74. Blaszczykowski)
Schiedsrichter: Gräfe
Zuschauer: 69.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Robben (2), Schweinsteiger (5) - Lewandowski (4), Sahin (3), Schmelzer (3)

insgesamt 99 Beiträge
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nimda 27.02.2011
1. Danke BVB
Hochmut kommt vor dem Fall, gilt auch für Bayern.
Koltschak 27.02.2011
2. "Dortmund hat ein kleines Tief" sagte van Gaal vor dem Spiel
Und Bayern hat ein ganz ganz Großes Tief! Und dann noch sinnigerweise eine Torwartdiskussion vom Zaun brechen. Die Bayern haben alle guten Geister verloren und Neute wäre doof zu Bayern zu gehen. Dann lieber wie Lehmann von Salke zu Drtmund! Bayern kann froh sein, wenn sie noch Dritter werden. Mal sehen, was am nächsten Wochenende in Hannover passiert. Da wird Meik Hanke zusammen mit Schlaudraff den Bayern schon einschenken! Und dann ist Platz drei auch nicht mehr zu erreichen. Den macht dann der kleine HSV fest! P.S.: Da spielen die Bayern in Mailand besser als die (unverdienten) spanischen Weltmeister, spielen Inter nach allen Regeln der Kunst aus und verlieren dann gegen die Feld-, Wald- und Wiesenspieler vom BVB.
Viper2024, 27.02.2011
3. Glückwunsch dem BVB
Seit dem 2:5 Debakel gegen Bremen vor 2-3 Jahren, habe ich es nicht erlebt das eine andere Mannschaft den FC Bayern zuhause so an die Wand gespielt hat. Schweinsteiger und Pranjic war Totalausfälle, aber anstatt diese beide wechselt van Gaal den Torschützen Gustavo und Badstuber aus. Sensationelle Taktik - anscheinend wollte er verlieren. Bayern braucht dringend einen linken Verteidiger und einen IV. Hummels wurde ja an den BVB verkauft und diese köpft nicht nur ein Tor sondern hat mit Subotic auch gezeigt wie gut eine Abwehr stehen kann.
fallobst24 27.02.2011
4. naja
Zitat von sysopDas Ziel der Bayern war eindeutig: Dortmund sollte klar besiegt werden.*Doch die*junge Mannschaft*von Trainer Klopp demütigte das sich*erneut überschätzende Starensemble. *In der Liga geht es für die Münchner nur noch um Schadensbegrenzung, in Pokal und Champions League um die Rettung der Saison. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,747950,00.html
Der BVB hat eine sehr gute Leistung gezeigt und die Bayern ergänzend dazu eine dumme Schnitzer, aber wieso hier die Rede von selbstverliebt oder sich selbst überschätzend ist, kann ich im besten Fall nicht nachvollziehen. Hat er da beim Schauen des Spiels mehr Informationen rausziehen können als ich? Quasi eine Psychoanalye aus der Ferne? Wenn ja, dann bitte etwas genauer. Behauptungen in den Raum werfen ist auch bei vermeintlich unseriösen Themen wie Fussball nicht schön. Naja, ansonsten bleibt nur zu sagen: Auf die Meisterschaft hatten die Bayern so oder so wenig Chancen, dafür spielen sie halt noch in der CL und um den Pokal. Gibt schlimmeres als ein Spiel gegen die zur Zeit offensichtlich beste deutsche Mannschaft zu verlieren. In den anderen Wettbewerben ist zumindest noch was zu holen.
ErekoseSK 27.02.2011
5. Schade Herr Hönes
Zitat von sysopDas Ziel der Bayern war eindeutig: Dortmund sollte klar besiegt werden.*Doch die*junge Mannschaft*von Trainer Klopp demütigte das sich*erneut überschätzende Starensemble. *In der Liga geht es für die Münchner nur noch um Schadensbegrenzung, in Pokal und Champions League um die Rettung der Saison. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,747950,00.html
Jeder dachte daran, dass die Bayern gewinnen würden. Ihre hohe Qualität haben sie ja z.B gegen Inter Mailand gezeigt. Ich habe erwartet, dass die Dortmunder Abwehr deshalb nicht so gut halten würde. Ich bin von mindestens 2 Treffern der Bayern ausgegangen. Für mich war Dortmunds Hoffnung die Abwehr von Bayern, denn auch gegen Inter Mailand hatten sie ihre Probleme. Doch Robery war ziemlich ausgeschaltet und die Fehler waren perfekt ausgenutzt. Als BVB Fan wäre ich nicht einmal enttäuscht gewesen, denn mit mindestens Platz 3 wäre ich zufrieden. Doch die große arrogante Klappe von Uli Hönes hat einfach nur aufgeregt. Mag sein, dass Bayern einen Aufschwung hatte. Aber das hieß noch lange nicht, dass die Dortmunder deshalb schwächer werden. Ich hätte so gern Ullis Gesicht bei den Dortmunder Toren gesehen :-)
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