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Dortmund-Trainer Klopp Der Goldgräber

Mit dem Einzug ins Finale der Champions League steht Jürgen Klopp am Höhepunkt seiner Karriere - und gleichzeitig vor einer Herkulesaufgabe: Dortmunds Trainer, ein Besessener seines Berufs, muss es schaffen, den Erfolg seines Teams in eine neue Zeit zu retten.

König Midas war bekannt für seine Gier, er wünschte sich, dass alles zu Gold wurde, was er anfasste. Und so passierte es - bis Midas einsehen musste, dass man Gold nicht essen kann.

Jürgen Klopp hat etwas von diesem Midas, denn auch unter den Händen von König Klopp ist in der Vergangenheit vieles zu Gold geworden. Er war und ist gierig, er wollte es so. Nun aber, am Höhepunkt seiner bisherigen Karriere, kurz vor dem Endspiel um die wichtigste Trophäe im europäischen Vereinsfußball, muss auch er sich der Frage stellen: Wie geht man mit so einem Schatz um?

Jürgen Klopp steht als Trainer von Borussia Dortmund vor der schwierigsten Aufgabe seiner sportlichen Karriere. Er soll den goldenen BVB der Gegenwart in die Zukunft überführen, und dort, das ist schon jetzt klar, wird vieles anders sein.

Egal, wie das Finale ausgeht. Klopps Mannschaft wird sich dramatisch verändern, durch den Weggang von Mario Götze zu Bayern München und durch den programmierten Verlust von Stürmerstar Robert Lewandowski. Vor Jürgen Klopp, 45, liegt viel Arbeit. Es ist auch, und vor allem, Arbeit an sich selbst.

Klopp war als Bayern-Trainer im Gespräch

Als Klopp 2008 nach Dortmund kam, war er noch kein Messias. Er war eine Hoffnung, nicht mehr. Als junger Trainer hatte er den ewigen Zweitligisten Mainz 05 2004 zum ersten Mal in die Bundesliga geführt, drei Jahre später war der Club wieder abgestiegen. Schon damals hatte Klopp mit der Vereinsführung vereinbart, dass er Mainz verlassen würde, sollte der sofortige Wiederaufstieg nicht gelingen. Klopp hatte es da bereits zu einiger Bekanntheit gebracht, für das ZDF spielte er die Rolle des jungenhaft-charmanten Experten unter all den vertrockneten Fußball-Patriarchen. Klopp wusste, dass er die zweite Liga verlassen musste.

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Jürgen Klopp: Ein Mann, ein Club

Foto: Federico Gambarini/ dpa

Es war wohl das Schicksal, das Klopp zum BVB führte. Auch der FC Bayern München hatte angefragt, doch dort entschied man sich für Jürgen Klinsmann als Nachfolger Ottmar Hitzfelds. Klopp fand in Dortmund einen Verein vor, der finanziell und personell auf der Kippe stand, der nach drei Trainerwechseln in zwei Jahren auf der Suche nach Identität war. Klopp, dieser Surferboy mit den langen blonden Haaren, Dreitagebart und Kapuzenpulli, einer, dessen Lachen eine ganze Dinnertafel unterhalten kann: Er schien der Richtige zu sein.

Klopp stopfte das Dortmunder Seelenloch auf Anhieb. Er füllte es aus mit seinem Wesen, das so einnehmend ist wie kaum ein anderes im deutschen Profifußball. Er balsamierte den wunden Verein mit seiner Persönlichkeit, er tat den Fans in dieser blassen Ruhrpottstadt gut. So gut, dass bald alle Jürgen Klopp waren, und Jürgen Klopp war Dortmund. "Kloppo kann Menschen begeistern und für sich gewinnen. In Mainz und Dortmund ist ihm das nicht nur mit ein paar Fußballspielern gelungen, sondern mit zwei kompletten Vereinen, Städten und Regionen", sagt Klopps Vertrauter Christian Heidel. Er ist seit über 20 Jahren Manager von Mainz 05 und gilt als Entdecker des Trainers.

Klopp gilt bei Schiedsrichtern als Problemfall

Heidel sagt, er habe schon bei Klopps für Mainz so schmerzhaftem Wechsel zur Borussia geahnt, dass in Dortmund Großes passieren werde. Zwei Saisons dauerte es, bis der BVB unter Klopp das erste Mal Meister wurde, im Jahr darauf gewann er sogar das historische Double aus Meisterschaft und Pokal. Und Jürgen Klopp wurde vom Retter Dortmunds zu seinem König, dessen Macht weit über Grenzen von Stadt und Verein hinausstrahlte.

Lange konnte Klopp, der Menschenfänger, im Schatten dieses Erfolgs eine andere Seite ausleben, ohne, dass sie von vielen bemerkt wurde: Klopp ist nicht nur Lachen, Leichtmut und Optimismus. Klopp ist auch Aggression und Wut. Er ist es zumeist dann, wenn seine Mannschaft verloren hat, wenn er sich und seine Spieler ungerecht behandelt fühlt.

Nach der Niederlage gegen Hoffenheim am letzten Bundesliga-Spieltag wetterte Klopp gegen den Schiedsrichter Jochen Drees, obwohl alle Experten dessen Entscheidungen für richtig befanden. Beim jüngsten Duell des BVB mit dem FC Bayern geriet Klopp mit dem Münchner Sportchef Matthias Sammer beinahe körperlich aneinander, weil Klopp Bayern-Spieler Rafinha nach einer Auseinandersetzung mit Dortmunds Jakub Blaszczykowski angegangen hatte. Im Oktober 2011, kurz vor dem Ausscheiden in der Champions League, konterte Klopp die Kritik der Journalisten am enttäuschenden europäischen Spiel der Dortmunder mit einem trotzigen Rundumschlag.

Es fällt Klopp schwer, sich in jeder Situation zu beherrschen, sich stets gleichbleibend professionell zu verhalten. Unter den Schiedsrichtern gilt er deshalb als Problemfall, als einer, der unberechenbar ist. Man könnte annehmen, dass es der Druck des sportlichen Erfolges ist, der Klopp sich selbst vergessen lässt. Doch sein früherer Mainzer Mannschaftskollege und Zimmergenosse Jürgen Kramny sagt: "Jürgen Klopp war schon immer krass leistungsorientiert, er hat eine außergewöhnliche Siegermentalität. Auch wenn wir irgendwo in der Regionalliga 10:0 vorne gelegen haben, hat er sich mit Spielern und Schiedsrichtern angelegt, wenn ihm etwas ungerecht erschien."

Klopp wird auf Schritt und Tritt beobachtet

Uneingeschränkte Leidenschaft und Hingabe für eine Sache ist Klopps wichtigste Prämisse, er verlangt sie auch von seinen Spielern, egal ob auf dem Platz oder daneben. Doch sie ist auch seine größte Bürde in dieser Zeit, in der jeder Schritt und jedes Wort Klopps medial überwacht werden, in der er, gleich der Marke BVB, auch international immer präsenter wird. Klopp merkt, dass er nicht mehr machen kann, was er will, er merkt, dass sein Verhalten anders bewertet wird. Er ist mehr als nur irgendein Fußballtrainer, er ist Repräsentant, gefragte Werbefigur und Mann des gesellschaftlichen Lebens. Er muss sich plötzlich benehmen, um zu gefallen.

Klopp weiß, dass er an seinem Image arbeiten muss, dass sich sein Dortmunder Fußballmärchen nicht von alleine weitererzählt. Er hat begriffen, dass seine Ausraster nicht mehr als authentisch gelten, sondern dass viele Menschen den Kopf schütteln. So sind strategische Interviews wie die im britischen "Guardian" oder in der "Sun" zu erklären, in denen er Dortmund als das "spannendste Fußballprojekt der Welt" beschreibt und einen Club wie Bayern München zum Gegenbild erklärt. In Deutschland nimmt man ihm die "Underdog"-Inszenierung nicht mehr wirklich ab.

Zum ersten Mal ist Klopp nicht mehr Identitätsstifter, sondern auf der Suche nach einer neuen Identität. Und weil er, wie es heißt, das spannende Projekt Dortmund noch einige Jahre, zumindest bis 2016, weiterführen möchte, gilt seine Suche zugleich der Identität des Clubs. Klopp muss neue, auch teure Profis in sein System einbauen, das bislang vor allem auf der Entwicklung junger, unbekannter Spieler beruhte. Den Erfolg langfristig zu halten, wird Klopps nächste große Herausforderung.

Sollte ihm das gelingen, sollte er mit Hilfe seiner engen Vertrauten, mit Vereinsboss Hans-Joachim Watzke und Sportchef Michael Zorc, die richtige Strategie für Dortmunds Zukunft finden, scheint alles möglich. Auch wenn 47 für einen Bundestrainer ein außergewöhnlich junges Alter ist: In einigen Jahren, sagt sein Kumpel Christian Heidel, wüsste er "kein einziges Argument, das dagegen sprechen könnte".

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