Cacaus Abschied als DFB-Integrationsbeauftragter Glücksfall oder vertane Chance?

Ex-Nationalspieler Cacau hört als Integrationsbeauftragter des DFB auf. Seine Statements zu Rassismus und sein Umgang mit dem Fall Özil stoßen auf Kritik. Das Problem des Verbands ist aber ein strukturelles.
Cacau (Mitte) hat 23 Länderspiele für Deutschland bestritten. Zwischen 2016 und 2021 war er Integrationsbeauftragter des DFB.

Cacau (Mitte) hat 23 Länderspiele für Deutschland bestritten. Zwischen 2016 und 2021 war er Integrationsbeauftragter des DFB.

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Christof Koepsel/ Bongarts/Getty Images

Mit dem ehemaligen Fußballnationalspieler Cacau kann man sich gut unterhalten. Cacau liest viel. Er hört sich andere Meinungen an. Und er ist niemand, der auf komplizierte Fragen einfache Antworten gibt.

Seine Eloquenz und Neugier, aber vor allem auch seine Lebensgeschichte haben den gebürtigen Brasilianer für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu einer naheliegenden und anscheinend idealen Wahl gemacht, als es 2016 darum ging, das Ehrenamt des Integrationsbeauftragten des DFB neu zu besetzen. »Wer sonst als Cacau?«, fragte der DFB damals auf seiner Homepage. DFB-Präsident Reinhard Grindel nannte Cacau einen »Glücksfall für den DFB und den gesamten deutschen Fußball«.

Und sicher: Wer könnte – auf den ersten Blick – das Thema Integration besser transportieren?

Cacau brach mit 18 aus ärmlichen Verhältnissen mit einem alkoholkranken Vater in Brasilien nach Deutschland auf, um es dort von der Landesliga bis in die deutsche Nationalelf zu schaffen. Er ließ sich 2008 einbürgern, bekam mal bei der Bürgermeister- und Bürgermeisterinnenwahl in seinem Wohnort Korb unweit von Stuttgart sechs Stimmen, obwohl er gar nicht angetreten war. Und schließlich war er Teil der WM-Mannschaft von 2010 um Mesut Özil, die der Welt ein Bild von Deutschland als eine multikulturelle Nation vermittelt hat .

Nach gut vier Jahren beendet Cacau nun seine Arbeit beim DFB. Der 39 Jahre alte ehemalige Stürmer des VfB Stuttgart ist mittlerweile Geschäftsführer einer Sportagentur , und das verträgt sich nicht mit der Satzung des DFB. Die Frage ist nun, ob das Wirken Cacaus wirklich ein Glücksfall für die Integrationsbemühungen des Verbandes war.

»Zu schwach« und »zu wenig Nachdruck«

Aus den Landesverbänden hört man auch kritische Stimmen. Cacau sei bemüht gewesen. Aber er habe wenig Ideen eingebracht und als es wirklich darauf angekommen sei, hätte er kein Profil gezeigt: »Cacau war als Integrationsbeauftragter zu schwach, er hat seine Position nicht genug ausgenutzt und zu wenig Nachdruck erzeugt«, sagt ein Funktionär, der beim DFB mit Cacau zum Thema Integration zusammengearbeitet hat. »Ich hätte mir gewünscht, dass er bei einigen Themen noch mehr nach vorn prescht.«

War Cacaus Zeit beim DFB also eher eine vertane Chance?

Vor allem beim Thema Rassismus habe Cacau oft eine zu zögerliche Haltung gehabt – und manchmal auch eine, die der Integrationsarbeit geschadet habe. Als es bei einem Länderspiel gegen Serbien im März 2019 zu rassistischen Attacken von deutschen Fans gegen die Nationalspieler Leroy Sané und Ilkay Gündogan kam, nannte Cacau dies einen Einzelfall und relativierte : »Wenn ich mit meinem Sohn auf dem Sportplatz so etwas erleben würde, würde ich mich dagegen wehren, denjenigen konfrontieren. Aber das war es dann. Ich muss es nicht größer machen, als es ist.«

Mesut Özil bestritt 96 Länderspiele für Deutschland. 2018 trat er mit Rassismusvorwürfen zurück

Mesut Özil bestritt 96 Länderspiele für Deutschland. 2018 trat er mit Rassismusvorwürfen zurück

Foto: Ina Fassbender/ dpa

In Cacaus Zeit beim DFB fiel auch der Fall Mesut Özil. Der Verband sah sich dabei schweren Vorwürfen ausgesetzt. Özil warf dem damaligen Präsidenten Grindel Rassismus vor, und dem DFB, dass er ihn in der Affäre um das gemeinsame Foto von Özil mit dem türkischen Machthaber Recep Tayyip Erdoğan nicht vor rassistischen Anfeindungen geschützt habe.

Die DFB-Spitze um Grindel und DFB-Direktor Oliver Bierhoff, die Özil indirekt eine Mitschuld am blamablen Vorrunden-Aus bei der WM gab, hatten den größten Anteil am fatalen Umgang des Verbandes mit der Affäre. Als Özil den Rassismusvorwurf gegen den Verband erhob, war auch Cacau gefragt. Als Integrationsbeauftragter hätte er Brücken bauen können. Aber er nannte das Foto »ein Eigentor« und Özil »naiv«, dass er sich für Erdoğans Wahlkampf habe instrumentalisieren lassen. Die Rassismusvorwürfe seien »einfach falsch«. Zwar habe der Verband Fehler im Umgang mit der Affäre gemacht, aber »ich sehe beim DFB kein Rassismusproblem«, sagte Cacau.

»Ich habe aus meiner Sicht immer klar Position bezogen: wie bei Özil«

In den Landesverbänden wird vor allem die Causa Özil kritisch gesehen: »Da haben seine Aussagen der Sache eher geschadet«, sagt der Funktionär.

Der Darstellung, er habe kein Profil in den wichtigen Momenten gezeigt, widerspricht Cacau im Gespräch mit dem SPIEGEL: »Ich habe aus meiner Sicht immer klar Position bezogen, wie zum Beispiel bei der Causa Mesut Özil. Für einige waren meine Aussagen nicht konform. Aber ich stehe dazu, was ich gesagt habe.« Vielleicht habe er sich nicht immer richtig ausgedrückt. »Aber eine Sache ist klar: Ich habe mich immer klar gegen Rassismus gestellt.«

»Alles, was ich in den vier Jahren zu sämtlichen Themen gesagt habe, war meine eigene Haltung und Meinung. Ich wurde nicht vom DFB dazu aufgefordert«

Cacau

Als er nach dem Rassismusvorfall beim Länderspiel 2019 sagte, man solle das nicht größer machen, sei es ihm um etwas anderes gegangen: »Dass man den Leuten nicht die Plattform gibt. Ich wurde da falsch verstanden«, sagt Cacau. Dass er zu sehr auf Linie der DFB-Spitze gewesen sei, findet er nicht: »Alles, was ich in den vier Jahren zu sämtlichen Themen gesagt habe, war meine eigene Haltung und Meinung. Ich wurde nicht vom DFB dazu aufgefordert«, sagt er.

Er habe versucht, in vielen Vorortterminen vor allem für die Basis Impulse zu geben und Ansprechpartner zu sein. Das Integrationskonzept des DFB, das schon zehn Jahre alt war, wurde überarbeitet und der Fokus auf die U-Mannschaften des DFB gelegt: »Was bedeutet es, Nationalspieler zu sein, unabhängig von den eigenen Wurzeln?«

Kaum Menschen mit Migrationshintergrund in den Gremien

Als Cacau kurz nach Ende seiner aktiven Spielerkarriere beim DFB anfingt, hatte er sich vorgenommen, ein strukturelles Problem anzugehen: die fehlende Diversität in den Gremien im Dachverband und in den Landesverbänden. »Das muss sich ändern«, sagte Cacau . »Menschen mit Migrationshintergrund müssen sehen, dass in den Vereins- und Verbandsgremien Leute von ihnen sitzen.«

Etwa jedes fünfte Mitglied des DFB hat einen Migrationshintergrund . Doch geändert hat sich auf der Entscheidungsebene wenig. Als Fritz Keller im September 2019 auf dem DFB-Bundestag zum neuen Präsidenten gewählt wurde, war bei den Wahlmännern und -frauen nur ein Mann mit Migrationshintergrund dabei. Cacau sagt heute: »Leider hat sich da zu wenig getan. Der DFB muss sich öffnen. Und es müssen sich mehr Ehrenamtler für diesen Bereich engagieren.«

Der DFB hat einiges für die Integration getan – und nicht nur Plakatives wie die Verleihung eines Integrationspreises. Vor allem in der Hochphase 2015 und 2016, als viele Menschen aus Syrien und anderen Ländern nach Deutschland flüchteten, war der Verband mit der Aktion »1:0 für ein Willkommen« eine Hilfe bei der Integration von geflüchteten Menschen . Der Fall Özil aber hat den DFB zurückgeworfen.

Cacau hat mal von einem Sprichwort erzählt, von dem er glaubt, dass es sich in seiner Arbeit als Integrationsbeauftragter bewahrheitet hat: »Ein Baum, der fällt, macht mehr Krach als ein Wald, der wächst.« In seiner Zeit beim DFB hat es einigen Krach gegeben.

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