Calmund-Interview "Völler wird seine DFB-Tätigkeit am 31. Mai 2001 beenden"

Auch Manager Reiner Calmund ist in diesen Tagen nicht zu beneiden. Das Schwergewicht von Bayer Leverkusen muss sich zu Haaranalysen und Drogen sowie zur Zukunft von Christoph Daum und Rudi Völler äußern.


Sie haben sich trotz aller Drogengerüchte um Christoph Daum immer demonstrativ vor Ihren Trainer gestellt. Umso tiefer muss Sie die Nachricht vom positiven Haartest getroffen haben ...


Ein Bild aus glücklichen Tagen in Leverkusen: Reiner Calmund (r.), Christoph Daum (M.) und Rudi Völler
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Ein Bild aus glücklichen Tagen in Leverkusen: Reiner Calmund (r.), Christoph Daum (M.) und Rudi Völler

Reiner Calmund:

Als wir das Resultat sahen, traf es uns wie ein Keulenschlag. Christoph hat sofort gemeint, das könne nicht richtig sein, da sei Manipulation im Spiel, das sei ein Komplott. Er hat sofort eine B-Probe gefordert und sich bei uns entschuldigt. Es war immer klar für ihn, dass er den Hut nehmen muss, wenn der Test positiv auffällt.


Warum hat sich Christph Daum überhaupt freiwillig dieser Haaranalyse unterzogen?


Calmund: Alle haben ihm abgeraten. Auch Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer haben Christoph auf seiner Mailbox Nachrichten hinterlassen, um ihn vor diesem Schritt zu bewahren. Er war einfach nicht zu bremsen, war und ist von seiner Unschuld überzeugt. Auf seine Initiative haben wir sogar Druck auf das Institut in Köln gemacht, weil Christoph das Ergebnis zur geplanten Aussprache am Sonntag mit Uli Hoeneß mitnehmen wollte.


Sie haben sich am Samstag von Christoph Daum getrennt, ohne auf die B-Probe zu warten..."


Calmund: Es ist sein gutes Recht, eine B-Probe zu verlangen, aber ich glaube nicht, dass sie anders aussehen wird. Die Analyse ist dreimal gegengecheckt worden. Die Trennung ist aber auch durch die arbeitsrechtliche Situation begründet. Wir können einfach nicht darüber hinwegsehen.


Seit vier Jahren arbeiten Sie mit Christoph Daum zusammen. Haben Sie nie Symptome eines Drogenkonsums bemerkt?


Calmund: Ich muss zunächst feststellen: Christoph Daum ist der erfolgreichste Trainer, der je bei Bayer gearbeitet hat. Das mit den Flackeraugen und der Sprunghaftigkeit, das ist nun mal sein Naturell. Aber er hatte stets den glasklaren Blick für die Situation, er hat stets gute Arbeit abgeliefert. Von Medizinern habe ich mir erklären lassen, dass Symptome auch bei vielen Leuten in Unternehmen und der freien Wirtschaft nicht erkennbar seien. Sie sind voll leistungsfähig und wirken völlig normal.
Ist die Trainer-Karriere von Christoph Daum damit beendet?


Calmund: Das Drogenproblem ist ein Problem der Gesellschaft, man sollte jetzt nicht den Fußball verteufeln. Wir werden die Sache ebenso überstehen wie andere auch. Im Moment geht es darum, Christoph Daum vor dem freien Fall zu bewahren. Deshalb haben wir ihn sofort ins Ausland geschickt. Dort versuchen wir, ihn und seine Familie aufzufangen. Ich bin aber überzeugt, dass er nach einer Auszeit wieder als großer Trainer seinen Platz finden wird. Das hat er verdient.


Die Trennung von Daum hat Bayer Leverkusen in ein Trainer-Dilemma gestürzt - aber auch den DFB. Teamchef Rudi Völler sitzt nun auch in Leverkusen auf der Bank. Wie wird es weitergehen?


Calmund: Rudi Völler steht bis 2003 in Leverkusen unter Vertrag und wird seine Tätigkeit beim DFB am 31. Mai 2001 beenden. Bayer hat dem DFB nach der WM in vielen Bereichen bis zur WM-Bewerbung 2006 geholfen und am Ende dafür sogar Schläge bekommen, das kann man nicht noch mal von uns erwarten. Der DFB hat genug Zeit, einen neuen Trainer zu suchen.


Das heißt: Rudi Völler wird in jedem Fall nach seiner Stippvisite beim DFB nach Leverkusen zurückkehren?


Calmund: Rudi Völler ist und bleibt unser Mann, das hat er selbst schon 299-mal betont. Wir haben bei der Nachfolge für Daum drei Modelle favorisiert, in allen spielt Rudi Völler eine wichtige Rolle. Er selbst hat nur zehn Sekunden überlegt, um Bayer dann zu helfen. Er ist noch ein Mensch mit solchen Werten. Deshalb wird er auch wie vereinbart im nächsten Jahr wieder ausschließlich in Leverkusen tätig sein.


Aufgezeichnet von Marcel Grzanna, sid



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