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28. September 2017, 17:19 Uhr

Ancelottis Ende beim FC Bayern

Der falsche Weg

Ein Kommentar von

Carlo Ancelotti ist nicht mehr Trainer von Bayern München. Die Trennung ist nachvollziehbar, der Zeitpunkt ist es nicht. An Stelle von Kurzschlusshandlungen braucht der Klub einen langfristigen Plan.

Das ging schnell: Carlo Ancelotti ist nicht mehr Trainer des FC Bayern. Das 0:3 in Paris ist dem Coach zum Verhängnis geworden. Die Maßnahme zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison ist eines europäischen Spitzenklubs unwürdig: Seit 1991 musste kein Münchner Coach mehr in der Hinrunde gehen. So dramatisch wie einst ist die Lage jetzt wahrhaft nicht. Damals hatten die Bayern gerade zu Hause 1:4 gegen die Stuttgarter Kickers verloren und standen auf Tabellenplatz zwölf.

Kein Saisonziel des FC Bayern kann im September schon verfehlt werden. Die frühe Trennung vom Meistertrainer Ancelotti wirft also einige Fragen auf: Ist die Krise des Vereins so dramatisch, dass man einen Trainerwechsel vornehmen musste? Und wie groß ist überhaupt Ancelottis Anteil an der Misere?

Ancelotti war vermutlich nicht das Hauptproblem. Unbestreitbar ist aber, dass der Münchner Fußball sich seit dem Weggang von Pep Guardiola nach und nach verschlechtert hat. Die vermeintlichen Vorzüge von Ancelotti wurden nach und nach negativer bewertet. Was wie weltmännische Lässigkeit aussah, wurde bald als Nachlässigkeit wahrgenommen. Nachdem Guardiola dafür kritisiert worden war, dreimal in Folge "nur" das Halbfinale der Champions League erreicht zu haben, schieden Ancelottis Bayern bereits im Viertelfinale aus.

Bayerns Rhythmus: Stabilisator folgt auf Revolutionär

Der Italiener war 2016 nicht geholt worden, um einen radikalen Umbruch zu vollziehen, sondern um das hohe Niveau der Mannschaft für ein paar Jahre zu verwalten. Seit Langem schon wechseln sich bei den Bayern auf dem Trainerposten Innovatoren mit Stabilisatoren ab: Auf Louis van Gaal folgte Jupp Heynckes. Dem Revolutionär Guardiola folgte Ancelotti, der das Vermächtnis des Katalanen konservieren sollte.

Dieser Plan ist nun gescheitert. Die Münchner wirken so anfällig wie seit vielen Jahren nicht mehr. Das allerdings nur Ancelotti anzulasten, ist viel zu bequem. Die Abgänge von Weltstars wie Philipp Lahm und Xabi Alonso wurden mit Spielern wie Sebastian Rudy oder Corentin Tolisso beantwortet. Gute Fußballer, aber keine Schlüsselspieler für einen Champions-League-Sieger.

In dem Maß, in dem die Transfers bescheidener wurden, versuchten die Verantwortlichen zuletzt immer stärker, diese Defizite zur Tugend zu verklären: "Wir wollen das nicht, wir können das auch nicht", sagte Karl-Heinz Rummenigge zu Großtransfers der Kategorie Neymar. Die Nominierung des auf dieser Position völlig unerfahrenen Hasan Salihamidzic für den Posten des Sportdirektors wurde als Stärkung der Vereinsidentität verkauft.

Was fehlt, ist nicht bayerische Folklore

Was Bayern aber fehlt, ist nicht mehr Folklore, sondern internationale Konkurrenzfähigkeit. Sich freiwillig zu verzwergen, indem man Spieler nur aus der Bundesliga oder von europäischen Mittelklassevereinen wie Lyon oder Benfica verpflichtet, reicht auf Dauer nicht aus. Es muss ja nicht gleich Neymar sein. Aber dass sich die Münchner einen jahrelangen Wunschspieler wie Marco Verratti von PSG offenbar nicht leisten können, ist ein Alarmsignal.

Dass die Mannschaft sich nicht ewig auf der Klasse von Arjen Robben und Franck Ribéry würde ausruhen können, ist seit Langem bekannt. Aber im Umfeld des Vereins verschwendet man Zeit mit der Diskussion, ob Thomas Müller immer spielen müsse, oder ob Guardiola zu viele Spanier einkaufe. Dabei waren Thiago und Xabi Alonso neben Robert Lewandowski die besten Einkäufe, die der Verein in den vergangenen Jahren tätigte. Seither: wenig.

Als Heynckes 1991 entlassen wurde, dauerte es zweieinhalb Jahre, bis der Klub wieder Meister werden sollte. Eine solche Konsolidierungsphase kann sich der Verein aktuell gar nicht mehr leisten. Aber wer soll den radikalen Wandel anstoßen? Seit Guardiolas Abschied hat sich der Eindruck verstärkt, dass der FC Bayern mit allen Personalien vor allem nach hinten blickt und verdienten Vereinsgrößen Posten verschafft.

Uli Hoeneß und Rummenigge waren lange positive Faktoren für die Spitzenstellung des FC Bayern. Inzwischen sieht es so aus, als bräuchte dieser Klub anderes: zum Beispiel einen Sportdirektor, der nicht nur Imagepflege betreibt, sondern eine ambitionierte internationale Transferpolitik.

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