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Bayern gegen Barça: Es muss alles passen

Foto: JOSEP LAGO/ AFP

Champions-League-Halbfinale Wie Bayern Barça gefährlich werden kann

Vorne viele Tore schießen, hinten keines kassieren: Die Bayern stehen in der Champions League gegen den FC Barcelona vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Doch der Gegner ist nicht unverwundbar. Die Taktikanalyse.

Die Ausgangslage ist klar: Der FC Bayern braucht in der Champions League nach dem 0:3-Debakel in Barcelona ein Wunder, im Halbfinal-Rückspiel (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF und Sky) müssen mindestens drei Treffer her, um eine Chance auf das Finale in Berlin zu haben. Gegen eine Mannschaft, die wettbewerbsübergreifend in den vergangenen sieben Partien kein Gegentor kassiert hat. Eine Mannschaft, die in dieser Champions-League-Saison immer mindestens einmal traf.

Der Glaube daran, dass das gelingen kann, scheint so irrational, dass nur die Hoffnung auf ein Wunder bleibt. Ein den Naturgesetzen oder der Erfahrung widersprechendes Ereignis.

Die 90 Minuten von Barcelona zeigen, wie komplex die Aufgabe ist, die den Deutschen Meister erwartet. Die Hinspiel-Formel lautete: Je offensiver die Bayern spielten, desto gefährlicher war Barça.

kicker.tv

In der Anfangsviertelstunde verteidigten die Münchner hinten zu dritt gegen Barças Angriffstrio. Das war mutig, offensiv, riskant. Und wäre beinahe schiefgegangen. Später, vor dem 0:1, versuchten die Bayern schnell auf Offensive umzuschalten. Bernat verlor den Ball bei einem Dribbling in der eigenen Hälfte, und Lionel Messi ließ seine Magie wirken.

Vor dem 0:3 befanden sich sechs Münchner im Angriff auf Höhe der gegnerischen Strafraumgrenze. Sie hatten keine Chance, rechtzeitig zurück in ihre Positionen zu gelangen, nachdem Barcelona den Ball erobert hatte. Stabil wirkten die Bayern nur dann, wenn sie es nicht darauf anlegten, selbst zu treffen.

Die Heatmap aus dem Hinspiel zeigt, dass die Münchner das Spiel die meiste Zeit über im Griff hatten, weil sie das Zentrum kontrollierten. Zu Chancen kamen sie indes kaum.

Die Heatmap aus dem Hinspiel zeigt, dass die Münchner das Spiel die meiste Zeit über im Griff hatten, weil sie das Zentrum kontrollierten. Zu Chancen kamen sie indes kaum.

Foto: Opta

Man kann sich vorstellen, wie sich Trainer Josep Guardiola in den vergangenen Tagen den Kopf zermartert hat. Selber zwingender werden und zugleich Barças Offensive ausschalten - geht das?

Zumindest ist es nicht so, dass Barcelona unverwundbar wäre:

Alle Pässe der Bayern in Barcelona: Im gesamten Spiel gelangen den Münchnern nur fünf Pässe in den gegnerischen Strafraum.

Alle Pässe der Bayern in Barcelona: Im gesamten Spiel gelangen den Münchnern nur fünf Pässe in den gegnerischen Strafraum.

Foto: Opta

  • Phasenweise verzichtet das Angriffstrio Messi/Neymar/Suárez aufs Anlaufen, wenn der Gegner aufbaut. Im Hinspiel durften Medhi Benatia und Jérôme Boateng deshalb einige Male unbedrängt passen. Vor den Chancen von Robert Lewandowski (18. Minute) und Thiago (30.) wurde Passgeber Benatia jeweils nicht attackiert.

Torschussvorlagen von Barcelonas Gegnern in der Champions Lague: Wenn was ging, dann über außen. Von den Flügeln bereitete manche Mannschaft den Katalanen Probleme.

Torschussvorlagen von Barcelonas Gegnern in der Champions Lague: Wenn was ging, dann über außen. Von den Flügeln bereitete manche Mannschaft den Katalanen Probleme.

Foto: Opta

  • Die Außenstürmer arbeiten nicht konsequent mit nach hinten. Dadurch verteidigt Barça häufig mit vier Abwehr- und drei Mittelfeldspielern, sodass nur schwer die gesamte Feldbreite abgedeckt werden kann. So fehlt es mitunter an Kompaktheit, es ergeben sich Freiräume in der Defensive, wenn auch nur für wenige Sekunden. Um das zu nutzen, muss zunächst die erste Defensivreihe überwunden werden.
  • Bei Standards sind die Katalanen anfällig. Bei der 2:3-Niederlagen in Paris in der Gruppenphase kassierte Barça je ein Tor nach Freistoßflanke und Ecke. In den beiden Ligaspielen gegen Real (1:3 und 2:1) hatte man sowohl nach gegnerischen als auch bei eigenen Eckbällen Probleme - bei letzten wurde man mehrfach ausgekontert. Die Bayern deuteten an, zumindest einige dieser Schwächen offenlegen zu können. Scharf gespielte Flachpässe in die Lücken der Barça-Formation hatten das Potenzial, dem Gegner wehzutun. Die Münchner hatten damit keinen Erfolg, weil im Anschluss die Laufwege der Offensivspieler nicht passten. Vor allem Bastian Schweinsteiger bewegte sich nicht gut.

Denkbar ist, dass Guardiola die Anfälligkeit auf den Seiten ausnutzen will, um zu Flanken oder zumindest zu Standardsituationen zu kommen. Es wird wichtig sein, mehr Eckbälle zu erzwingen als die drei im Hinspiel. Fokus auf die Flügel, viele Standardsituationen - auf ähnliche Weise gelang Bayern bereits der Turnaround gegen Porto, als fünf der sechs Tore auf diese Weise vorbereitet wurden.

Mischung aus Geduld und Explosivität

Während er seine Mannschaft auf das Rückspiel gegen Barcelona vorbereitete, wird Guardiola jedoch weniger an jenes Viertelfinal-Duell mit den Portugiesen gedacht haben als an das 0:4 gegen Real Madrid in der vergangenen Saison. Auch damals liefen die Bayern einer Hinspiel-Niederlage (0:1) hinterher, auch damals gehörte der Gegner, wie Barcelona, zu den konterstärksten Mannschaften der Welt.

Guardiolas Team schien damals zu glauben, dass nur so viele Profis so schnell wie möglich in den gegnerischen Strafraum eindringen müssten, dann würde es schon klappen mit dem Sieg. Angriffe wurden nicht so behutsam aufgebaut, wie Guardiola es liebt. Weder Gegner noch eigene Elf wurden in Stellung gebracht, um im Falle eines Fehlers ausreichend abgesichert zu sein. Es war ein Desaster für die Bayern. Der Trainer wird alles versuchen, damit sich ein solcher Kamikaze-Akt nicht wiederholt. Auf Ballbesitz und Kontrolle komme es an, sagte Guardiola am Montag.

Die Bayern werden eine Mischung aus Geduld und Explosivität in den richtigen Momenten benötigen. Dann könnte es zumindest spannend werden. Dass es zu mehr reicht, ist höchst unwahrscheinlich. In der Geschichte des Europacups kamen Mannschaften, die das Hinspiel 0:3 verloren, nur in 6,3 Prozent aller Fälle weiter. Und dass es ausgerechnet gegen das derzeit wohl beste Team mitsamt dem besten Angreifer gelingen soll, ist schwer zu glauben. Aber das haben Wunder so an sich.

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