Vollgestopfter Fußballkalender 2020/2021 Nur englische Wochen bis Weihnachten

Europas Fußball soll im August wieder auf allen Ebenen starten. Für Nationalspieler bedeutet das: drei Spiele pro Woche, bis Jahresende. Ein Experte warnt vor der Überlastung.
So könnte nach SPIEGEL-Recherche der Rahmenterminkalender bis Ende des Jahres aussehen

So könnte nach SPIEGEL-Recherche der Rahmenterminkalender bis Ende des Jahres aussehen

Karl-Heinz Rummenigge ist seit Jahren bekannt dafür, Länderspiel-Ansetzungen zu kritisieren. Der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München hat die Interessen seines Klubs zu wahren, viele seiner Profis sind Nationalspieler und bei Länderspielen drohen Verletzungen oder zumindest eine erhöhte Belastung. So ist es wenig verwunderlich, dass sich Rummenigge einen Tag nach umfangreichen Uefa-Entscheidungen zu Terminen der kommenden Saison äußert.

"Ich halte es eigentlich für nicht gut, was da gerade diskutiert wird, und hoffentlich noch nicht final beschlossen worden ist", sagte Rummenigge im ZDF-Morgenmagazin. Dabei prangerte der 64-Jährige an, dass der Europäische Fußballverband für Anfang September zwei Nations-League-Spieltage der Nationalmannschaften bestätigt hat. Das DFB-Team wird demnach am 3. September gegen Spanien und drei Tage später gegen die Schweiz spielen - eigentlich mit zahlreichen Bayern-Spielern.

Ob Manuel Neuer, Leon Goretzka oder Joshua Kimmich dann tatsächlich von Bundestrainer Joachim Löw nominiert werden, hängt auch vom Erfolg der Bayern in der Champions League ab. Sollte der Deutsche Meister das Achtelfinale gegen Chelsea überstehen (Hinspiel 3:0 für den Bundesligisten), wird es in Lissabon ein Finalturnier mit möglicherweise drei weiteren Spielen für die Bayern geben. Rummenigge fordert im Anschluss "mindestens zwei Wochen Urlaub" für die Spieler.

Nationalspieler ohne Pause bis Weihnachten

Doch die beiden Nations-League-Spieltage im September sind Teil eines viel größeren Problems. Noch im April hatte die Uefa betont, die nationalen Ligen sollten bei der Bewältigung der Coronakrise gegenüber den europäischen Wettbewerben und Länderspielen Vorrang haben - mit der gestrigen Entscheidung agiert der Verband konträr. Die Verschiebung der Champions League in den August sorgt für einen so engen Spielkalender, dass die Belastung der ohnehin schon überstrapazierten Profis so stark zunehmen wird, dass für Nationalspieler des FC Bayern bis Ende des Jahres nur englische Wochen anstehen würden.

Auf Nationalspieler Joshua Kimmich vom FC Bayern kommen anstrengende Wochen zu

Auf Nationalspieler Joshua Kimmich vom FC Bayern kommen anstrengende Wochen zu

Foto: Bernd König/ imago images/Bernd König

"Ohne Pause bis Weihnachten durchzuspielen, hat eine neue Qualität", sagt Daniel Memmert dem SPIEGEL. Er ist geschäftsführender Leiter des Instituts für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das sind die Spieler nicht gewohnt. Wer sich da anpassen kann, wird besser zurechtkommen." Memmert glaubt aber auch: "Es könnte Verletzungen in kleinerer Taktung geben." Diese Streitfrage wurde bereits bei der Fortsetzung der Bundesliga im Mai thematisiert und wird durch den angepassten Spielkalender nicht kleiner werden. Die Antwort des Weltverbands Fifa lautet bisher: fünf Auswechslungen pro Spiel.

Bundesligastart am 11. September?

Am Beispiel der Bayern lässt sich gut aufzeigen, was Nationalspielern in den kommenden Monaten bevorsteht: Die Münchner werden die Bundesligasaison am 27. Juni beenden, eine Woche später am 4. Juli steht das Pokalfinale gegen Bayer Leverkusen an. Die Spieler, die auch während der Corona-Pause nahezu durchgängig trainiert haben, erhalten dann einen zwölftägigen Urlaub, um sich im Anschluss auf die Champions League vorzubereiten. Diese endet im Idealfall am 23. August mit dem Finale in Lissabon.

Sollte es im Anschluss zwei Wochen Urlaub geben, fallen die Profis für die Nations League (3. bis 8. September) aus, allerdings steht laut Rummenigge bereits am 11. September auch schon wieder der erste Bundesligaspieltag der neuen Saison an. Bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) denken sie derzeit noch über diesen Termin nach. Entschieden ist noch nichts. Am kommenden Montag tritt die DFL-Mitgliederversammlung zusammen. Da soll es um die TV-Rechtevergabe gehen, womöglich wird dann aber auch über den Saisonstart debattiert.

Was kalendarisch folgen wird, sind zwei weitere Fifa-Abstellungen mit jeweils bis zu drei Länderspielen, sechs Gruppenspieltage in der Champions und Europa League sowie 16 Bundesligaspieltage - und das nur, wenn es im Dezember zwei weitere englische Wochen geben sollte. Alle nationalen Termine sind unbestätigt und wurden vom SPIEGEL informell so in den Kalender eingefügt, dass möglichst viele Bundesligaspieltage absolviert werden können. Denn im Juni nächsten Jahres steht bereits die verschobene EM 2021 an, und die Saison kann nicht beliebig ausgedehnt werden.

Ab Januar 2021 wird das Problem deshalb nicht kleiner werden. Eine Winterpause wird in dieser Termindichte kaum zu integrieren sein - zumal in dem Konstrukt bis Dezember nur eine DFB-Pokalrunde eingefügt ist. In den anderen europäischen Topligen - mit jeweils zwei Teams mehr - wird der Druck sogar noch größer sein. In England, Italien und Spanien werden die laufenden Ligen erst im Juli oder Anfang August beendet.

Mentale Belastung ist größer als die körperliche

Memmert rechnet damit, dass die Topklubs ihre Kader "massiv vergrößern" werden. Ob das in den finanziell schwierigen Corona-Zeiten möglich ist, werden die kommenden Wochen zeigen. "Die physiologische Belastung ist immens", sagt der Trainingswissenschaftler. "Da werden die Fitnesstrainer gefordert sein, um das Training anders zu dosieren. Das werden die Spieler aber hinbekommen." Wichtiger sei bei einem so stark veränderten Rhythmus der Kopf.

"Wenn man das mal durchdenkt, sind die Spieler nur noch im Hotel", sagt Memmert. "Ich würde empfehlen, mehr Eigenverantwortung zuzulassen. Die Spieler sollten beispielsweise vor Heimspielen zu Hause schlafen - denn sie brauchen ihr soziales Umfeld, ihre Familien und ihre Freundeskreise."

Passend zu den Entscheidungen der Uefa wurde am Donnerstag bekannt, dass sich in Deutschland rund 70 Spielerinnen und Spieler zu einem Bündnis zusammengeschlossen haben, um ihre Interessen besser vertreten zu können. In diesem Fall könnte es zu spät sein. Es sei denn, die Uefa verzichtet beispielsweise auf die Nations League oder streckt das Achtelfinale der Champions League nicht wie bisher über vier Wochen im Februar und März, um dann womöglich ein oder zwei Gruppenspieltage ins Jahr 2021 ziehen zu können.

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