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Fotostrecke: Milan, Maß aller Dinge

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Titelverteidiger-Fluch in Champions League Mailands Mauer

Real Madrid unternimmt den nächsten Versuch, den Champions-League-Titel zu verteidigen. Das ist zuletzt vor 27 Jahren dem großen AC Mailand geglückt - mit einer schier unbezwingbaren Abwehr.

Am Abend des 22. Mai 1990 haben wahrscheinlich nicht viele, die dabei waren, geglaubt, einem historischen Ereignis beizuwohnen. Das Endspiel im Europapokal der Landesmeister zwischen AC Mailand und Benfica Lissabon war kein Spiel, das lange im Gedächtnis bleibt. Frank Rjjkaard machte für Milan das 1:0-Siegtor, und als Anekdote taugt höchstens, dass der Schiedsrichter der Partie im Wiener Prater der Österreicher Helmut Kohl war, was man im Nachhinein als Hommage an den Kanzler der Einheit im Jahr 1990 interpretieren könnte.

Und doch wurde an diesem Abend Geschichte geschrieben. Milan hatte nämlich mit diesem 1:0 den Titel aus dem Vorjahr verteidigt. Das sollte bis heute niemandem mehr in der Champions League gelingen. Real Madrid unternimmt am Samstagabend gegen Juventus (20.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV ZDF) einen erneuten Anlauf, den Fluch der Titelverteidigung zu brechen. Seit 1980, seit Nottingham Forest, hat es nur dieser AC Mailand geschafft, die größte europäische Vereinstrophäe zweimal in Folge zu gewinnen.

Denkt man an die Mailänder Elf von damals, wird sie vor allem mit dem niederländischen Dreieck verbunden. Frank Rijkaard in der Abwehrzentrale, Ruud Gullit in der Spielmacherrolle, Marco van Basten, der Vollstrecker. Ein geniales Trio, das Oranje zwei Jahre zuvor zum EM-Titel gebracht hatte.

An diesem 22. Mai konnte das Trio allerdings noch nicht ahnen, dass ausgerechnet ihr Lebensmittelpunkt Mailand ihnen einen Monat später die größte Enttäuschung ihrer Karriere bescheren würde. Die Niederlande schieden im denkwürdigen WM-Achtelfinale gegen Deutschland aus, Rijkaard flog vom Platz, Van Basten bekam keinen Stich, und statt von Gullit sprach anschließend alles von Guido Buchwald. Und das Allerschlimmste: Im Team des Siegers standen mit Jürgen Klinsmann, Lothar Matthäus und Andreas Brehme drei Spieler vom ungeliebten Lokalrivalen Inter.

Vier Synonyme für Vereinstreue

Aber das eigentliche Prunkstück dieser Mailänder Mannschaft des Trainers Arrigo Sacchi und des Präsidenten Silvio Berlusconi stand hinten auf dem Platz. Die drei Niederländer waren nach ein paar beeindruckenden Jahren schließlich wieder weg aus Mailand, aber diese vier italienischen Recken in der Abwehr, sie sind Milan-Inventar geworden. In der Ruhmeshalle der AC Mailand stehen vier Namen und vier Zahlen: Mauro Tassotti, 428 Liga-Spiele für Milan, Alessandro "Billy" Costacurta, 458 Spiele, Franco Baresi, 532 Spiele, Paolo Maldini, 647 Spiele. Vier Namen als Synonyme für Vereinstreue.

Der elegante Franco Baresi, "Franz" gerufen, weil er auf dem Platz so stolzierte wie weiland Beckenbauer, gleichzeitig konnte er im Zweikampf so austeilen wie der Terrier Berti Vogts. Der leichtfüßige Paolo Maldini, Sohn der Spieler- und Trainerlegende Cesare Maldini, schon der Vater hatte fast 350 Ligapartien für Milan auf dem Rücken, aber sein Sohn überstrahlte ihn. 1990 war er ein Jungspund von 22 Jahren und spielte dennoch schon im fünften Profijahr bei Milan. Ein Jahrhundertverteidiger.

Beschirmt von den beiden robusten Sekundanten Tassotti und Costacurta, mit Rijkaard als dem kreativen Aufbauspieler, bildete diese Defensive die Basis, auf der sich die Offensiven Gullit, Van Basten und Carlo Ancelotti, schon damals mit ersten grauen Schläfen bedacht, austoben konnten. Die den Sacchi-Fußball spielen konnten, der in ganz Europa bewundert wurde, weil er so unitalienisch, schön aussah und doch auf uritalienischen Qualitäten beruhte: Taktische Raffinesse und rigorose Disziplin.

Baresi, der Großmeister der Disziplin

Der Großmeister der Disziplin war Baresi, sein älterer Bruder Giuseppe und er spielten als junge Kerle zum Probetraining bei Inter Mailand vor, Inter entschied sich für Giuseppe (der dann auch fast 400 Serie-A-Spiele für Inter machte) und hielt Franco für körperlich unreif. "Franz" ging daraufhin zum Lokalrivalen Milan und wurde zur Legende. So wie der junge Beckenbauer sich von den Münchner Löwen schlecht behandelt fühlte und stattdessen zu den Bayern überwechselte. Franz und Franz.

Bei der WM 1994 zog sich Baresi im zweiten Gruppenspiel einen schweren Meniskusschaden im Knie zu, der operiert werden musste. "Der tragische Abschluss einer großen Karriere", schrieb die "Berliner Zeitung" nach der Partie. Im Endspiel stand er wieder auf dem Platz.

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Baresis Trikotnummer sechs ist bis heute ein Tabu bei Milan, Baresi, der noch mit dem großen Gianni Rivera in einer Mannschaft stand, er war die Ruhe selbst. So oft wird im Sportjournalismus vom Abwehrchef gesprochen. Er hat diesen Ausdruck wirklich verdient gehabt, die Grazie des alten Libero rettete er in die neue Zeit hinein. Baresi, der tiefenentspannt mit seinen Nebenleuten die Abseitsfalle aufbaute, mit denen die vier dort hinten die Gegner zur Verzweiflung brachten.

Milan ist heute gehobenes Mittelmaß in Italien, die Meisterschaft hat das Team als Sechster abgeschlossen, nach Rang sieben im Vorjahr, wieder konnte der Klub sich nicht für die Champions League qualifizieren. Milan gewann nicht nur 1989 und 1990 die Königskrone, sondern danach noch dreimal, unter anderem und vor allem 1994, als man Johan Cruyffs FC Barcelona in Grund und Boden konterte, eins der größten Spiele der Milan-Geschichte.

Ein Jahr später dann verlor Milan als Favorit das Endspiel gegen Ajax Amsterdam. Da war der Fluch des Titelverteidigers schon in der Welt.