Ajax-Sieg bei Tottenham Mehr als jung und wild

Ajax Amsterdam wird für seinen begeisternden Offensivfußball gefeiert. Und das zu Recht. Doch im Champions-League-Halbfinale bei Tottenham Hotspur zeigte das Team von Erik ten Hag auch andere Qualitäten.

Ajax Amsterdam jubelt
Frank Augstein / dpa

Ajax Amsterdam jubelt

Aus London berichtet


Nach dem Schlusspfiff waren die niederländischen Medienvertreter bester Laune, die "ihren" AFC Ajax zum Hinspiel des Champions-League-Halbfinals nach London begleitet hatten. Viele von ihnen wollen oder können sich eben nicht von Nationalstolz frei machen. Erst recht nicht, wenn das eigene Team gerade wieder seinem Ruf als sympathischer, erfolgreicher Underdog gerecht geworden ist und 1:0 bei Tottenham Hotspur gewonnen hat.

Einen kleinen Moment der Enttäuschung gab es für die Journalisten dann aber doch. Als Ajax-Pressesprecherin Sophie Moerman ihnen in der Mixed Zone mitteilte, dass Siegtorschütze Donny van de Beek vorerst nicht für Interviews zur Verfügung stehen würde: "Doping, sorry!"

Die Auswahl der auf verbotene Substanzen getesteten Spieler erfolgt nach dem Zufallsprinzip. Aber man hätte es den Verantwortlichen nicht verdenken können, wenn sie sich van de Beek absichtlich herausgepickt hätten. Der Mittelfeldspieler zeigte in der ersten halben Stunde all das, was Ajax in dieser Saison so stark macht: Van de Beek gewann im Gegenpressing Bälle, kreierte so Torchancen und suchte selbst schnell den Abschluss.

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Champions League: Ajax siegt bei den Spurs

Dabei tauchte der 22-Jährige überall auf dem Platz auf. Das schien die Spurs-Defensive so zu verwirren, dass sie van de Beek in der 15. Minute komplett aus den Augen verlor. Frei vor Hugo Lloris konnte er sich die Ecke aussuchen. Das Tor fiel nach einer dieser wunderbaren Ajax-Kombinationen, denen in den vorherigen Runden schon Real Madrid und Juventus zum Opfer gefallen waren - allerdings auch in einer Phase, in der Tottenham keinerlei Gegenwehr leistete.

"Meine Mannschaft hat in der ersten halben Stunde nicht die Energie auf den Platz gebracht, die wir uns erhofft hatten", sagte der unterlegene Spurs-Trainer Mauricio Pochettino. Das änderte sich erst nach den dramatischen Szenen um Tottenham-Verteidiger Jan Vertonghen, der sich bei einem Zusammenprall mit seinem Mannschaftskollegen Toby Alderweireld schwer verletzte.

Pochettino machte aus der Not eine Tugend, stellte seine Abwehr von Fünfer- auf Viererkette um und brachte für den verletzten Vertonghen mit Moussa Sissoko einen zusätzlichen Mittelfeldspieler. Durch dessen körperliche Präsenz in der Zentrale fiel es den Gästen in der Folge nicht mehr so leicht, im Pressing Überzahl zu erzeugen und dadurch Bälle zu gewinnen. "Die zweite Hälfte gibt uns Hoffnung für das Rückspiel", sagte Pochettino.

Ajax kann auch anders

Die Hoffnungen der Spurs aufs Finale sind nachvollziehbar. Zumal im Rückspiel am kommenden Mittwoch (21 Uhr, TV: Sky und Dazn, Liveticker: SPIEGEL ONLINE) ihr formstärkster Stürmer Son Heung-Min von seiner Gelbsperre zurückkehren wird. Im Viertelfinale hatte der Koreaner Manchester City fast im Alleingang aus dem Wettbewerb geschossen.

Doch zur Wahrheit gehört auch, dass sich Tottenham aller Überlegenheit zum Trotz im zweiten Durchgang kaum Großchancen erspielte. Und der Grund dafür ist, dass Ajax mehr ist als nur junger, wilder Hurra-Fußball. Gäste-Trainer Erik ten Hag, der seiner Mannschaft einen scheinbar bedingungslosen Offensivstil eingeimpft hat, bewies gegen die Spurs, dass er auch anders kann.

"Opportunistisch" wie Juve und Atlético

Als ten Hag merkte, dass sich durch die Hereinnahme Sissokos die Kräfteverhältnisse im Mittelfeld verschoben, zog er sein Team weiter zurück. Anstatt hoch anzulaufen und zu attackieren, machte Ajax das letzte Drittel dicht. Mittelfeldmotor Frenkie de Jong, der gegen den Ball normalerweise aggressiv agiert, stand in der zweiten Hälfte tiefer, um die Verteidigung zu unterstützen und vor allem Christian Eriksen nicht gefährlich zum Abschluss kommen zu lassen.

Der Plan ging in weiten Teilen auf. Ajax drängte die Spurs immer wieder aus der Zentrale auf die Außen. Von dort segelten reihenweise Flanken in die Arme des starken Amsterdamer Schlussmanns André Onana. "Ich bin hochzufrieden mit meiner Mannschaft", sagte ten Hag: "Es ist eine sehr gute Ausgangsposition für das Rückspiel."

Die Leistung seines Teams in der zweiten Hälfte nannte er "opportunistisch" - ein Begriff, den man in den vergangenen Jahren für die erfahrenen und abgezockten Abwehrrecken von Juventus oder Atlético Madrid verwendet hat, nicht aber für die jungen Vollgas-Fußballer aus Amsterdam. "Wir können das in der einen oder anderen Situation noch ruhiger und konzentrierter spielen, aber der Kampfgeist hat gestimmt."

"Das können wir auch"

Über die vergebenen Konterchancen im zweiten Durchgang ärgerte sich der Trainer nicht. Obwohl zumindest das 2:0 möglich gewesen wäre, als David Neres zwölf Minuten vor Schluss nach einer tollen Kombination nur den rechten Pfoten traf. Insgesamt wirkte ten Hag nach dem Spiel so souverän wie während der 90 Minuten, die er fast ausschließlich mit verschränkten Armen am Spielfeldrand stehend verbracht hatte.

Nur eine Frage während der Pressekonferenz lockte den Ajax-Trainer dann doch kurz aus der Reserve. Ein britischer Journalist wollte wissen, ob sich ten Hag vorstellen könne, während des Spiels eine ähnlich drastische Systemumstellung vorzunehmen, wie Pochettino das bei den Spurs getan hatte. Ten Hag fragte dreimal nach, weil er glaubte, sich verhört zu haben. Dann antwortete er: "Wir wussten, dass Tottenham sehr flexibel ist und verschiedene Systeme spielen kann. Darauf waren wir eingestellt, und das können wir auch. Wir haben heute bewiesen, dass wir sehr gut verteidigen können."

Tottenham Hotspur - Ajax Amsterdam 0:1 (0:1)
0:1 van de Beek (15.)
Tottenham: Lloris - Alderweireld, Sánchez, Vertonghen (39. Sissoko) - Wanyama - Trippier (79. Foyth), Eriksen, Dele, Rose (79. Davies) - Llorente, Lucas Moura
Ajax: Onana - Veltman, de Ligt, Blind, Tagliafico - Schöne (65. Mazraoui), de Jong - Ziyech (87. Huntelaar), van de Beek, Neres - Tadic
Schiedsrichter: Antonio Miguel Mateu Lahoz
Gelbe Karten: - / Tagliafico, Veltman
Zuschauer: 60.000 (ausverkauft)

insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
kajoter 01.05.2019
1.
Bei aller Begeisterung sollte man nicht vergessen, dass die Spurs auf ihre beiden besten Stürmer verzichten mussten.
-volver- 01.05.2019
2. @ nr 1
Absolut richtig. Trotzdem hat Ajax, besonders beim 1:0, eine eigentlich kompakt stehende defensive spielerisch toll überwunden. Das hätten wohl auch die beiden stürmer nicht verhindert. Tottenham hatte sogar glück, nicht das zweite tor zu kassieren. Ajax zeigt, dass die oft betonte Erfahrung in der CL überbewertet ist. Am Ende kommt es in vielen fällen dann doch darauf an, wer den besseren fussball spielt. Teams wie ajax retten den fussball als Sportart.
ardbeg17 02.05.2019
3.
...und dieses perfekte Team war in der Gruppe nur 2. Nur mal als Anmerkung, wie verschieden das Gleiche bewertet werden kann.
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