Malmö-Trainer Jon Dahl Tomasson in der Champions League Als Spieler war er ein Star, jetzt trainiert er den größten Außenseiter

Jon Dahl Tomasson hat die Champions League als Spieler gewonnen, in Dänemark ist er eine Fußball-Ikone. Nun ist der frühere Torjäger als Trainer tätig – und er hofft auf ein »Märchen« gegen die ganz Großen.
Jon Dahl Tomasson hat das Sagen bei Malmö FF

Jon Dahl Tomasson hat das Sagen bei Malmö FF

Foto: ANDREAS L ERIKSSON / Bildbyran / imago images

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Alljährlich, wenn die Champions League in ihre Gruppenphase startet, schauen die Sportredaktionen nach den zwei, drei Klubs, die nicht in das übliche Beuteschema der Königsklasse zu passen scheinen. Die Vereine jenseits von Manchester City, Real Madrid, Bayern München und PSG.

Mitte September, das ist der Zeitpunkt vor dem ersten Spieltag, an dem man noch die Vereinsporträts der Außenseiter beschreiben kann, spätestens mit der K.-o.-Runde sind diese Teams dann aus dem Wettbewerb zumeist verschwunden. Und die ManCitys und Real Madrids sind wieder unter sich.

Jon Dahl Tomasson kennt beide Seiten. Als Spieler war er Teil der Beletage, mit dem AC Mailand stand er zweimal im Endspiel der Champions League, einmal hat er es gewonnen, einmal verloren.

»Der größte Klub Skandinaviens«

Jetzt ist er 45 Jahre alt, kein Spieler mehr, sondern Trainer, und jetzt gehört er zu den großen Außenseitern. Er ist der Trainer von Malmö FF.

Die Schweden sind in ihrer Heimat ein Gigant, Tomasson sagt sogar, man sei »der größte Klub in Skandinavien«, aber was heißt das schon im europäischen Maßstab? Skandinavien ist seit Langem nicht mehr auf der Landkarte der Großvereine in Europa. Malmö qualifizierte sich zuvor 2016 das letzte Mal für die Champions League, und wenn sie mal dabei waren, haben sie meistens verloren.

Bei den letzten zwölf Partien der Malmöer Champions-League-Historie waren zehn Niederlagen. Eine so schlechte Bilanz gibt es bei den Teams, die mindestens zehn Champions-League-Spiele haben, sonst nur bei Rapid Wien und Maccabi Tel Aviv.

64 Tore in einer Saison

Tomasson kennt all diese Zahlen, sie sind ihm aber egal, Schnee von gestern. Der Trainer verweist lieber darauf, dass Malmö in der Vorsaison in 30 Spielen 64 Tore auf dem Weg zur Meisterschaft erzielte. Dass Malmö allein in der Qualifikation zur Königsklasse 13 Treffer erzielte, dass man mit Glasgow Rangers und Ludogorets Razgrad höher eingeschätzte Mannschaften aus dem Weg räumte.

Wie das mit dem Toreschießen geht, das hat Tomasson immer schon gewusst. Mit 52 Treffern in der dänischen Nationalelf hält er immer noch den Landesrekord, 112 Mal trug er das dänische Nationaltrikot, jahrelang war er der Kapitän der Dänen, 42 Mal spielte er in der Champions League mit Newcastle United, Feyenoord Rotterdam und dem AC Milan unter Trainer Carlo Ancelotti.

Sein Gastspiel in der Bundesliga beim VfB Stuttgart gehörte zwar zu den wenig rühmlichen, aber Tomasson ist eine Fußball-Ikone. In den Niederlanden, wo er mit Feyenoord Meister und Uefa-Cup-Sieger wurde, fast so sehr wie in seiner Heimat Dänemark.

Tomasson als Milan-Torjäger

Tomasson als Milan-Torjäger

Foto: Buzzi / imago images

Jetzt arbeitet er daran, sich diesen Status auch in Schweden zu verdienen. Drei Jahre lang hatte FF in Schweden auf den Meistertitel gewartet, das ist für die Verhältnisse des Vereins eine kleine Ewigkeit, dann übernahm Tomasson 2020 den Klub, übrigens als Nachfolger des Deutschen Uwe Rösler. Am Ende der Spielzeit hatte Malmö FF neun Punkte Vorsprung vor dem zweiten.

Juventus, Chelsea, Zenit

»Ich hatte ein paar große Trainer in meiner Laufbahn, Ancelotti, Manuel Pellegrini, Bert van Marwijk, Leo Beenhakker, von allen bin ich inspiriert worden«, hat Tomasson dem Portal »Stats Perform« gesagt. Tomasson hat sich als Trainer hochgearbeitet, er war Co-Trainer in den Niederlanden bei Excelsior Rotterdam und Vitesse Arnheim, Excelsior war auch seine erste Station als Cheftrainer. Zuletzt assistierte er bei der dänischen Nationalmannschaft.

Wie viel er wirklich von den Großen der Zunft gelernt hat, das kann sein Team am Dienstagabend beweisen. Dann geht es im heimischen Eleda Stadion in der Champions League gleich mal gegen Juventus Turin (21 Uhr, Stream: Dazn).

Juventus, der FC Chelsea als Titelverteidiger, dazu Zenit Sankt Petersburg, da ist die Rolle Malmös als wahrscheinlicher Vierter in der Gruppe festgelegt. »Das sind große Klubs, wir müssen realistisch sein«, sagt der Trainer auf der einen Seite. Und dann kommen doch Sätze wie: »Wir werden dieses Märchen leben.«

Schon als Kapitän in Dänemark sei er »eine Art Trainer gewesen, man hat eine besondere Verantwortung, man beginnt das Spiel anders zu denken«, sagt er. Zudem verweist er auf seine Biografie als Profi in der niederländischen Ehrendivision.

Kader ist noch jung

»Holland ist ein Land, das es liebt, junge Fußballer zu entwickeln«. Sein früherer Coach Foppe de Haan habe ihn oft mitgenommen zu Fußballspielen, um sie auf der Tribüne zu beobachten: »Er brachte mich früh dazu, Spiele zu analysieren.«

Junge Spieler zu entwickeln, dazu hat Tomasson bei Malmö genug Gelegenheit. 15 Spieler im Kader sind 25 Jahre oder jünger, zu den Leistungsträgern zählen der 22-jährige Serbe Veljiko Birmancevic und der 22-jährige Bosnier Anel Ahmedhodzic. Dazu kommt der Torjäger Antonio Colak.

Der Kroate, der in Ludwigsburg geboren ist und seine Profijahre unter anderem bei 1899 Hoffenheim und dem 1. FC Nürnberg verbracht hat, erlebt mit 27 Jahren in Schweden einen zweiten Frühling. In der Qualifikation hat Colak allein fünfmal getroffen.

Aber das ist auch kein Wunder: Was Toreschießen angeht, hat er derzeit den besten Lehrmeister.

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