Wolfsburg siegt dank Schürrle Der Anderthalb-Tore-Joker

André Schürrle war beim Wolfsburger Sieg in Moskau der Mann des Abends. Ob er aber nach seiner Glanzleistung bessere Chancen auf einen Platz in der Startelf hat, ist fraglich: Er etabliert sich gerade als idealer Einwechselspieler.

Aus Moskau berichtet


Eine schwarze Wollmütze auf dem Kopf, einen schwarzen Schal um den Hals geschlungen, trat André Schürrle aus dem Kabinentrakt des Moskauer Chimki-Stadions, und die Spannung war groß, wie seine Analyse des gerade zu Ende gegangenen Champions-League-Spiels ausfallen würde. Schürrle war schließlich der entscheidende Mann beim 2:0-Erfolg über ZSKA gewesen, mit dem sich der VfL Wolfsburg an die Spitze der Vorrundengruppe B gesetzt hat und im abschließenden Spiel gegen Manchester United am 8. Dezember nur einen Punkt zum Achtelfinal-Einzug braucht.

Normalerweise haben Fußballer viel zu erzählen nach einer guten Leistung, doch Schürrle wollte keine Fragen beantworten. "Nein, nein. Ich sage nichts!", rief er auf dem Weg zum Mannschaftsbus. Schade eigentlich, aber nicht so schlimm. Der Nationalspieler hatte zuvor ja schon seine Füße sprechen lassen.

Nach einer guten Stunde hatte Trainer Dieter Hecking Schürrle eingewechselt, um ein festgefahrenes Spiel aufzubrechen. Die Wolfsburger waren überlegen, kamen aber kaum zu Chancen, weil im Spiel nach vorn Inspiration und Überraschungsmomente fehlten. ZSKA stand weitgehend sicher und war bei gelegentlichen Angriffen durchaus gefährlich. Zoran Tosic hätte beinahe die Führung erzielt, sein Schuss klatschte an den Innenpfosten und von dort zurück ins Feld. "Wir haben Moskau mit unseren Fehlern Mut gemacht und Glück gehabt", sagte Sportchef Klaus Allofs später.

Glück und eben Schürrle, der nach seiner Einwechslung - ja, wie oft eigentlich traf?

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Wolfsburgs Sieg in Moskau: Doppelpack von Schürrle
Das 1:0 in der 67. Minute erkannte ihm die Uefa wieder ab und wertete es als Eigentor von Moskaus Torwart Igor Akinfeev, der den Ball nach Schürrles Versuch aus spitzem Winkel ins Netz gelenkt hatte. Beim 2:0 in der 88. Minute nach Vorarbeit von Sebastian Jung gab es keine Zweifel an Schürrles Urheberschaft. Trainer Hecking sprach davon, dass Schürrle seine Leistung "mit zwei Toren gekrönt" habe und äußerte den Wunsch, "dass die Uefa darüber nachdenkt, André auch das erste Tor zu geben". Sportchef Allofs war der gleichen Ansicht: "Für mich hat er ganz klar zwei Tore erzielt."

Ob nun ein, anderthalb oder zwei Treffer: In Moskau erlebte Schürrle das für ihn erfreulichste Spiel seit seinem Wechsel vom FC Chelsea Anfang Februar. Er pendelt beim Pokalsieger zwischen Startelf und Ersatzbank, schoss bisher nur ein Bundesliga-Tor. Viel zu wenig, gemessen an seinem Kaufpreis von 30 Millionen und dem Titel als Weltmeister, den er seit Sommer führt.

Die Verantwortlichen des VfL haben lange Geduld gehabt mit Schürrle, hatten darauf hingewiesen, dass es auch bei Kevin De Bruyne gedauert habe, bis seine Qualitäten zur Entfaltung kamen, er zum besten Vorbereiter der Liga aufstieg und für 75 Millionen Euro zu Manchester City wechselte. Als bei Schürrle auch in der neuen Saison keine Fortschritte erkennbar waren, verschärfte sich der Ton. Er spiele nicht am Limit, man erwarte mehr, müsse fördern und fordern, sagten Trainer Hecking und Sportchef Allofs.

"Wir haben immer gesagt, dass er seine Stärken hat"

Hinter diesen Worten steckte eine klare Botschaft: Die Schonfrist ist vorbei. So langsam könnte Schürrle bitte damit anfangen, seine Ablösesumme zurückzuzahlen. Und tatsächlich geht es schrittweise aufwärts: Beim Pokal-Aus gegen den FC Bayern schoss er den Ehrentreffer zum 1:3-Endstand, beim 6:0 am Wochenende gegen Bremen bereitete er zwei Tore vor, jetzt der entscheidende Beitrag zum Erfolg in der Moskauer Eiseskälte, alles als Einwechselspieler. "Wir haben auch immer gesagt, dass wir an ihn glauben und dass er seine Stärken hat", sagte Allofs.

Die Kritik der vergangenen Wochen sollte wohl als Ansporn gedacht sein, nicht als finales Urteil. Ob Schürrle seine Stärken künftig öfter von Beginn an zur Geltung bringen kann, ist unklar. Er etabliert sich in diesen Tagen als idealer Joker, als der Spieler, den Trainer Hecking in der zweiten Halbzeit einwechseln kann, wenn die Kollegen müde werden oder die Widerstandskraft der gegnerischen Verteidigung schwindet.

Das müsse kein Makel sein, kein Zeichen der Geringschätzung, findet Allofs, schließlich seien die Ersatzspieler nicht nur dazu da, die Mannschaft aufzufüllen: "Wer von der Bank kommt, wird in der Hoffnung gebracht, etwas zu bewegen."

Das gelang Schürrle zuletzt ziemlich gut.

ZSKA Moskau - VfL Wolfsburg 0:2 (0:0)
0:1 Akinfeev (Eigentor, 67.)
0:2 Schürrle (88.)
Moskau: Akinfejew - Fernandes, Berezutskiy, Ignaschewitsch (46. Vasin), Nababkin (75. Natcho) - Dsagojew (90. Pantschenko), Wernbloom - Tosic, Milanov, Musa - Doumbia
Wolfsburg: Benaglio - Träsch, Naldo, Dante, Schäfer - Guilavogui, Arnold - Vieirinha, Caligiuri (61. Schürrle) - Dost (86. Bendtner), Kruse (81. Sebastian Jung)
Schiedsrichter: Gianluca Rocchi
Zuschauer: 16.450
Gelbe Karten: Musa, Fernandes, Wernbloom (2), Natcho

insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
petzipex 26.11.2015
1.
Schürrle war schon immer ein genialer Joker, bzw. Einwechselspieler! Wie schon z. B. im WM-Finale, der tolle Pass auf Götze :-)
braindead0815 26.11.2015
2. die kunst der deutschen
immer alles schönzureden. kein profifußballer, auch wenn er 5 tore als einwechselspieler schießt, will ständig von der bank kommen. jeder fußballer weiß wie geil es ist, von anfang zu spielen und wie dumpf und deprimierend es ist, wenn der trainer die mannschaftsaufstellung bekannt gibt und man nicht bei den ersten 11 genannt wird. alles andere ist "schmarn". auch ein allofs hätte sich geärgert, wenn er nur einwechselspieler gewesen wäre.
TscheffichheißeTscheff 26.11.2015
3. Schönreden
Zitat von braindead0815immer alles schönzureden. kein profifußballer, auch wenn er 5 tore als einwechselspieler schießt, will ständig von der bank kommen. jeder fußballer weiß wie geil es ist, von anfang zu spielen und wie dumpf und deprimierend es ist, wenn der trainer die mannschaftsaufstellung bekannt gibt und man nicht bei den ersten 11 genannt wird. alles andere ist "schmarn". auch ein allofs hätte sich geärgert, wenn er nur einwechselspieler gewesen wäre.
In der Kunst des Schönredens ist der ewig mäkelnde Deutsche nun wirklich kein Experte. Sieht man ja auch an Ihnen. Allerdings hapert es da auch mit dem Zwischen-denZeilen-lesen, dem Qualität-anerkennen und dem Geschickt-mit-den-Medien-umgehen. Go Wölfe!
Andreas58 26.11.2015
4. ein gutes Spiel genügt nicht
was Schürrle in den letzten Monaten abgeliefert hat, war eine Katastrophe, und er war zu Recht auf der Bank. Ich freue mich allerdings darüber, dass es nun offensichtlich wieder bergauf geht.
adrianhb 26.11.2015
5. RE: Die Kunst der Deutschen
Zitat von braindead0815immer alles schönzureden. kein profifußballer, auch wenn er 5 tore als einwechselspieler schießt, will ständig von der bank kommen. jeder fußballer weiß wie geil es ist, von anfang zu spielen und wie dumpf und deprimierend es ist, wenn der trainer die mannschaftsaufstellung bekannt gibt und man nicht bei den ersten 11 genannt wird. alles andere ist "schmarn". auch ein allofs hätte sich geärgert, wenn er nur einwechselspieler gewesen wäre.
Wenn ein Spieler gegen abgekämppfte Gegner und mit abgekämpften Mitspielern besonders effektiv und kreativ spielt und dabei variabel einsetzbar ist, dann ist es sehr clever, diesen Spieler oft einzuwechseln. Und der ist dann mehr Wert als jeder Spieler der Startelf. Und professionell ist, den Wert dieser Strategie/Taktik anzuerkennen und durch gezieltes Training auszubauen.
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