Leverkusens Sieg gegen Atlético Ohne Hilfe geht es nicht

Bayer Leverkusen feiert den ersten Sieg der Champions-League-Saison. Doch auch gegen Atlético Madrid zeigte sich, warum der Klub in der Europa League besser aufgehoben ist.

Kevin Volland hatte bei seinem Treffer Glück, dass Atléticos Mario Hermoso eine Hereingabe durchrutschen ließ
FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX

Kevin Volland hatte bei seinem Treffer Glück, dass Atléticos Mario Hermoso eine Hereingabe durchrutschen ließ

Aus Leverkusen berichtet


Einen kurzen Moment wirkten selbst die Leverkusener Spieler überrascht von ihrem Glück. So richtig wussten sie wohl auch nicht, wen sie bejubeln sollten, denn der Torschütze kam mal wieder aus den gegnerischen Reihen. Also liefen Sven Bender und Jonathan Tah zum Vorlagengeber Charles Aránguiz, dessen Hereingabe Atléticos Thomas kurios ins eigene Tor geköpft hatte (41. Minute).

Es war der Treffer zur Führung, am Ende gewann Bayer Leverkusen 2:1 (1:0) gegen Atlético Madrid. Die Chance aufs Achtelfinale bleibt minimal, aber sie bleibt nach dem ersten Leverkusener Sieg in dieser Champions-League-Saison. Es geht doch, könnte man denken. Warum nicht vom ersten Spieltag an so? Was wäre nur möglich gewesen? Allerdings zeigte auch dieser erste Erfolg: In der K.-o.-Runde der Europa League ist diese Mannschaft deutlich besser aufgehoben. Nur dort hat sie international gute Chancen.

Ja, Leverkusen kontrollierte die Partie gegen Atlético größtenteils. "Wir haben es sehr lange sehr gut gemacht", sagte Kevin Volland. Gerade defensiv zeigte Bayer eine gute Leistung. Aber wenn ein besonders kurioses Eigentor nach einer Ecke fällt und dieser Treffer dennoch symbolisch für die Leverkusener Torgefahr am Mittwochabend steht, dann sagt das doch einiges über das Offensivspiel dieses Teams aus.

Leverkusen nur bei Ecken oft gefährlich

Denn wirklich gefährlich wurde Leverkusen nur nach Kerem Demirbays stark getretenen Eckbällen, und dann in den meisten Fällen durch Spieler der Madrilenen: Kurz vor dem 1:0 hatte Felipe den Ball an die Latte des eigenen Tors (38.) geköpft. In der zweiten Hälfte unterlief Thomas fast sein zweites Eigentor, diesmal wurde sein verunglückter Kopfball über mehrere Stationen neben den Pfosten gelenkt (77.).

Schon bei der Niederlage in Madrid hatte Bayer trotz ordentlicher Leistung Probleme gehabt, Chancen zu kreieren. Am Mittwoch kam Leverkusen aus dem Spiel heraus nur zu zwei klaren Gelegenheiten. In der ersten Hälfte scheiterte Volland an Atléticos Torwart Jan Oblak (21.), nach der Pause vollstreckte er zum 2:0 (55.). Nach gut 324 Champions-League-Minuten hatte erstmals in dieser Saison ein Leverkusener Spieler ein Tor erzielt. Auch beim 1:2 zum Auftakt der Gruppenphase gegen Lokomotive Moskau war dem Gegner ein Eigentor durch den Ex-Schalker Benedikt Höwedes unterlaufen.

Nun ist Atlético bekannt für seine Defensivstärke. Das Team von Trainer Diego Simeone hatte in den vergangenen zehn Pflichtspielen nur drei Gegentore kassiert. Trotzdem kamen die Gastgeber auch deshalb zu selten in gefährliche Räume, weil sie zu unüberlegt spielten.

Bellarabi rennt sich fest

Sinnbildlich dafür stand Karim Bellarabi. Auf der rechten Außenbahn rannte er sich regelmäßig fest, scheiterte wenn nicht am ersten, dann am zweiten Spieler. Im Gegenpressing agierte er dann oft plump, löste Drucksituationen durch unnötige Fouls aus. Außerdem versuchte Bellarabi es in zahlreichen Situationen mit unvorbereiteten, überhasteten Flanken - auch wenn es solche Versuche waren, nach denen beide Tore fielen. Aber in beiden Szenen profitierte Bayer von schweren Fehlern des Gegners.

Mit seinem Kopfball ins eigene Tor leitete Thomas den Leverkusener Sieg ein
AP Photo/Martin Meissner

Mit seinem Kopfball ins eigene Tor leitete Thomas den Leverkusener Sieg ein

Erst holte Bellarabi die Ecke heraus, die zu Thomas' Eigentor führte, als er Renan Lodi aus kürzester Distanz mit einem Flankenversuch einfach anschoss. Vor dem 2:0 spielte Bellarabi von weit außen flach in die Mitte, obwohl Volland im Zentrum von zwei Spielern bewacht wurde. Nur weil Mario Hermoso die Hereingabe durchrutschen ließ, wurde die Aktion zur Torvorlage. "Spielglück", nannte Bayer-Torwart Lukas Hradecky das.

Im Fußballjargon ist bei solchen Toren oft die Rede davon, dass eine Situation erzwungen wurde. Tatsächlich muss Leverkusen solche Szenen ruhiger ausspielen, um Chancen wirklich zu erzwingen und ihre Entstehung nicht dem Zufall zu überlassen. Eigentlich ist der Mannschaft eine solche Spielweise zuzutrauen. Aber Bayer, in der Liga derzeit nur Zehnter, konnte die hohen Erwartungen, wie der Kader sie in fast jedem Sommer weckt, auch in dieser Saison bislang nicht erfüllen.

Hradecky rettet Bayer

Dass Leverkusen die Partie in der Schlussphase innerhalb weniger Minuten fast noch aus der Hand gab, passt ins Bild. Nadiem Amiri sah für ein hartes, unnötiges Einsteigen im Mittelfeld an der Außenline die Rote Karte (84.). Nur weil Hradecky in der fünften Minute der Nachspielzeit den Ausgleich durch Álvaro Morata verhinderte, reichte es für den knappen Sieg. Das direkte Duell mit Atlético hat Leverkusen durch Moratas ersten Treffer (90.+3) nun aber verloren.

Für ein Weiterkommen muss Leverkusen gegen Moskau und Juventus gewinnen, während Atlético gegen beide Gegner insgesamt nur einen Punkt holen darf. Ein äußerst unwahrscheinliches Szenario. In der Zwischenrunde der Europa League wiederum würde Bayer gegen viele Gegner als Favorit ins Spiel gehen.

Um aber überhaupt Platz drei und damit die Europa League zu erreichen, sollte Leverkusen in Moskau gewinnen. Dafür muss Trainer Peter Bosz die Offensive verbessern. Auf Spielglück und weitere Eigentore des Gegners kann sich Leverkusen jedenfalls nicht mehr verlassen.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Klangstof 07.11.2019
1. Da hilft keine Pille...
Leverkusen bleibt immer ein Rätsel. Die haben so viel Talent und Offensivwucht im Kader, aber egal ob Bosz, Herrlich, Schmidt an der Seitenlinie stehen, die Diagnose für die Bundesliga und Europacup generell ist einfach: Keine Konstanz auf hohem Niveau! Atlético und Juve sind andere Gewichtsklassen. Dass Leverkusen von der vorhandenen Qualität in der EL besser aufgehoben wäre, teile ich als Schlussfolgerung, aber eine Garantie gibt es dort nicht, dass man ins HF oder Finale kommen würde, denn am Ende streiten auch dort Topmannschaften um den Pott....Arsenal, Chelsea, Valencia und meine glorreiche Eintracht waren im Halbfinale der letzten Saison....um dort hinzugelangen benötigt man insgesamt 12 Spiele. Erst das 14. Spiel ist das Finale....das ist ein elendiger Marathon und falls Leverkusen in die EL rutscht, also ins Sechzehntelfinale, warten dort auch erstmal hochmotivierte Gegner. Leverkusen muss noch nach Moskau und hat Juve zu Gast. Ich denke, den direkten Vergleich mit Moskau werden sie verlieren (Tipp Remis) und Juve ist auch extrem unangenehm zu bespielen. Wenn sie es doch in die EL schaffen, dann warten dort eben auch einige Kaliber und ein langer Weg, um Glanz und Gloria zu erlangen!
hileute 07.11.2019
2. El
ist doch sowieso das einzige noch erreichbare Ziel. Durch den Sieg reicht gegen Moskau auch ein einfaches 1:0, da nicht mehr auf den direkten Vergleich geachtet werden muss, das ist sehr wichtig. PS: kleiner nebenfakt: alle 4 deutschen Mannschaften haben diesen Spieltag in der cl gewonnen, die meisten gegen gleichwertige Gegner, das darf ruhig mal lobend erwähnt werden, gab's bestimmt nicht oft
Nonvaio01 07.11.2019
3. das dachte ich gestern abend auch
Zitat von hileuteist doch sowieso das einzige noch erreichbare Ziel. Durch den Sieg reicht gegen Moskau auch ein einfaches 1:0, da nicht mehr auf den direkten Vergleich geachtet werden muss, das ist sehr wichtig. PS: kleiner nebenfakt: alle 4 deutschen Mannschaften haben diesen Spieltag in der cl gewonnen, die meisten gegen gleichwertige Gegner, das darf ruhig mal lobend erwähnt werden, gab's bestimmt nicht oft
alle 4 teams gewonnen.....
Joachim Franz 07.11.2019
4.
Zitat von KlangstofLeverkusen bleibt immer ein Rätsel. Die haben so viel Talent und Offensivwucht im Kader, aber egal ob Bosz, Herrlich, Schmidt an der Seitenlinie stehen, die Diagnose für die Bundesliga und Europacup generell ist einfach: Keine Konstanz auf hohem Niveau! Atlético und Juve sind andere Gewichtsklassen. Dass Leverkusen von der vorhandenen Qualität in der EL besser aufgehoben wäre, teile ich als Schlussfolgerung, aber eine Garantie gibt es dort nicht, dass man ins HF oder Finale kommen würde, denn am Ende streiten auch dort Topmannschaften um den Pott....Arsenal, Chelsea, Valencia und meine glorreiche Eintracht waren im Halbfinale der letzten Saison....um dort hinzugelangen benötigt man insgesamt 12 Spiele. Erst das 14. Spiel ist das Finale....das ist ein elendiger Marathon und falls Leverkusen in die EL rutscht, also ins Sechzehntelfinale, warten dort auch erstmal hochmotivierte Gegner. Leverkusen muss noch nach Moskau und hat Juve zu Gast. Ich denke, den direkten Vergleich mit Moskau werden sie verlieren (Tipp Remis) und Juve ist auch extrem unangenehm zu bespielen. Wenn sie es doch in die EL schaffen, dann warten dort eben auch einige Kaliber und ein langer Weg, um Glanz und Gloria zu erlangen!
Konstanz haben sie im Europacup gewisser Maßen schon. In den letzten 10 Jahren spielte Bayer 8mal Europapokal, wobei sie zumindest das Ausscheiden nach der Gruppenphase vermieden haben, sind dann aber in der nächsten oder übernächsten Runde ausgeschieden. 6 Mal im CL/EL-Achtelfinale und 2 Mal in der EL-Zwischenrunde. In der CL hießen die AF-Gegner Barcelona, PSG und Atletico, in der EL Benfica, Villarreal und Krasnodar. Egal also ob übermächtige CL-Gegner oder gleichwertige EL-Gegner, im Achtelfinale ist spätestens Schluss. Die Hoffnung, dass Bayer04 trotz Spitzenpositionen in der BL in der EL mal was bringt, habe ich schon vor Jahren aufgegeben.
marcel_m 08.11.2019
5.
Zitat von Joachim FranzKonstanz haben sie im Europacup gewisser Maßen schon. In den letzten 10 Jahren spielte Bayer 8mal Europapokal, wobei sie zumindest das Ausscheiden nach der Gruppenphase vermieden haben, sind dann aber in der nächsten oder übernächsten Runde ausgeschieden. 6 Mal im CL/EL-Achtelfinale und 2 Mal in der EL-Zwischenrunde. In der CL hießen die AF-Gegner Barcelona, PSG und Atletico, in der EL Benfica, Villarreal und Krasnodar. Egal also ob übermächtige CL-Gegner oder gleichwertige EL-Gegner, im Achtelfinale ist spätestens Schluss. Die Hoffnung, dass Bayer04 trotz Spitzenpositionen in der BL in der EL mal was bringt, habe ich schon vor Jahren aufgegeben.
Wobei in der Saison 2016/17 Bayer Leverkusen final nur auf Position 12 rangierte. In der Relation darf mit Atletico also tatsächlich von einem "übermächtigen CL-Gegner" gesprochen werden. Der Knockout im Europa-League-Achtelfinale gegen Villarreal in 2016 war der eines leichten Außenseiters, bedenkt man die Klasse der spanischen Liga. Theoretisch sind die CL-Achtelfinals für Bayer 04 als 3. bis 5. in der Liga leistungsgerecht, weil im Viertelfinale 8 Slots am wahrscheinlichsten die jeweils ein bis drei qualifiziertesten Teams pro Top-5-Liga belegen. Durch eine Mannschaft in der Europa League eliminiert zu werden, die nicht einmal in der russischen Premjer-Liga zur absoluten Spitze gehört, ist natürlich zu wenig.
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