Pleite gegen Manchester Bayers Rückfall in schlimmste Zeiten

Was für eine Klatsche! Bayer Leverkusen hat sich in der Champions League gegen Manchester United blamiert - ausgerechnet bei dem Spiel, das Millionen im Free-TV verfolgten. Für die Bemühungen, den Club als attraktive Marke darzustellen, ist das ein herber Rückschlag.

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Aus Leverkusen berichtet


Michael Schade war blass, als er nach seinem bislang wohl furchtbarsten Abend als Geschäftsführer von Bayer Leverkusen durch die Gänge der Arena hastete. Eine flüchtige Handbewegung signalisierte, dass er für Interviews nicht zur Verfügung stehe, das Entsetzen stand dem Clubchef ins Gesicht geschrieben.

Schade, der Anfang Oktober Wolfgang Holzhäuser beerbt hatte, sprach in den Wochen vor diesem grausamen 0:5 gegen Manchester United immer davon, die Fußballmarke Bayer Leverkusen in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Er will den Club in Asien populär machen, sein Plan sieht vor, das selten ausverkaufte Stadion besser auszulasten. So gesehen war dieser Abend nicht nur sportlich desillusionierend, er ist zum PR-Desaster geworden.

Denn wer will schon irgendwo in Japan oder China Fan von einem Club werden, der auf internationalem Niveau derart hilflos wirkt? Sportdirektor Rudi Völler sprach von einer "Blamage", Bayer Leverkusen habe es "nicht geschafft, auf diesem Niveau mitzuhalten". Und die Herren können diese höchste Europapokal-Heimniederlage noch nicht einmal als einmaligen Ausrutscher deklarieren.

Erinnerungen an das Debakel gegen Barcelona

Als Bayer zum letzten Mal in der Champions League spielte, schied der Club mit einem 1:3 im Heimspiel und einem anschließenden 1:7 beim FC Barcelona aus dem Wettbewerb aus. Gegen große Namen entwickelt dieses Team eine merkwürdige Unterwürfigkeit, eine Selbstergebenheit, die sich kein professionelles Fußballteam erlauben kann.

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Und zu allem Überfluss war dieses Spiel jetzt auch noch im frei empfangbaren Fernsehen gezeigt worden, "diese Gelegenheit haben wir verpatzt", meinte Kapitän Simon Rolfes, dessen Vorgesetzte ja immer wieder darüber klagen, dass die großen deutschen Champions-League-Teilnehmer aus Gelsenkirchen, Dortmund und München fast die gesamte Aufmerksamkeit absorbieren. Nun stand während der ersten Free-TV-Übertragung aus Leverkusen endlich mal Bayer im Mittelpunkt, und dann lässt sich das Team so eine "Lehrstunde" verpassen, wie Trainer Sami Hyypiä sagte.

Rund 20 Minuten hielten die Leverkusener mit, bis ein leichtfertiger Ballverlust von Stefan Reinartz das 0:1 einleitete. "Das geht gar nicht", sagte der Mittelfeldspieler selbstkritisch, Antonio Valencia vollendete den Konter zur Führung für die Engländer. Schlimmer noch als dieser furchtbare Fehler war aber, wie die Leverkusener sich danach ergeben haben, gegen einen Gegner, der in dieser Saison bislang nicht als besonders brillantes Spitzenteam aufgefallen ist.

Mentalitätsdebatte kommt wieder auf

Nach dem 0:2, einem Eigentor von Innenverteidiger Emir Spahic, habe dann die Leidenschaft "völlig gefehlt", so Rolfes, und natürlich flammte wieder einmal die alte Leverkusener Mentalitätsdebatte auf, die einfach nicht auszurotten ist an diesem Standort.

Völler glaubt, es handele sich um eine "Kopfsache", die Mannschaft schaffe es "einfach nicht, auf diesem Niveau mitzuhalten", schon beim 1:1 gegen den FC Bayern vor wenigen Wochen war Bayer 90 Minuten lang demontiert worden. Nur dass das Team von Josep Guardiola die sagenhafte Überlegenheit seinerzeit nicht in fünf Treffer umsetzte. Manchester war nun effizienter, alleine Stürmer Wayne Rooney bereitete drei Tore vor, Ömer Toprak sprach geradezu ehrfurchtsvoll von einem "Klassenunterschied".

Wobei genau dieses Selbstbild zum Problem gehört, das die Leverkusener einfach nicht gelöst bekommen. "Ich hoffe, dieses Spiel ist gut für die Zukunft", meinte Hyypiä, aber dieses Erlebnis kann auch Schäden hinterlassen. Denn die Ursache für die Niederlage liegt weniger in den fußballerischen Fähigkeiten als im fragilen Selbstvertrauen dieses Teams. Und das wird sich nicht stärken lassen mit den Erkenntnissen dieses Abends.

Und dennoch haben die Leverkusener noch ganz gute Chancen, das Achtelfinale zu erreichen. Wenn Manchester am finalen Spieltag gegen Donezk gewinnt, reicht dem Werksclub ein Unentschieden in San Sebastián. Und sollten die Ukrainer einen Punkt in England holen, würde Bayer mit einem Sieg weiterkommen. Das ist keineswegs unmöglich, wird dann aber wieder im Pay-TV stattfinden. Jenseits des grellen Scheinwerferlichtes, in dem Bayer Leverkusen sich so gerne mal als richtig spannender Fußballclub präsentieren würde. Das ist am Mittwoch gründlich schief gegangen.

insgesamt 104 Beiträge
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PeterPaulPius 28.11.2013
1. Sascha Lewandowski
Zitat von sysopREUTERSWas für eine Klatsche! Bayer Leverkusen hat sich in der Champions League gegen Manchester United blamiert - ausgerechnet bei dem Spiel, das Millionen im Free-TV verfolgten. Für die Bemühungen, den Club als attraktive Marke darzustellen, ist das ein herber Rückschlag. http://www.spiegel.de/sport/fussball/champions-league-bayer-verliert-gegen-manchester-united-0-5-a-936070.html
Da muss sich aber auch der Trainer langsam mal hinterfragen. So ein Trainerschein light und eine Karriere auf der 4 in Finnland und England ergibt wohl taktisch nicht genug Erfahrung. Der Kopf in dem im Sommer gesprengten Trainerduo scheint wohl eher doch der mit dem richtigen Trainerschein gewesen zu sein.
NochNeMeinung 28.11.2013
2. willensschwach
Und trotzdem gibt es immer noch Leute, die nicht verstehen können, warum Löw Typen wie Kiesling nicht in der Nationalmannschaft haben möchte. Denen sei u. a. nochmal ein Blick auf die Körpersprache der Protagonisten empfohlen.
LarsLondon 28.11.2013
3. Erfahrung braucht Zeit
Das ist nicht nur fuer Vizekusen peinlich, sondern fuer den deutschen Fussball insgesamt. Der Tabellenzweite laesst sich derart abschiessen. Die Mannschaft sollte mal ein paar Jahre Erfahrung in der Europa League sammeln und sich dort die erforderliche mentale Staerke antrainieren, bevor es dann auch mal gegen die "Grossen" geht!
argonaut-10 28.11.2013
4. Wütend
war ich, als ich dieses Spiel mit anschauen musste. Da ich selbst noch Fussball spiele, weiß ich, was Einsatz bewirken kann. Manche Spieler würde ich glatt wegen Arbeitsverweigerung suspendieren. Rolfes hat gut gespielt, auch Kießling kann man nicht allzu viel vorwerfen, Leno sowieso nicht... aber der Rest der Mannschaft... eine Katastrophe umschreibt das Gesehene noch milde.
cmann 28.11.2013
5. Soviel zum Thema
Zitat von sysopREUTERSWas für eine Klatsche! Bayer Leverkusen hat sich in der Champions League gegen Manchester United blamiert - ausgerechnet bei dem Spiel, das Millionen im Free-TV verfolgten. Für die Bemühungen, den Club als attraktive Marke darzustellen, ist das ein herber Rückschlag. http://www.spiegel.de/sport/fussball/champions-league-bayer-verliert-gegen-manchester-united-0-5-a-936070.html
"nahe am BvB oder Bayern"! Einen klareren Beweis für dei Selbstüberschätzung einiger selbsternannter "Top Vereine" gibt es wohl nicht. Die Niederlagen gegen MU und Chelsea zeigen ganz deutlich dass Leverkusen und auch Schalke noch Meilenweit vom Niveau des BvB oder der Bayern entfernt sind! Mit solchen "Leistungen" angeblicher deutschen Spitzenmannschaften verliert der "Rest Europas" wieder den Respekt vor dem deutschen Fußball!
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