Champions-League-Remis der Bayern in Salzburg München ist eine Baustelle

Schlechtes Positionsspiel, mangelnde Kommunikation – und dann noch Uneinigkeit bei Transferfragen. Rund um das 1:1 in Salzburg offenbaren sich die Probleme des FC Bayern.
Aus Salzburg berichtet Florian Kinast
Thomas Müller mit einer am Mittwoch typischen Pose

Thomas Müller mit einer am Mittwoch typischen Pose

Foto: Sven Hoppe / dpa

Im Unterrang, Block 106, Reihe 1, herrschte großer Andrang. Thomas Müller hatte gerade seine letzten Fernsehinterviews gegeben und war auf dem Weg zurück in die Kabine, als sich einige Dutzend Zuschauer in Stellung brachten für ein Selfie. Müller blieb geduldig stehen und gab manch einem nervösen Fan noch hilfreiche Tipps für die richtige Position und den perfekten Winkel für das Bild. Bei einigen Zuschauern klappte das eben nicht auf Anhieb.

So wie auch beim FC Bayern am Mittwoch vieles nicht funktionierte und es lange dauerte bis zum erlösenden Glücksmoment. Bis zum Ausgleich in der neunzigsten Minute zum 1:1 bei RB Salzburg.

Natürlich, nach dem garstigen 2:4 in Bochum war dieses Unentschieden kein neuerliches Debakel, keine Blamage. Bei deutlicher spielerischer Überlegenheit, bei 72 Prozent Ballbesitz, bei 22:11 Chancen war der Last-Minute-Treffer von Kingsley Coman hochverdient, man sah eine bessere Mannschaft als am Samstag.

Aber man sah noch lange nicht den FC Bayern, wie man ihn kennt und wie er sich selbst gerne darstellt. Und erst recht keinen FC Bayern, der in dieser Verfassung als Anwärter auf den Gewinn der Champions League die internationale Konkurrenz in Angst und Schrecken versetzt. So spielen sich die Bayern gerade aus dem Favoritenkreis.

Erstaunliche Häufung an Ausrutschern

»Es ist nicht das, was man beim FC Bayern sehen will«, sagte Trainer Julian Nagelsmann nach Spielende. »Nicht medial, nicht von Fanseite, nicht klubintern.«

Das Spiel in Salzburg offenbarte ganz grundsätzliche Probleme, die den Klub, die Julian Nagelsmann gerade beschäftigen. Es geht um falsche Entscheidungen, fehlenden Konkurrenzkampf, um mangelnde Kommunikation und langfristig auch um dringend nötigen Konsens bei Transferfragen. Eine gemeinsame Philosophie, auf die sich die Verantwortlichen derzeit allem Anschein nach nicht einigen können. Die Bayern arbeiten gerade an vielen offenen Baustellen.

Mochten in der Hinrunde Spiele wie die Pokal-Schmach von Gladbach (0:5) und zwei Liga-Niederlagen gegen Augsburg und Frankfurt (je 1:2) noch als verschmerzbar eingeordnet werden, so mutet die Häufung der Ausrutscher mittlerweile erstaunlich an. Nur drei Siege aus den sechs Pflichtspielen im jungen Kalenderjahr 2022. Was da schiefläuft? Einiges.

Da hakt es etwa in der Abwehr. Der in Bochum indisponierte Dayot Upamecano blieb am Mittwoch zwar auf der Bank, dafür patzten andere. Vor Salzburgs Führungstor etwa schien die Situation erst gar nicht gefährlich, die Münchner waren in Überzahl, 5:3 an Spielern. Und trotzdem stand es dann 0:1 an Toren. »Das war gar nicht schwer zu verteidigen«, murrte Nagelsmann, »wir hätten schnell Zugriff kriegen können. Von der Anzahl waren wir super, nur von der Positionierung nicht. Da waren wir nicht giftig genug.«

Es wird zu wenig geredet

Klare Ansagen an das Defensiv-Trio um Lucas Hernández, der sich von Karim Adeyemi viel zu leicht überspielen ließ, an Niklas Süle und Benjamin Pavard, die in der Entstehung vor dem Treffer durch Adamu zu passiv herumstanden. Das große Manko dabei: die fehlende Kommunikation, die nicht vorhandenen Ab- und Ansprachen in der Abwehr. »Da müssen wir im Coaching noch deutlich zulegen«, so Nagelsmann.

Es ist tatsächlich viel zu ruhig geworden in der Verteidigung, Pavard, Süle, Hernández, oft wirkt es, als mache jeder sein Ding, als redeten sie gar nicht miteinander. An Abenden wie diesem in Salzburg wird dann eben doch deutlich, wie die klaren und laut vernehmbaren Ansagen eines unumstrittenen Abwehrchefs David Alaba dem FC Bayern gerade fehlen.

Es war ein intensives Spiel, festgehalten in dieser Momentaufnahme

Es war ein intensives Spiel, festgehalten in dieser Momentaufnahme

Foto: PHILIPP GUELLAND / EPA

Dazu gesellen sich bedenkliche Probleme im Spielaufbau. Von einem erneut eher mittelmäßigen Joshua Kimmich ging ebenso wenig Spielwitz aus wie von Corentin Tolisso. Viel zu viele Ballverluste von Leroy Sané und Serge Gnabry, hektische Pässe ohne gegnerischen Druck. Unforced Errors.

Thomas Müller sprach später dazu von »falschen Entscheidungen«. Obwohl sie bei viel Platz und großen Räumen dank einer erstaunlich zurückgezogenen Salzburger Defensive auch viel Zeit gehabt hätten, richtig zu entscheiden. Früher ging das ja auch mal besser.

»Wir sind derzeit nicht im Flow«

Wie sehr den Bayern gerade das souveräne Selbstverständnis abhandengekommen ist, war bei Joshua Kimmich herauszuhören. Er brachte wieder das in solchen Phasen gern gehörte Wort der »Mentalität« ins Spiel. Dass man eben genau die brauche. »Wir dürfen nicht denken, das geht jetzt in der Bundesliga wieder alles von alleine«, sagte er in Richtung Sonntagsspiel gegen Fürth. »Wir sind derzeit nicht im Flow.«

Wohl auch deswegen nicht, weil gerade im Personal der Druck fehlt, wie Nagelsmann schon am Dienstag erkennen ließ. Aufgrund zahlreicher Verletzungen könne sich ja »der ein oder andere auch ziemlich sicher sein, dass er spielt«, so der Bayern-Trainer. »Es entsteht dann nicht immer die nötige Reibung.«

Joshua Kimmich in Nöten

Joshua Kimmich in Nöten

Foto: ANDREAS GEBERT / REUTERS

Solch eine neue Konkurrenzsituation würde man erzeugen, indem man neue Spieler holt, doch da erklärte Nagelsmann erstaunlich offen, dass er sich zuletzt intern mit Klubchef Kahn und Sportvorstand Salihamidžić auf Neuverpflichtungen nicht verständigen konnte.

Die harten Brocken warten noch

»Es muss einen gemeinschaftlichen Konsens bei allen beteiligten Personen geben, der war aber im Winter nicht da und deshalb haben wir nichts gemacht.« Und weiter: »Es bringt nichts, wenn der Brazzo einen Spieler will, aber ich nicht. Oder wenn ich einen Spieler will, aber der Olli nicht.« Umso dringender, dass sie sich dann im Sommer bei anstehenden Verpflichtungen für die neue Saison einig werden – was freilich in dieser Spielzeit nichts mehr hilft. Da müssen sie mit dem zurechtkommen, was sie gerade haben. Was gar nicht so schlecht ist, aber im Moment gar nicht so gut spielt.

Mitte Februar über plötzliche Verunsicherung in einer europäischen Spitzenmannschaft zu sprechen, über fehlenden Flow, über schlechtes Stellungsspiel und falsche Entscheidungen, das ist wahrlich kein guter Zeitpunkt – vor den drei entscheidenden Monaten der Saison. Für Salzburg mag solch eine Leistung vielleicht im Rückspiel noch reichen. Dann kommen andere Mannschaften. Paris. Real. Man City. Liverpool.

Bevor Julian Nagelsmann in den Bus stieg, um auf der eineinhalbstündigen Heimfahrt nach München bereits in die erste Video-Analyse einzusteigen, sagte er noch einen recht unmissverständlichen Satz: »Um in Europas Elite mithalten zu können, haben wir noch etwas zu tun.«

Dem wollte nach diesem Abend niemand mehr widersprechen.

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