Bayern-Sieg in Moskau Wenn der Jubel gefriert

Geisterspiel? Das denn doch nicht: Ein paar Bayern-Fans hatten es clever geschafft, sich das Match gegen ZSKA Moskau, bei dem Zuschauer verboten waren, vor Ort anzuschauen. Froh machte der Sieg aber selbst die Münchner nicht.
Von Sebastian Winter
Bayern-Sieg in Moskau: Wenn der Jubel gefriert

Bayern-Sieg in Moskau: Wenn der Jubel gefriert

Foto: Peter Kneffel/ dpa

Karl-Heinz Rummenigge ging mies gelaunt aus der Khimki-Arena Richtung Bus. Trotz des 1:0-Siegs seines FC Bayern bei ZSKA Moskau. Er hatte nun auch noch Stress, das Flugzeug wartete, der Zeitplan war eng getaktet. Zuvor hatte der Vorstandsvorsitzende kundgetan, wie er dieses besondere Champions-League-Gruppenspiel erlebt hatte. "Das ist eine Premiere für mich in 40 Jahren. Keine Atmosphäre, keine Emotionen, ich habe das Spiel als langweilig empfunden." Heftige Worte.

Rummenigge war immerhin einer von rund 500 Privilegierten gewesen, die sich die Partie auf der Haupttribüne ansehen durften - die Uefa hatte wegen rassistischer Beleidigungen durch ZSKA-Fans in der Vorsaison die Begegnung eigentlich zum "Geisterspiel" erklärt.

Die Atmosphäre passte dann auch eher zu einem Regionalliga-Kick. Ganz geisterhaft ging die Partie allerdings nicht über die Bühne. Vor dem Stadion skandierten ZSKA-Sympathisanten ihre Parolen, drinnen saßen weit mehr Zuschauer als eigentlich gedacht.

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Den Vereinen standen nur jeweils 75 Tickets durch die Uefa zu. Der europäische Fußballverband hatte demnach offenbar viele Champions-League-Honoratioren zu der Partie eingeladen, was auch Rummenigge seltsam fand: "Es ist schon befremdlich, wenn russische Sponsoren zugelassen und bayerische Fans ausgeschlossen werden." Überhaupt sei die Praxis, Strafspiele vor leeren Rängen auszutragen, verfehlt: "Die Uefa will offenbar mit Sanktionen ein Zeichen gegen Rassismus setzen. Mir ist aber keine Sanktion bekannt, die je geholfen hätte."

Panoramablick aus dem 18. Stock

Wären die ZSKA-Anhänger so findig wie die paar Dutzend angereisten Bayernfans gewesen, hätten sie sich das Spiel noch anschauen können. Die FCB-Anhänger hatten ein leer stehendes Appartement im 18. Stock eines Hochhauses neben dem Stadion gemietet, das die Arena weit überragte. Die Vereinsführung war in den Plan offenbar eingeweiht: "Das war uns bekannt, wir haben die Miete beglichen", sagte Rummenigge, während Bayern-Kapitän Philipp Lahm die Aktion "sensationell" fand: "Da sieht man mal, was richtige Fans sind."

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Die treuen Unterstützer dürften aber nur in der 22. Spielminute in Begeisterungsstürme ausgebrochen sein: Da schoss Thomas Müller das einzige Tor. Per Foulelfmeter, was symbolisch war für dieses Spiel. Mario Götze hatte ihn nach einem feinen Dribbling in den ZSKA-Sechzehner herausgeholt. "Es war kein Genuss, ein Arbeitssieg gegen einen biederen Gegner", sagte der Matchwinner Müller nach der Partie. Die Hochhaus-Aktion kommentierte der 25-Jährige trocken: "Leider haben sie es nicht geschafft, noch ein Megafon aufs Dach zu stellen."

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Die Bayern haben sich trotz ihrer mäßigen Leistung mit sechs Punkten aus zwei Spielen eine perfekte Ausgangsposition vor den schweren Spielen gegen Rom und in Manchester geschaffen. Zumal ihre beiden nächsten Gegner sich nur mit einem Unentschieden trennten. Und auch in der Liga können sie vor dem Samstagsspiel gegen Hannover gelassen sein.

Denn der wegen diverser verletzter Stammspieler und der WM-Belastung befürchtete Fehlstart ist endgültig ausgeblieben, Tabellenplatz eins in Bundesliga und Champions-League sind vorerst gesichert. Die merkwürdige Reise nach Moskau - Sonntagnacht hatten die Bayern auch noch ihre Hotelzimmer wegen eines Bombenalarms für eineinhalb Stunden verlassen müssen - dürfen sie also schnell vergessen.

Direkt nach Spielende sah aber auch Bayern-Kapitän Lahm in seinem roten FC-Bayern-Jogginganzug nicht begeistert aus, im Gegenteil. "Komisch" fand er die Atmosphäre, aber auch das Spiel: "Wir sind auf eine Mannschaft getroffen, die uns erst 30 Meter vor ihrem Tor angegriffen hat. So macht Fußball nicht wirklich Spaß", sagte Lahm. Er gab zu, "dass wir heute mit einem anderen Gegner gerechnet haben, weil er zuletzt anders agiert hat". Und er übte Grundsatzkritik: "Wir machen schon seit Wochen den Sack nicht früh genug zu."

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Das 5-4-1-Bollwerk, das ZSKA Moskau errichtet hatte, funktionierte und raubte den Bayern die Ideen. "Wir haben es rechts, links, in der Mitte probiert", sagte Guardiola - fast immer erfolglos: Auch deshalb mahnte der Bayern-Coach: "Wir müssen uns noch besser anpassen diese Saison." Er meinte an die schwierige Situation, nicht an den Gegner.

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