Jürgen Klopps Abwehr Darum braucht Liverpool keinen Spielmacher

Vor dem Champions-League-Finale ist die Abwehr des FC Liverpool bestens aufgestellt: Die Außenverteidiger Andrew Robertson und Trent Alexander-Arnold haben außergewöhnliche Fähigkeiten - und bemerkenswerte Biografien.

Trent Alexander-Arnold mit Trainer Jürgen Klopp
Carl Recine / REUTERS

Trent Alexander-Arnold mit Trainer Jürgen Klopp

Aus Madrid berichtet


Am Abend des 18. August 2012 griff Andrew Robertson zum Handy und beklagte sein Dasein. "Das Leben ohne Geld in diesem Alter ist Mist. Brauche einen Job", schrieb er bei Twitter. Damals schlug sich der 18-Jährige beim Viertligisten Queen's Park in Glasgow durch und verkaufte nebenbei Tickets für den schottischen Verband.

Und nun, keine sieben Jahre später, ist Robertson einer der besten Spieler der Premier League, mit Liverpool steht er wie im Vorjahr im Finale der Champions League.

Trent Alexander-Arnold wuchs nur wenige Minuten entfernt vom Trainingszentrum des FC Liverpool auf. Als Kind lugte er über die Mauer des Trainingszentrums, um den Profis zuzuschauen. Als Liverpool wegen Steven Gerrards Ausrutscher im April 2014 die Meisterschaft verspielte, war er Balljunge.

Und nun, keine sieben Jahre später, ist Alexander-Arnold einer der besten Spieler der Premier League, mit Liverpool steht er wie im Vorjahr im Finale der Champions League.

Andrew Robertson und Trent Alexander-Arnold - die beiden Spieler mit den vielleicht schönsten Biografien dieses Champions-League-Endspiels.

Die besten Vorbereiter des Teams

Wenn Liverpool heute (21 Uhr; Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky und DAZN) in der Hitze von Madrid mit Tottenham Hotspur um Europas Fußballthron streitet, wird der Blick auch auf diese beiden Außenverteidiger gerichtet sein. Beide haben eine außergewöhnliche Geschichte - und sind außergewöhnlich wichtig für Jürgen Klopps Mannschaft.

In Abwesenheit eines echten Spielmachers bei Liverpool sind Robertson und Alexander-Arnold die besten Vorbereiter des Teams. In der gerade beendeten Premier-League-Saison kamen sie auf 23 Torvorlagen und hatten damit mehr Treffer mitzuverantworten als der englische Tabellenletzte Huddersfield Town insgesamt in der Liga geschossen hat.

Wohl noch nie in der Premier League war ein Abwehrduo so wichtig für den Angriff. Und nur selten bekommt man heutzutage als Verein noch solche Schnäppchen wie Liverpool mit den beiden Außenverteidigern.

Andrew Robertson (rechts) verfolgt von Serge Gnabry im Champions-League-Achtelfinale
REUTERS

Andrew Robertson (rechts) verfolgt von Serge Gnabry im Champions-League-Achtelfinale

Robertson kam 2017 für rund neun Millionen Euro Ablöse von Hull City. Alexander-Arnold wurde in der eigenen Jugend ausgebildet und ist der einzige echte Liverpooler im Team. Dass die beiden eine solche Karriere machen würden, war dabei lange nicht abzusehen.

Robertsons Platz bei Liverpool war zunächst die Tribüne. Seine Familie und seine Freunde beknieten ihn, geduldig zu sein. Er solle versuchen, es dort zu schaffen, und nicht zu einem kleineren Klub zu wechseln. Seine Chance werde schon kommen. Dafür hätte er ihnen am liebsten den Kopf abgerissen, wie er später der britischen "Times" berichtete. Die Sache war nur: Sie hatten Recht. Der etatmäßige Linksverteidiger Alberto Moreno verletzte sich, Robertsons Chance kam. Er nutzte sie.

Am 14. Januar des vergangenen Jahres, beim 4:3 gegen Manchester City, kam es in der 75. Minute zu folgender Szene: City passte über mehrere Stationen zu Torwart Ederson zurück. Robertson jagte dem Ball hinterher, von der Mittellinie bis an den gegnerischen Fünfmeterraum, ohne Erfolg. Trotzdem veränderte sein Ein-Mann-Pressing für Robertson alles.

Er ließ mit seinem Einsatz das Publikum in Anfield vor Begeisterung toben, die Szene sollte zum Renner im Internet werden, und Klopp sah einen Spieler, der alles hat, was er an Spielern liebt: Einsatzfreude, Kampfgeist, das Verlangen, einen scheinbar übermächtigen Gegner zu nerven. Robertson ist auf seiner Position seitdem gesetzt.

Trent Alexander-Arnold beim Abschlusstraining vor dem Finale
Manu Fernandez/AP

Trent Alexander-Arnold beim Abschlusstraining vor dem Finale

Alexander-Arnold schloss sich mit sechs Jahren Liverpools Nachwuchs an und gab im Januar 2017 sein Startelf-Debüt bei den Profis, gegen den Erzrivalen Manchester United. 14 Monate später erteilte ihm der gleiche Gegner die größte Lehrstunde seiner jungen Karriere. Der damalige United-Trainer José Mourinho hatte ihn als Schwachstelle bei Liverpool ausgemacht, ließ ihn gnadenlos durch Marcus Rashford attackieren und hatte damit Erfolg. United gewann 2:1, durch zwei Rashford-Tore.

Eine solche Erfahrung kann einen jungen Spieler brechen. Alexander-Arnold beschloss, daraus zu lernen: "Ich musste das als Motivation nutzen, um sicherzugehen, dass so etwas nie wieder passiert", sagte er im Februar dem "Guardian". So etwas ist seitdem nie wieder passiert. Mittlerweile genießt er in Liverpool Heldenstatus, seitdem er im Halbfinale den FC Barcelona bloßstellte mit seinem Ecken-Trick vor dem entscheidenden 4:0 im Rückspiel.

Der Harte und der Techniker

Liverpools Außenverteidiger haben unterschiedliche Eigenschaften. Robertson ist eine Urkraft, Alexander-Arnold einer der besten englischen Techniker. Sie sind maßgeblich für den Spielaufbau verantwortlich, indem sie über ihre Seite den Ball nach vorne tragen oder als Empfänger für die Diagonalpässe von Abwehrchef Virgil Van Dijk dienen. In Liverpools 4-3-3 stehen sie oft so hoch, dass es aussieht, als würde die Mannschaft mit fünf Angreifern spielen. Bei gegnerischem Ballbesitz pressen sie unermüdlich.

Im Champions-League-Finale könnten sie eine entscheidende Rolle spielen. Man muss nur auf das jüngste Duell mit Tottenham in der Liga schauen. Am 31. März gewann Liverpool 2:1. Das erste Tor fiel nach einer Flanke von Robertson, das zweite nach einer von Alexander-Arnold.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Skakesbier 01.06.2019
1. Jedes wirklich große Team
braucht jemanden, der a) die Übersicht über's Spiel hat und b) den entscheidenden Paß spielen und evt. sogar selbst 'ne Menge Tore schießen kann. Heißt: Giganten wie Alfredo di Stefano, Gianni Rivera, Overath, Cruyff, Platini. Heute rennen sie halt mehr, finito. Ein Puskas, Matthews, Garrincha, Gento mußten halt 90 Minuten fit sein, denken, laufen, dribbeln - ab ins Tor!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.