Champions-League-Erfolg gegen Paris Dortmund lernt Zeichensetzung

Ein Foul hier, ein Körpereinsatz dort. Borussia Dortmund hat das europäische Spitzenteam Paris Saint-Germain dank ungewohnter Robustheit geschlagen. Emre Can zeichnete sich dabei besonders aus.
Aus Dortmund berichtet Marcus Krämer
Emre Can ist bei Borussia Dortmund sofort Führungsspieler

Emre Can ist bei Borussia Dortmund sofort Führungsspieler

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SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/REX

Der außergewöhnliche Champions-League-Abend begann für Borussia Dortmund schon zwei Stunden vor dem Anpfiff gegen Paris Saint-Germain. Der BVB gab die langfristige Verpflichtung von Emre Can bekannt. Die Mitteilung des Klubs fiel mit drei Sätzen kurz und nüchtern aus, wenn sie aber eine Signalwirkung haben sollte, ging der Plan auf. Die Borussia zeigte eine erstaunlich reife Leistung, gewann 2:1 (0:0) und kann am 11. März mit einem Remis in Paris das Viertelfinale erreichen.

Can war im Winter als Leihspieler von Juventus gekommen, und es brauchte gerade mal drei Pflichtspiele, um die ohnehin bestehende Kaufabsicht mit den Turinern auszuverhandeln: Ablöse 25 Millionen Euro, Vertrag bis 2024. Can hatte in diesen drei Partien gegen Leverkusen, Bremen und Frankfurt genau das gezeigt, wofür ihn der BVB verpflichtet hat. "Er hat natürlich hervorragende spielerische Qualitäten", hatte Manager Michael Zorc unmittelbar nach dem Transfer gesagt. "Aber er soll schon mit seiner Mentalität auf dem Platz vorangehen, auch Zeichen setzen, Signale senden."

Gegen PSG tat Can genau das. Nach einer ausgeglichenen Anfangsphase war es der 26 Jahre alte Mittelfeldspieler, der das berüchtigte, in den vergangenen Monaten aber auch durchaus unruhige Dortmunder Publikum vollends auf die Seite der Mannschaft brachte. In der 19. Minute attackierte Can den Pariser Superstar Neymar auf Höhe der Mittellinie hart. Der Brasilianer blieb etwas länger liegen, manche Schiedsrichter hätten da womöglich schon die Gelbe Karte gezeigt. Diese Art der Zweikampfführung wird in Dortmund goutiert - und mit Neymar gab nun auch noch ein Feindbild, das es auszupfeifen galt.

Cans Foul war der Auftakt einer ganzen Reihe von Aktionen, die auch als Zeichen für die Mitspieler zu werten waren. Axel Witsel verfolgte im Mittelfeld sein strategisches Pendant Marco Verratti und ging immer weiter drauf, bis er plötzlich vor PSG-Torwart Keylor Navas stand (20. Minute). Can langte im Mittelfeld noch mal gegen Ángel di María hin (25.). Dan-Axel Zagadou nahm di María den Ball mit einem robusten Körpereinsatz weg (41.). Die Pariser mussten nach einem eigenen Eckball bis zu Navas zurückspielen (72.). Und erneut war es Can, der Neymar den Ball an der Seitenlinie mit einem beherzten Sprint abluchste (74.).

Die Folge: Nach jeder dieser Aktionen stand nahezu das gesamte Stadion. Warum es nach einer Serie von 17 ungeschlagenen Heimspielen überhaupt einen Zusammenschluss zwischen Zuschauern und Spielern gebraucht hat, ist schwer zu verstehen. Aber dieser Sieg hat genau das erreicht.

Beim BVB sind die Erwartungen mit den Meisterjahren unter Ex-Trainer Jürgen Klopp, den vielen guten Transfers der vergangenen Jahre und dem vor dieser Saison erstmals unverblümt geäußerten Titelziel ungesund gewachsen. Und dann spielte dieses talentierte Team - mitten im von Malocherethos geprägten Ruhrgebiet - auch noch feingeistigen, schnörkellosen Angriffsfußball und vergaß dabei bisweilen die nötige Disziplin in der Verteidigung.

Zeichensetzer Can betonte nach dem Spiel, die defensiven Probleme seiner neuen Kollegen hätten nichts mit Einstellungsproblemen zu tun. "Es ist nur wichtig, dass wir immer alle zusammen als Mannschaft verteidigen und jeder seinen Teil dazu beiträgt", sagte der ehemalige Münchner bei Dazn. "Und dann können wir das, egal gegen welche Mannschaft. Heute haben wir das bewiesen."

Vermutlich wären die BVB-Fans unter den 66.099 Zuschauern auch nach einem torlosen Remis zufrieden nach Hause gegangen. Doch es gibt ja noch diesen 19 Jahre alten norwegischen Stürmer, der mit seinem Siegeswillen und seiner körperlichen Präsenz auch in der Lage ist, Zeichen zu setzen. Gegen die insgesamt enttäuschenden Pariser erzielte Erling Haaland beide Dortmunder Treffer. Einmal staubte er aus kurzer Distanz ab (69.), und nach dem Ausgleich von Neymar (75.) traf Haaland mit einem unhaltbaren Schuss aus 17 Metern (77.). Mit zehn Treffern führt der zweite Winterzugang nun die Torschützenliste der Champions League an.

Can hatte in der Hinrunde bei Juventus gar nicht in der Königsklasse gespielt, sein Klub hatte ihn schlicht nicht gemeldet. Umso erstaunlicher sind seine Leistungen beim BVB. Nun gilt es aber, eine weitere Schwäche abzustellen. So erfolgreich die Dortmunder vor heimischer Kulisse spielen, so regelmäßig folgt in Auswärtsspielen die Ernüchterung. "Wir haben noch ein extrem schwieriges Spiel in Paris vor uns", sagte Can. "Aber wir können das schaffen, wenn wir als Mannschaft wieder so wie heute zusammenhalten." Und Zeichen setzen.

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