BVB nach Niederlage in Barcelona Bodenlos

Der FC Barcelona ist in dieser Saison so verwundbar wie lange nicht mehr - und dennoch hatte der BVB im Camp Nou nicht den Hauch einer Chance. Diesem Team fehlt Haltung, dem Klub eine Idee für die Zukunft.

REUTERS/Albert Gea

Von Florian Haupt, Barcelona


Schwere lag über der Dortmunder Expedition, als das Team nach dem 1:3 beim FC Barcelona das Camp Nou verließ. Lucien Favre, der Trainer, sprach kurz zuvor langsam und wenig, die Pressekonferenz dauerte nur vier Minuten: "Es ist sehr schwer zu spielen hier", sagte er, und überhaupt: "Das ist eine sehr schwere Gruppe."

Schwer wird das Weiterkommen in das Achtelfinale der Champions League für den BVB jetzt in der Tat. Weil das direkte Duell mit Inter Mailand trotz des fulminanten 3:2 vor drei Wochen verloren ging (0:2 im Hinspiel) und beide Vereine punktgleich sind, muss Dortmund gegen Slavia Prag ein besseres Ergebnis schaffen als Inter gegen Barça. Aber die Katalanen stehen schon als Gruppensieger fest und fahren nach Mailand inmitten einer Serie von schweren Ligaspielen, sie dürften rotieren, vielleicht pausiert Lionel Messi, und sie haben auswärts derzeit sowieso Mühe, irgendwo zu gewinnen. Es könnte also die Europa League werden, aber vielleicht ist es aktuell auch egal, in welchem Wettbewerb der BVB spielt. Vielleicht muss er erst wieder lernen, eine Spitzenmannschaft zu sein.

Es ist die Mannschaft eines Vereins mit einem der höheren Etats im europäischen Fußball und dem noch vor Kurzem kommunizierten Anspruch, um den Titel in der Bundesliga mitzuspielen. Erfahrene Vertreter einer solchen Mannschaft sollten nach einem chancenlosen Abend eigentlich nicht wie Mats Hummels sagen, dass so eine Niederlage "in Barcelona schon passieren kann". Oder das "nichts passiert ist, wofür wir uns schämen müssen". Auch wenn das nicht völlig falsch sein mochte, hinterließ es einen deprimierenden Eindruck: dass die Borussen fast noch zufrieden waren, weil es nicht schlimmer kam.

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Messis 700. Barça-Spiel: Geschenke vom BVB

Natürlich, Messi war mal wieder Messi, aber sonst hat der FC Barcelona derzeit nicht viel mit dem Wunderteam von einst zu tun, das gerade deutsche Gegner im Camp Nou oft in alle Einzelzeile zerlegte. Das aktuelle Barça müht sich von Spiel zu Spiel, die Kritiken sind harsch. "Diese Mannschaft hat kein einziges der charakteristischen Merkmale der besten Teams der Klubgeschichte und lässt keinen Vergleich zu den ehrbarsten Teams Europas zu": So analysierte Spaniens größte Tageszeitung "El País" vor der Partie nicht Borussia Dortmund. Sondern den FC Barcelona.

Gegen dieses Barcelona wirkte Dortmund beim seinem ersten Camp-Nou-Besuch in diesem Jahrtausend in keiner Phase so, als würde es auch nur an eine Chance glauben. Anders als Inter, das hier mit aggressivem Konterfußball eine Halbzeit dominierte, ehe Messi und Luis Suárez das Spiel noch so eben zum 2:1 drehten. Anders als Slavia, das mit einer kohärenten Teamleistung ein nicht unverdientes Remis erwirtschaftete - 0:0. Beide Gegner brachten mit, was Dortmund fehlte: Haltung, Persönlichkeit und eine schlüssige Vorstellung, was sie wie tun wollten. Bei einem BVB mit vier Verteidigern auf den Außenpositionen und dem gefährlichsten Spieler, Jadon Sancho, anfangs nur auf der Bank, war das nicht zu erkennen.

Für einen Spitzenklub zu viele Krisen

Wer noch den europäisch stets wettkampflustigen BVB von Jürgen Klopp oder Thomas Tuchel vor Augen hatte, konnte sich nur wundern. Dortmund ist eine seltsam amorphe Mannschaft geworden. Undefiniert, unbeständig. Vorige Saison gewann sie ihre Champions-League-Gruppe vor Atlético Madrid, um dann im Achtelfinale gleich zweimal gegen Tottenham zu verlieren. Doch schon in Klopps letztem Jahr stand man teilweise auf dem letzten Tabellenplatz. Seither scheinen zu viele Trainer-, Spieler- und Strategiewechsel (Youngster, Routiniers) die Ausschläge immer weiter zu verstärken. Es scheint Überzeugung jenseits des Resultats zu fehlen, eine belastbare Idee, ein Boden unter den Füßen, der auch durch Krisensituationen tragen würde, in die das Team erstaunlich häufig wie ungewöhnlich rapide rutscht, jedenfalls für einen Spitzenklub.

Am Mittwoch musste sich Dortmund vielleicht nicht schämen, aber es schenkte Barcelona den ersten einfachen Champions-League-Abend der Saison. Messi flanierte schon nach dem 2:0 so entspannt über den Platz, dass er seine selektiven Interventionen hauptsächlich zu einem Reha-Programm für Antoine Griezmann nutzte. Der Franzose hatte vor dem Spiel seine Abstimmungsprobleme mit den Sturmkollegen und ein niedriges Selbstvertrauen eingestanden. Nun wurde er von Messi rührend gesucht, bis er endlich das 3:0 geschossen hatte. Dass der BVB danach das Spiel bestimmte, zum Ehrentreffer durch Sancho kam und in den Schlussminuten noch zu einem Lattentreffer des Engländers, war auch wesentlich der Einladung des Gegners geschuldet. "Sie haben dann einen Gang zurückgeschaltet", erkannte Torwart Roman Bürki an.

Vielleicht reicht das ansprechende Finish ja trotzdem für ein nicht ganz so schlechtes Gefühl vor dem Spiel am Samstag bei Hertha BSC mit dem neuen Trainer Jürgen Klinsmann, dem viel beschworenen Job-Finale für Favre. "In der Bundesliga die Trendwende schaffen", will jetzt Manager Michael Zorc. Doch wenn man die Dinge nach dem jahrelang ersehnten und dann so wenig heldenhaften Ausflug nach Barcelona in Perspektive setzt, dann geht es bei Borussia Dortmund wohl um mehr als bloß eine Konjunktur.

FC Barcelona - Borussia Dortmund 3:1 (2:0)
1:0 Suárez (29.)
2:0 Messi (32.)
3:0 Griezmann (67.)
3:1 Sancho (77.)
Barcelona: ter Stegen - Roberto, Umtiti, Lenglet, Firpo - Rakitic (78. Vidal), Busquets, de Jong - Messi, Suárez (90.+1 Wagué), Dembélé (26. Griezmann)
BVB: Bürki - Piszczek (76. Zagadou), Akanji, Hummels, Guerreiro - Weigl (85. Götze), Witsel - Hakimi, Brandt, Schulz (46. Sancho) - Reus
Schiedsrichter: Turpin (Frankreich)
Gelbe Karten: Messi, Busquets - Guerreiro
Zuschauer: 90.071

insgesamt 142 Beiträge
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Seite 1
sirraucheinviel 28.11.2019
1. Joah ....
.... der BVB ist leider, für das was mit dem Kader möglich ist, ein echt schlechter Verein zur Zeit. Frage mich woher diese furchtbare Einstellung in jedem Spiel kommt. Tippe auf Favre. Man kann es ohne Schmerzen einfach nicht anschauen...
deglaboy 28.11.2019
2. Mit Favre und dem BVB...
wird das nix mehr. Aber wenn eine selbstzufriedene, dabei sture Vereinsfuehrung sich den offensichtlichsten Realitaeten verweigert, statt hart an der Sache zu arbeiten Jubelbuecher veroeffentlicht, kann es nur weiter nach unten gehen. Die hohlen Sprueche vor den Spielen, die noch hohleren Entschuldigungen nach den Spielen sind, im Angesicht der Realitaeten auf dem Platz, entlarvend.
jfpublic 28.11.2019
3. Als Außenstehender ist das Problem klar
Wenn jemand keinen geraden Satz auf deutsch herausbringt, dann muss man sich nicht wundern, dass niemand weiß was er tun soll. Die Sprachbarriere sehe ich nicht so kritisch, so lange da jemand steht und wie ein Wasserfall redet: Klopp, Guardiola ... da steckt der Enthusiasmus einfach an ... der BVB Trainer ist da eher einsilbig - vielleicht hat er auch nichts zu sagen.
frank_w_abagnale 28.11.2019
4.
Lucien Favre hat seinem Ruf als "Zögerli" mal wieder alle Ehre gemacht. Katastrophe.
regor_regorefix 28.11.2019
5. Kann man so stehenlassen!
Auch wenn es für die Fans des BVB etwas hart klingen mag, aber die Auffassung des Autors ist in vielen Punkten zutreffend. Ich hatte gehofft, dass sich der BVB dort wenigstens einen Punkt erkämpft, um mit guten Chancen in den letzten Spieltag zu gehen. Tatsächlich habe ich aber ein Spiel des BVB gesehen, dass mich frappierend an die kürzliche Niederlage gegen meine Bayern erinnerte. Ein blutleerer, mutloser, fast schon ängstlicher Auftritt der Dortmunder. Wenn dann wieder die Entschuldigung vorgebracht wird, mit Barcelona und Inter hätte man eine "Todesgruppe", während Bayern ja nur gegen "Fallobst" spielt, dann mag das vom Renommee her stimmen. Aber wie in dem Artikel schon beschrieben, derzeit sind die sportlichen Auftritte von Barcelona auch nicht mehr durchgängig überragend. Sie sind ein Team von Spitzenfußballern und haben mit Messi vermutlich den Fußballer dieses Jahrtausend in ihren Reihen. Dieser Messi, der - wenn er den Ball hatte -durch die gesamte Dortmunder Abwehr ging wie das sprichwörtliche heiße Messer durch die Butter. Dergleiche Messi aber auch, der keinerlei Defensivarbeiten verrichtet und auch nur läuft wenn er den Ball hat. Ich denke - und da werden mir die BVB-Fans wohl zustimmen - in Barcelona war eigentlich mehr drin. Wieso wurde Sancho erst zur zweiten Hälfte eingewechselt und spielte nicht von Beginn an (war er angeschlagen oder hatte das disziplinarische Gründe)? Der Einsatz von Schulz in der Startelf war doch eine Vorgabe! Und auch Reus war - wie so oft in großen Spielen - leider wieder nicht zu sehen. Der Dortmunder Kader hat extrem viel Tempo, was gerade gegen Barcelona wichtig gewesen wäre. Gebracht wird dieses Tempo vom Trainer aber erst dann, wenn es meist zu spät ist. Schade BVB, ich denke die Chance in die KO-Phase der Championsleague einzuziehen wurde fahrlässig verpasst (oder glaubt auch nur irgendeiner, dass sich Barcelona gegen Inter ein bein ausreisst?).
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