BVB-Pleite in Lissabon Wochen der Verschwendung

Dortmund droht nach dem 0:1 in Lissabon das Aus in der Champions League. Das Eigenlob ist fehl am Platz. Was nützt die Überlegenheit, wenn der Angriff so schludert wie zuletzt?

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Aus Lissabon berichtet


Eigentlich ist Sokratis Papastathopoulos, genannt "Papa", ein sehr ernster Mann. Der griechische Verteidiger gehört zur Sorte Fußballer, für die einmal jemand den Begriff "humorlos" in die Sprache des Sports eingeführt hat. Insofern staunten die Zuhörer am Dienstagabend, als plötzlich ein Lächeln auf Papas Gesicht erschien. "Nein, nein, nein, das wird nicht kompliziert", korrigierte er einen Reporter, der nach der 0:1-Niederlage des BVB bei Benfica Lissabon einen eher skeptischen Ausblick auf das Rückspiel am 8. März gewagt hatte.

"Wenn wir noch einmal so spielen, wird das nicht schwierig für uns, sondern es wird sehr schwierig für Benfica", sagte Sokratis und grinste zufrieden. Die Kunst, aus eigenen Unzulänglichkeiten Zuversicht zu schöpfen, beherrschen sie inzwischen gut beim BVB. Sokratis' demonstrativ präsentiertes Selbstvertrauen diente dazu, die wachsende Unsicherheit zu überdecken.

Tatsächlich war der BVB "komplett überlegen", wie Trainer Thomas Tuchel sagte, er sei mit der Leistung "außerordentlich zufrieden". Das wankelmütige Team habe diese bisher so erfolgreiche Champions-League-Saison um "ein außergewöhnlich gutes Spiel" bereichert, die Abwehr stand gut, Torhüter Roman Bürki gab an, während der 90 Minuten "keinen Ball mit der Hand berührt" zu haben, und Pierre-Emerick Aubameyang hatte eine Großchance nach der anderen, inklusive Handelfmeter. Was fehlte, war ein Treffer. Deshalb ist die Dortmunder Zuversicht bemerkenswert.

Torhüter Bürki äußerte sich fast schon despektierlich gegenüber Benfica. "Wie die feiern, denken wahrscheinlich, sie hätten gut gespielt", sagt er. War das ein Ausdruck von Arroganz? Droht die Mannschaft die Demut zu verlieren? In dieser Saison häufen sich schlampige Auftritte gegen schwächere Gegner. Und nun erlauben sich BVB-Profis flotte Sprüche nach Champions-League-Niederlagen?

Michael Zorc gefiel das nicht. Dortmunds Sportdirektor widersprach energisch, als ihm jemand das Wortpaar "trotzdem zuversichtlich" in den Mund legen wollte. "Das habe ich nicht gesagt", sagte er, natürlich ahnt er, dass eine Wiederholung dieser überlegenen Leistung keine Selbstverständlichkeit ist. "Ich möchte das erst mal sehen", sagte Zorc, über seine Stirn zogen sich Falten der Skepsis.

Womöglich zeigte sich am Dienstagabend in den Tiefen des Estádio da Luz das eigentliche Problem der Borussia: Im Wissen, besser zu sein als die meisten Gegner, neigt sie zur Nachlässigkeit. In solchen Momenten wirkt der BVB überheblich.

Auch Marco Reus legte den Finger in die Wunde. "Unser Problem ist schon, dass wir zu wenig Tore machen", sagte der Nationalspieler, während Benfica eine einzige gefährliche Szene vor dem Dortmunder Tor zum Sieg reichte. Zorc wurde noch konkreter: "Wir haben Hertha BSC im Pokal am Leben gelassen, da hätten wir gar nicht in die Verlängerung gehen dürfen, und wir hätten Leipzig abschießen müssen. Man braucht mehr Konsequenz und den Willen, das Tor zu machen." In Lissabon führte Aubameyang die Wochen der Verschwendung zu einem vorläufigen Höhepunkt.

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Champions League: Chancenwucher in Schwarz-Gelb

Der Torjäger stand zweimal unbedrängt zentral vor dem Tor, an schlechten Tagen lässt er eine dieser Chancen ungenutzt, gegen Benfica vergab er beide. Dann verschoss er auch noch einen Strafstoß, woraufhin Tuchel ihn aus dem Spiel nahm. Aubameyang sei Ende Januar in einem unbefriedigenden körperlichen Zustand vom Afrika-Cup zurückgekommen, berichtete der Trainer später und versicherte, dass die Auswechselung keine Strafe war. "Nach dem verschossenen Elfmeter hatte ich von seiner Körpersprache her nicht mehr das Gefühl, dass er in der Lage ist, zu treffen", sagte Tuchel. Einen Spieler, der das Toreschießen in solchen Krisen des Chefstürmers übernimmt, gibt es derzeit nicht beim BVB.

Womöglich beschäftigt sich Aubameyang doch mehr mit der Frage nach einem Vereinswechsel als die Dortmunder zugeben wollen, in jedem Fall zeigt sich eine gefährliche Abhängigkeit vom aktuell besten Bundesligatorschützen. Alleine diese Einsicht könnte dem Team Sorgen bereiten, aber die meisten Beteiligten in Lissabon wollten unbedingt das Positive herausstellen.

In einer Zeit, in der Borussia Dortmund ständig mit neuen Problemen konfrontiert wird, muss man das wahrscheinlich verstehen. Am Samstag tritt der BVB vor einer leeren Südtribüne gegen den VfL Wolfsburg an.

Benfica Lissabon - Borussia Dortmund 1:0 (0:0)
1:0 Mitroglou (48.)
Lissabon: Ederson - Eliseu, Lindelöf, Luisão , Semedo - Fejsa, Pizzi - Salvio, Rafa Silva (67. Cervi) , Carrillo (46. Augusto) - Mitroglou (75. Jiminéz)
Dortmund: Bürki - Piszczek, Sokratis, Bartra, Schmelzer - Weigl - Durm, Guerreiro (81. Castro) - Dembélé, Reus (81. Pulisic) - Aubameyang (62. Schürrle)
Schiedsrichter: Nicola Rizzoli (Italien)
Zuschauer: 65.000
Gelbe Karten: Fejsa - Schmelzer, Pulisic Bartra
Bes. Vorkommnis: Ederson hält Handelfmeter von Aubameyang (58.)

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treime 15.02.2017
1. Tuchel vollkommen überbewertet
Langsam sollte auch der letzte Tuchel-Fan begriffen haben, das er auch nur mit Wasser kocht. Gestern konnte man hevorragend sehen, wie seine Mannschaft an seiner Taktik scheiterte. Das ständige "auf Höhe der Viererkette" stehen der Angreifer wurde nicht nur durch eine gute Defensivleistung der Lissaboner zerstört, dadurch fehlten bei den 2. Bällen auch Spieler die diese erobern konnten. Dortmund rannte immer wieder an den Ball zurückzuerobern, die Außen waren selten anspielbar, weil sie oben in der Viererkette vergammelten, wenn sie sich lösten, dann viel zu spät. Ich dachte mir gestern nur "Wann sieht Tuchel ein, das es so nicht klappt." Niemals. Nein, er lobte seine Mannschaft auch noch. Man konnte doch schon sehen, das Schüsse aus 16-25m dem Torhüter und der Abwehr Probleme bereitet hatten, da dann ein Angreifer hinterher und gut ist. Aber nein, laut Tuchel alles bestens! Was ein Quacksalber. Die Spieler können einem schon Leid tun - oder auch nicht. Denn sie hätten ja mal selber was anderes versuchen können. Nein, ein Reus steht ständig im Abseits anstelle seine Schnelligkeit mal nutzen und die Viererketter einfach überlaufen zu können. Doppelpässe sind das Mittel der Wahl. Gab es so gut wie nie, wenn, dann nur im Mittelfeld und um in der Abwehr raus zu kommen.... Wolfsburg hat am kommenden Wochenende ein Heimspiel, nächste Niederlage. Wer so ein stark besetztes Team mit solchen Taktiken verheizt, da ist dann auch der Vorstand Schuld, der keine Ziele ausspricht. BVB nächste Saison MAXIMAL Europaliga. Ihnen würde es gut tun, wenn sie mal international pausieren müßten.
Caimann 15.02.2017
2. BvB
Wenn ich die Körperhaltung von Auba sehe denke ich, er hat sich schon gedanklich vom BvB gelöst. Er ist momentan nur noch ein Schatten. Mich erinnert das stark an den Wechsle von Götze zum FCB. Das ist eine Seite, die andere ist die Chancenverwertung. Grottenschlecht. Da braucht Herr Tuchel nichts schön reden. Es ist aber so, der BvB hat ein Spiel verloren und hat es selbst in der Hand weiter zu kommen. Gar nichts ist verloren.
ge1234 15.02.2017
3. Oh je...
Zitat: "Im Wissen, besser zu sein als die meisten Gegner, neigt sie zur Nachlässigkeit." In der Liga abgeschlagen 8 Punkte hinter dem Tabellenzweiten, mit Hängen und Würgen im Pokal weitergekommen und in der CL kurz vorm Ausscheiden, aber man "weiß, dass man besser ist als (fast) alle anderen". So etwas nennt man gemeinhin übersteigertes Selbsbewußtsein oder -treffender- kompletten Realitätsverlust. " Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune...."
jamon 15.02.2017
4. 0-1 / hilfe.....
früher war ein 0-1 auf fremdem platz eine lösbare aufgabe. heute droht das aus? verrückt, wie sich die zeiten ändern. es gibt so einige dinge, die mir in den letzten jahren den fußball vergrämen. einer davon ist diese unsägliche - panik machende - berichterstattung.
Yoroshii 15.02.2017
5. Normalmaß?
Tuchel ist gewiss kein Minusmann im Traineramt. Aber vielleicht hat er sich selber doch erheblich überhöht. Kein Wunder, da man ihn doch von "außen" in wolkige Sphären befördert hat. Er hat sich in letzter Zeit quasi selbst zurechtgestutzt. Eine Horde hochbegabter Jungspunde macht nochlange kein sinnvoll agierendes Gesamtgefüge. Er hat nicht im Sinne des Sinnvollen gearbeitet. Leute wie Götze und Kagawa (insbesondere Kagawa!!) stehen für das Sinnhafte im Spiel. Der Coach hat die beiden zurechtgestutzt auf Bankdrückermaß - und sich selbst im Amt amputiert.
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