Gladbach in der Champions League Die gute alte Borussia-Zeit

Borussia Mönchengladbach kehrt nach 37 Jahren Abstinenz auf die ganz große europäische Bühne zurück. Die Stimmung ist vor dem Champions-League-Debüt allerdings schlecht. Da hilft ein Blick in die glorreiche Vergangenheit.

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Max Eberl war gerade einmal vier Jahre alt, wahrscheinlich hat er damals in seiner niederbayerischen Heimat das allererste Mal gegen einen Fußball getreten. Zu dieser Zeit hat Borussia Mönchengladbach, der Verein, dessen Manager er heute ist, sein bisher letztes Spiel im Europapokal der Landesmeister absolviert.

37 Jahre, fünf Monate und drei Tage hat es danach gedauert, bis die Borussia in den erlesenen Kreis der europäischen Königsklasse zurückgekehrt ist. Der Europokal der Landesmeister heißt mittlerweile längst Champions League, die meisten der Gladbacher Spieler können sich vermutlich gar nicht daran erinnern, dass der Wettbewerb mal einen anderen Namen trug, wenn sie am Abend beim FC Sevilla (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: Sky) ihr Champions-League-Debüt geben.

Sie müssten dazu schon ihren Vizepräsidenten befragen. Nachvollziehbar wäre es angesichts der tristen Gegenwart als punktloser Tabellenletzter der Bundesliga, sich in die Erinnerung an die guten alten Zeiten der Borussia zu flüchten. Rainer Bonhof, heute 63 und in Ehren ergraut, stand an jenem 12. April 1978 auf dem Rasen, als es an der Anfield Road beim FC Liverpool um den erneuten Einzug ins Europokal-Endspiel ging. 2:1 hatte die Borussia das Hinspiel gewonnen, Bonhof hatte mit einem sehenswerten Freistoß kurz vor dem Abpfiff das Spiel entschieden.

Das 0:3 von Anfield markierte das Ende einer Ära

Im Rückspiel waren die Gladbacher chancenlos. Liverpool, das Überteam jener Tage, gecoacht vom Trainer-Guru Bob Paisley, gespickt mit Stars wie Torwart Ray Clemence, Graeme Souness und Kenny Dalglish in der Offensive, mit Ray Kennedy und Terry McDermott machten kurzen Prozess. Am Ende stand es 3:0, und es zeugt schon von großem Traditionsbewusstsein, dass die Gladbacher mit genau diesem Ergebnis am Freitag gegen den Hamburger SV ihre Generalprobe vor ihrer Rückkehr ins große Europa vergeigt haben.

Das 0:3 von Anfield - es war eine symbolische Niederlage. Es war der Anfang vom Ende der großen Borussia-Zeit.

Fünf Mal waren die Gladbacher zwischen 1970 und 1977 Deutscher Meister geworden, geformt von Hennes Weisweiler, weitergeführt von Udo Lattek. Die Siebzigerjahre waren Borussen-Jahre. Welch eine Mannschaft stand damals zur Verfügung: Günter Netzer in den ersten Jahren, Jupp Heynckes, die Tormaschine, Allan Simonsen, Europas Fußballer des Jahres, Rainer Bonhof, Herbert "Hacki" Wimmer, Uli Stielike - und hinter all ihnen der dauergrätschende Berti Vogts.

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Die Borussia war Stammgast in der Königsklasse, hatte mit dem Büchsenwurfspiel gegen Inter Mailand vom 20. Oktober 1971 eine Fußball-Legende geschaffen, als Netzer und Co beim rauschhaften 7:1 die Blaupause für das Image der Fohlen-Elf kreierten. Nach vorne, nach vorne, mit allen Mitteln. Defensive, dafür sorgte Vogts. Die Übrigen waren mit Stürmen beschäftigt.

An jenem Abend hätte diese Elf nichts aufhalten können - bis auf eine auf den Platz geworfene Cola-Dose, die bei Inter-Schlitzohr Roberto Boninsegna vermeintlich zu sofortiger Ohnmacht führte. Die Dose steht heute im Museum, das 7:1 wurde annulliert, die Partie auf neutralem Boden wiederholt. Das 0:0 von Berlin bedeutete nach einem 2:4 in Mailand das Aus.

Der Name van der Kroft hat Geschichte gemacht

Gladbach und die Schiedsrichter: Neuauflage beim nächsten Anlauf in der Königsklasse. Die Borussia, im Vorjahr Uefacup-Sieger geworden, traf im Viertelfinale auf Real Madrid, wieder so ein Überteam: Bei Real spielten mit Paul Breitner und Günter Netzer zwei deutsche Weltmeister, dazu die Real-Ikonen Pirri, Camacho und Santillana.

Aber sie alle waren nur Nebenfiguren in dem Drama, das sich aus Sicht der Borussia-Fans am 17. März 1976 abspielte. Nach einem 2:2 im Hinspiel im Düsseldorfer Rheinstadion, wo die Borussia ihre großen Europacup-Spiele austrug, war das Team von Udo Lattek unter Zugzwang und bot trotz des Drucks eines der besten Europapokal-Auswärtsspiele seiner Geschichte.

Dass es dennoch am Ende nur 1:1 ausging und die Borussia dadurch ausschied, war dem niederländischen Referee Leonardus van der Kroft zu verdanken. Der Schiedsrichter erkannte zwei reguläre Tore der Gladbacher nicht an, dafür verwarnte er jeden Borussen, der ihm nicht schnell genug entkommen konnte. Der Niederländer hat danach nie mehr ein internationales Spiel gepfiffen. "Nach dem Spiel haben wir zu ihm viele böse Worte gesagt, aber er zeigte weder Gelbe noch Rote Karten. Wahrscheinlich wusste er, dass er falsch entschieden hatte", erinnerte sich Herbert Wimmer bei SPIEGEL ONLINE.

Im Jahr danach konnten auch die Schiedsrichter die Gladbacher nicht auf dem Weg ins Endspiel aufhalten. Das Finale gegen Liverpool markierte einen Höhepunkt der Fohlen-Elf. Der danach nie mehr erreicht wurde. Der Satz von Berti Vogts, der 1979 beim Gewinn des Uefa-Pokals gesagt haben soll "Schaut euch diesen Pokal an, es wird der Letzte sein, den Borussia für lange Zeit gewinnen wird", gilt für die internationalen Wettbewerbe bis heute.

Und wie es aussieht, werden viele Trophäen in dieser Spielzeit auch nicht hinzukommen.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
ambergris 15.09.2015
1.
Nach dem unglücklichen Saisonstart kommt mir die Situation jetzt vor, wie ein Lamm das zur Schlachtbank geführt wird...
rachpaka 15.09.2015
2. Berti bei Real ??
Untertext zu Foto Nr. 5 ist wahrscheinlich ein Scherz. Ansonsten hätten die Kaninchen im Tatort noch mehr Möhren bekommen.
Uurah 15.09.2015
3. Sicherlich nicht
"Da hilft ein Blick in die glorreiche Vergangenheit." Da hilf nur der Blick nach vorn und planmässiges Arbeiten auf ein Ziel hin.
widower+2 15.09.2015
4. van der Kroft
Ich weiß noch wie heute, dass ich mit meinen damals 10 Jahren vor Wut geheult und getobt habe bei diesem Spiel. Es waren nicht nur die zu Unrecht nicht gegebenen Tore, sondern auch mehrere nicht gegebene Elfmeter. Einen so offensichtlich parteiischen Schiedsrichter habe ich nie wieder erleben müssen.
omop 15.09.2015
5. Gladbach stagniert..
Und präsentiert sich unterirdisch..leider hat sich Gladbach m.E. eher schlecht verstärkt, so dass es diese Saison auch in der BL wohl nicht für die internationale Plätze reichen wird.
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